Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie mal war. Bruchstücke zu The Walking Dead und The last of us.

Beschreibungen einer möglichen Zukunft sagen wenig über eben diese, dagegen sehr viel über die Gesellschaftsformationen der Zeit, der sie entstammen, aus. Science Fiction als Teil der Phantastik ist wie ein Thermometer, das in den Lavastrom des Unbewußten gehalten wird. Es erlaubt Einblicke in die Begierden, die Begeisterungen, Ängste und Ideologien der Gegenwart.

So gesehen waren die 1950er Jahre ein Garten Eden für Phantasien. Isaac Asimov, Gene Roddenberry, Stanislaw Lem. Zukunft galt hier als Bereich der Verwirklichung des wahren Menschen, dem Einlösen der Versprechen, die es noch nicht gab. Die Welt da draußen: eher trist, es herrschte der Kalte Krieg. Heute: “The Walking Dead” und “The Last of Us” dominieren als Inhalte der Futoroloie. Selbst Star Trek, in seiner üblichen Überwinterungsstrategie der Kinofilme, ist auf Action umgestiegen. Die Zukunft ist veraltet, niemand will damit mehr etwas zu tun haben. Anstelle des Aufbruchs der Nachkriegsära hat in Science Fiction die routinierte Abgeklärtheit der Jetztzeit Einzug gehalten.

Exemplarisch dazu kurz Überlegungen zum Playstation 3 Spiel “The Last of us” sowie “The Walking Dead”, wobei es hier hauptsächlich um die TV Serie geht. The Last of us operiert in einem Zombie-Setting ohne Zombies. Das Setting ist die Post-Apokalypse, hier hat allerdins ein Pilz Menschen mutiert und in angriffshungrigen Bestien verwandelt. Keine schnellen Zombies, sondern entweder Runner (frisch infizierte) oder Clicker (der Pilz hat hier die Kontrolle über Psyche und Physiologie übernommen). Die letzten Überlebenden durchstreifen die Ruinen. Städte sind nur noch als Ruinen vorhanden, mit Schrott überfüllt und von Unkraut überwuchert.

Es gibt hier nichts mehr zu verteidigen. An die Stelle von Gesellschaft ist die permanente Bedrohung getreten durch Mutanten und andere Überlebende, die sich in Banden organisiert haben und Jagd auf Menschen machen. Naturzustand als negative Anarchie, die Herrschaft von Banden. Wer sich mit aller Brutalität durchsetzen kann, gewinnt. Die Angst der Bourgeoise für der Herrschaft des Pöbels. Dass irgendwann die Verhältnisse sich so ändern könnten, dass der vermeintliche Bodensatz der Gesellschaft nach oben gespült wird und die Kontrolle übernimmt. Das darf natürlich nicht passieren und als letzte Bastion der bürgerlichen Gesellschaft wird hier mit Waffengewalt das bürgerliche Subjekt verteidigt. Gegen anstürmende Horden von Untermenschen, die an die Vorräte bzw. Gehirn wollen. Oder fiese Ärzte (Spoiler aus The Last of us), die christlichen Kindern Organe stehlen wollen (ein bis heute immer wieder gerne gegen Israel vorgebrachtes Mem des Antisemitismus). Selbst in der Post-Apokalypse sind Sex-Heftchen (die Eli irgendwann mal findet) pfui und der ganze Plot arbeitet daran, ein Vater-Tochter Verhältnis schön patriarchal weiterzuerzählen. Hier hat alles in der Zerbrochenheit seine feste Ordnung: Vater und Tochter sind in permanentem Familienkrach vereint, wenn es darauf ankommt, kann man sich aber aufeinander verlassen. Steckt in Joel nicht auch ein Verteidiger der weißen Rasse mit Waffengewalt? All das ist in der Handlung angelegt, wird aber dann doch vom Grundkonflikt “alle gegen alle” überlagert.

