Buchreview: Veronika Kracher – Incels

Veronika Kracher hat ein Sachbuch über Männer geschrieben. Über junge Männer, die unfreiwillig beziehungslos leben. Und angefangen haben, Frauen zu hassen. Und sich mit Gleichgesinnten in Foren zusammen geschlossen haben. Incels.

Incels sind ohne Message-Boards und Reddit nicht denkbar. Das ist sicher kein Trendthema, da es diese bereits in Email-Newsgroups und mit phpBB2 Foren Anfang der 2000er gab. Das alles ist nicht neu. Genauso wenig wie die Plattformen, die danach kamen: Facebook und Twitter. Aber es generiert kollektiv schlechte Laune. Linke Version der schlechten Laune: vier Jahre lang Doomscrolling auf Twitter während der Trump Präsidentschaft. 

Rechte Version: The_Donald Subreddit (inzwischen geschlossen). Oder Incels, die die Welt als gelenkt durch die Verschwörung aus Kulturmarxismus und Feminismus sehen.

Aktuell wechseln die Gezeiten: Deplattforming wirkt. Ich habe das selbst vor einigen Jahren noch kritisch gesehen. Die blocken ja vorausschauend alles! Aus heutiger Sicht: ja, zurecht. Hinter dem Schlagwort “Meinungsfreiheit” verstehen heute vor allem Rechte alles Niederbrüllen zu können, was nicht in ihre Weltsicht passt. Und das unter der Anleitung von Chief-Troll Trump. Es hat sich einiges geändert seit 2016 bei Twitter, Facebook und Reddit in Sachen Content Moderation. 

Was mir im Buch etwas zu kurz kam: CPUs, Bildschirme, Grafikkarten. Junge und Technik. Das ist bei Veronika Kracher eher Begleitmusik. Oder die Bühne, auf der Incels sich ausagieren. Ich bin mir nicht sicher, ob das Medium hier mehr tut, als die bloße Infrastruktur bereitzustellen. Ich sitze vor einer Rechnenmaschine mit ultimativer CPU und kann damit alles machen. Das ist das ultimative Übermenschen-Setting. (Jonathan Franzen hat einen ähnlichen Gedanken in seinem Roman “Purity” formuliert).

Veronika Kracher analyisiert Incels anhand von Texten und deren Inhalten. Ich selbst würde heute Ideologiekritik viel stärker festmachen am Setting: das Jungs-Zimmer mit vollgewichsten Socken und den ganzen Tag vor dem Rechner hängen.

Was ich in einem Sachbuch wirklich selten gelesen habe: Empathie. Veronika Kracher durchbricht wie der Marvel Charakter Deadpool die Vierte Wand. Sie nimmt sich nicht heraus als Erzählerin, sondern lässt Ihre eigenen Erfahrungen mit psychischer Erkrankung und Depression in den Text einfließen. Das ist kein Schreiben über den Gegenstand aus Vogelperspektive. Und das ist verdammt mutig. Besonders weil das Thema die üblichen Stinkmorcheln der Männerrechtsbewegung aus ihren Löchern lockt um gleich zum Buch und der Autorin ihren Sermon loszulassen. Respekt vor der Autorin sich auf dieses Millieu mit offenem Visier einzulassen, wo Gewaltandrohungen von Doxxing bis Vergewaltigungsdrohungen zum Umgangston gehören.

Offen bleibt die Frage, ob die Reduktion auf den Begriff “Incels” das Phänomen beschreibt. Oder ob “Incel” nicht schon eine Selbstdarstellung der Betroffenen ist, welche von der Theorie übernommen wurde. Und wie sich Incels von Männern mit psychischen Problemen mit Gewaltpotential abgrenzen lassen. Und wie das wiederum mit Amokläufen zusammenhängt, die sich oft gar nicht mehr so einfach kategorisieren lassen. Letzteres ist eher ein Problem für die Theoriebildung, weniger für die Täter. Diese ziehen ihre Joker-“mad terrorism” Nummer befeuert von toxischer Männlichkeit durch. Gibt es eigentlich Amokläufe von Frauen? 

Nochmal zurück zu den Anfängen. Ende der 1990er Jahre waren Incel-Messagegroups einfach nur Anlaufstellen für Menschen jeglichen Geschlechts und sexueller Orientierung mit Beziehungsproblemen. Irgendwann Ende der Nuller Jahre veränderte sich die Szene, radikalisierte sich und lieferte eine frauenfeindliche, menschenverachtende Ideologie mit. Incel ist als Radikalisierungsprogramm zu sehen und hat inhaltliche Schnittmengen mit Faschismus und Jihadismus. Wenn Psychotherapie Menschen aus dem Elend helfen will, dann sind Incel-Boards das genaue Gegenteil. Man bestätigt sich gegenseitig in seiner Misere und verfestigt die nihilistischen Einstellungen. Jeder, der raus will, wird von der Gemeinschaft zurückgehalten.

Blieb nur die Frage: warum tun Menschen sich selbst und anderen so etwas an? Hoffnung macht das Aussteigerforum des Subreddit https://www.reddit.com/r/incelexit/ 

Das Buch endet mit einem offenen Brief an die Incels und der Aufforderung: “Verlasst diese Foren. Hört auf, Frauen zu sexualisieren, und lernt, sie als Subjekte wahrzunehmen.” Was ein Ex-Incel empfiehlt: Yoga machen. Raus aus der Gedankenwelt, zurück zum Körper.

Veronika Kracher – Incels. Geschichte, Sprache und Ideologie eines Online-Kults 

280 Seiten. Erschienen am 28.10.2020

https://www.ventil-verlag.de/titel/1862/incels

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