Es findet sich hier auch eine zutiefst reaktionäre Vorstellung. Die bestehende Ordnung ist umgeworfen und es bleibt nur noch der Zusammenschluß zu bewaffneten Einheiten. Klar, es ist natürlich immer Selbstverteidigung, weil die anderen böse Absichten führen, wenn man selbst je böse handeln muss (etwa wenn Eli mit vorgehaltener Waffe Medikamente erpresst), dann ist das nur den äußeren Umständen geschuldet, man konnte nicht anders um zu überleben. Und ein bitterer Nachgeschmack bleibt, wenn Joel kaltblütig eine schwarze Nebenfigur erschießt. Skrupel, mit denen sich die Protagonisten in The Walking Dead oft herumplagen, gibt es hier nicht.

Ist ja alles ganz schön schlimm hier, aber es gibt leider keine Alternative – denn TINA. Abseits vom Kapitalismus warten die Kannibalen und wetzen schon gierig die Messer. Hunger! Dabei ist das, was in Walking Dead und Last of Us gezeigt wird das Kapitalverhältnis mit all seinen zeitgenössischen Ausprägungen, nur auf einer anderen Bühne. Der vermeintliche Naturzustand ist Mummenschanz. Man gibt vor tief zu graben in den Begierden des Menschen, was wohl heraus käme, wenn der Ausnahmezustand endlich einträte. Man meint dort alles Übel und alle Niedertracht zu finden. Dabei ist es nur das unterschwellig zynische, opportunistische Mitmachen von Heute, das in die Postapokalypse transferiert wird.

Eine Kritik an dieser essentialistischen Suche nach dem wahren Menschen ist in dem Zusammenhang in der Dystopie Brazil (1985) von Terry Gilliam zu finden. In dem Fall wäre das Verschwinden Archibald Tuttles nicht der offensichtliche Untergang des Menschen in der kafkaesken Papierschlacht. Es wäre als weitere Lesart die Frage nach dem, was vom bürgerlichen Subjekt übrig bleibt. Wenn alle Vergesellschaftung subtrahiert wird und nachdem man das Kapitalverhältnis abgezogen wird. Antwort: Nichts.

Das ist das Gegenmodell zu Cyberpunk (Willian Gibson, Neal Stephenson, Bruce Sterling), wo die Verheissungen der Zukunft in technologischer Utopie gesehen wird. In der Welt von TWD und Last of Us ist es gerade der Mangel an Technik, der das Leben bestimmt.
Und trifft auf einen Zeitgeist. In dem Moment, wo historisch Computer und Internet uns überall begleiten und damit die Idee eingelöst wurde, taugt der Gedanke nicht mehr als gesellschaftliches Phantasma. Der Zeitgeist geht anders: Authentizität, Bärte, Wald, Hütten, Wölfe, zurück zur Natur. All dieses Fotomaterial, das einem auf tumblr entgegen schlägt. Oh sweet irony: wir nutzen unser iPad, dass einer globalen Produktionskette entspringt um uns via Wlan Digitalmedien mit stilisierter Natur anzusehen. In Zeiten, in denen für das Fernsehen mit digitalen Geräten Serien über Prepper gedreht werden. Soviel Widerspruch muss man erstmal verkraften. Das Unbehagen an der vollends durchdigitalisierten Gesellschaft wird durch “Zurück zur heimischen Scholle” beantwortet.

Und die Charaktere sind Archetypen, wie man sie im Baumarkt in der Provinz finden dürfte: Bärtig, zerschließene Jeans mit Holzfällerhemd. Und sie beherrschen Tätigkeiten, die irgendwo zwischen Lageraushilfsarbeiter und Heimwerker angesiedelt sind. Es geht ständig darum Euro-Paletten von a nach b zu transportieren oder irgendwelche Leitern aufzustellen, wenn man mal gerade keine Mutanten meuchelt. Das sind die Phantasien der Gesellschaft: gute, harte Handarbeit, die zu schwieligen Händen führt. Computerspiele scheinen von den Charakteren abgekoppelt von der Restrealität stattzufinden. Was hier gezeigt wird, würde in anderen medialen Formen nicht toleriert. Und das als Phantasie der postindustriellen Gesellschaft, in der der Großteil der arbeitenden Bevölkerung vermutlich irgendwas im Büro mit Computern macht. Frauen dürfen hier mitmachen, wenn sie mindestens genauso machohaft auftreten wie Männer (Michonne in TWD, Eli in Last of us). Wobei hier die Drehbuchschreiber bei The Walking Dead scheinbar auf die Kritik eingegangen sind, dass insbesondere Michonne als Prototypische African Warrior Queen viel zu flach dargestellt wurde. Seit der aktuellen Season 4 wird sie deutlich nuancierter dargestellt, etwa seit den düster-psychedelischen Rückblicken in S0409 und vor allem in ihrem Verhältnis zu Carl.

The Walking Dead wirkt auf weite Strecken wie ein Testlabor des Sozialdarwinismus. Die Protagonisten wählen verschiedene Strategien der Anpassung und wir sehen zu, wer gewinnt oder verliert. Das ist der Naturzustand mit dem Krieg aller gegen aller, wie ihn sich Thomas Hobbes vorgestellt hat. Nur ist das eine hypothetische Annahme, genauso wie die Frage, was vom Menschen übrig bleibt, würde man die Prägung durch die Gesellschaft abziehen. Dabei sehen wir eigentlich nur den üblichen Scheiß der Jetztzeit in anderer Verpackung. In Disziplinargesellschaften hört man nie auf anzufangen, in Kontrollgesellschaft kommt man nie zum Ende (so Gilles Deleuze in Postskriptum zu Kontrollgesellschaften) und TWD ist Kontrollgesellschaft deluxe: es nimmt einfach kein Ende. Man würde sich gerne final gegen die Zombie verbarrikadieren, aber der Governor und Zombiehorden machen hier einen Strich durch die Rechnung. Nächster Kill, nächste Stadt, nächstes Drama, nächste Geschichte.

TWD folgt auch mehr einer Spielshow oder Soap-Opera, denn es gibt kein Ende, eher ein Ausscheiden wie aus dem Dschungelcamp. Und so läuft auch die Rezeption der Serie ab: wähl deinen Lieblingscharakter und so gibt es dann Fanparolen wie: “When Daryl dies we riot”. In The Last of Us sind dagegen die 2 Hauptprotagonisten von Anfang bis Ende zugegen (etwa so wie im Telltale Spiel The Walking Dead Season 1 im Verhältnis zwischen Lee und Clementine). Das Spiel hat dann doch einen wesentlich größeres Repertoire an einer Auswahl von Verhaltensweisen, allerdings ist auch ein Adventure, Action-Elemente sind im Unterschied zu The Last of Us nur als Einsprengsel vorhanden. Und die Action versaut in The Last of Us leider auch die Handlung. Ich stehe im Operationssaal vor verduzten Ärzten – was kann ich tun? Kann ich was tun? Ich suche wild umher, mir fällt aber nichts auf und nichts ein, außer mit einer Waffe… ah, das Spiel möchte also, dass ich hier nicht “rede” oder es vielleicht einen unvorhergesehenen Twist in der Handlung gibt, ich soll schießen. Na gut, dann mache ich das eben mal. Ein Glück wurden in dem Spiel keine Rätsel verbaut, womöglich hätte ich dann sonst per Schrottflinte irgendwelche Informationen aus Computern holen müssen.

Eine reine Kritik der Inhalte, so etwas wie eine Literaturangabe, läuft ins Leere. Die Beschreibung von Inhalten und Plotsynopsis machen nicht den Reiz von Serien und Computerspielen aus. Ehrlich gesagt würde ich dann einen Roman in den meisten Fällen vorziehen. Es geht um Atmosphären und Welten, in die man sich nahezu kontemplativ versenkt. Wenn Drone-Sounds das klassische Zeitkontinuum von Musikstücken auflösen, dann erfolgt dies in Serien durch die epische Länge. Nicht mehr die klassische Abfolge eines Romans, sondern das weitflächige Auswalzen der Handlung auf die Breite der Zeitachse. Handlung interessiert nicht, Charakterentwicklung ebensowenig. Die Charaktere sind im Unterschied zu Breaking Bad extrem eindimensional, es geht hier nicht mehr um die klassische Heldenreise, die bei dem Protagonisten zur Katharsis führt. Handlungen schwellen an im Arc und wieder ab, allerdings sind die einzelnen Stationen oft austauschbar. Stringenz oder logische Abfolge sind weniger relevant. Immens wichtig neben der Raumerfahrung ist das Klangbild. Gerade The last of us schafft unglaublich dichte Räume mit Hilfe der Soundscapes. Gerade die Veränderungen des Höreindrücke beim Bewegen der Charaktere ist unglaublich gut umgesetzt. Etwa wenn Eli vom Schneesturm geblendet durch die feindseelige Siedlung irrt und der Sturm tobt. Oder das Rauschen der Strömung unter Wasser.

In der dystopischen Erzählung kommt zum Vorschein, dass dem Kreislauf von “morgens klingelt der Wetter, arbeiten, essen, schlafen” kein Entrinnen innewohnt. Es ist die routinierte Abgeklärtheit, die heute vorherrschend ist. Bankenkrise 2008 und drohender Crash der Weltwirtschaft? Nicht gut, aber was will man da machen. Man glaubt nicht an das System (egal ob Wirtschaftsordnung oder parlamentarische Demokratie), macht aber trotzdem mit. Das Lustprinzip ist noch intakt, wenn auch in seiner zynischen Variante. Nur so ist zu erklären, dass man sich stundenlang an der Postapokalypse erfreut. Es geht mehr um ein Eintauchen als um die Rezeption eines klassischen Werks. Ich nehme eine zeitlang teil, steige an einer Stelle ein und wieder aus. Anfang und Ende sind irrelevant. Die eigentliche Apokalypse ist nur noch Startpunkt und eher ein Epilog, ist aber für das das Verständnis der weiteren Handlung nicht wichtig.

Wie würden sich Menschen denn unter den Umständen verhalten? Wir wissen es nicht. Ich habe aber den Verdacht, dass unsere Phantasie nicht ausreicht, um uns “etwas vollkommen anderes” vorzustellen. Zumal das Setting auch immer auf den Überresten des Hier-und-Jetzt basiert. Ich habe aber den Verdacht, dass es heute schon mehr menschliche Überlebenstaktiken gibt, als es sich die weiße, urbane Mittelklasse sich vorstellen kann. Und im Zweifelsfall wird es so etwas wie Kooperation geben, auch abseits vom Warentausch. Was wird all das Raffen und Horten von Waffen, Medikamenten und Lebensmitteln bringen?

Star Trek hat irgendwelche Lösungen nicht in das Reich der Phantasie übertragen, sondern real Tatsachen geschaffen. Der erste Kuss zwischen einer Schwarzen und eine weißen im amerikanischen TV (1968), http://en.wikipedia.org/wiki/Plato’s_Stepchildren später Captain Sisko als Hauptfigur von Deep Space Nine (1993) und Cpt. Janeway in Voyager (1995). Space is the place – zumindest wenn es um Träume geht. Heute dagegen ist der Glaube an Zukunft ermattet, Simon Reynolds spricht von “Future Fatigue”. Weltraum, Technologie, Wissenschaft, Demokratie – all das interessiert nicht mehr so richtig. Ebensowenig die Frage nach einer Aufhebung der Verhältnisse.

Querverweise:
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Last_of_Us
http://en.wikipedia.org/wiki/The_Walking_Dead_(TV_series)

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