Leben ohne Arbeit

Wie wollen wir leben? So nicht. Das wissen die Linken. Der Kapitalismus oder wahlweise Neoliberalismus soll Schuld sein an nahezu allem Elend der Welt. Der schlauere Teil weiß zumindest, dass man dem Kapitalismus nicht alle Übel zurschreiben kann, etwa wie von Bini Adamczak beschrieben. Ansonsten macht man sich unglaubwürfig (was den ersten Teil nicht schert) und landet bei Monty Python und “was haben die Römer uns eigentlich gebracht?”. Exakto – den Aquädukt und auf Internet und Co möchte man ja auch nicht verzichten. Einerseits will man – bis auf die Anarchoprimitivisten – ja nicht fundamental gegen alle modernen Errungenschaften Opposition machen, andererseits muss man ja doch einiges blöd finden, sonst wäre es ja nicht mehr weit her mit der Selbstdefinition des Dagegenseins.

Denn alles menschliche Streben will weiter. Permanentes Rascheln, herumräumen, tun und machen. Neue Projekte und bla bla bla. Warum eigentlich? Die Vorstellung vom friedlich in der Sonne liegen am See und in den Himmel blicken (frei nach Adorno) scheint ein für allemal obsolet geworden zu sein. “Ich habe eigentlich nichts vor und auch nichts geplant” erscheint wie die Durchstreichung des eigenen Selbst. Und so muss emsig und immer weiter gearbeitet werden. Wer keine Arbeit hat, simuliert diese. Einwurf an der Stelle: wer dies partout nicht will, für den stehen die Menschenverwaltungsbürokratien immer noch bereit: etweder indem die HartzIV Bürokratie ihre Opfer trietzt ständig irgendwelche Formulare anzuschaffen. Ständig wird das Stöckchen hingehalten und wer nicht drüberspringen mag, bekommt die finanzielle Knute zu spüren. So geht verwaltete Welt heute.
Ansonsten sind die meisten Linken die neoliberalsten Menschen, die gerne auch ohne Bezahlung immer an der Grenze zur totalen Verausgabung tun, machen und Arbeit simulieren. Die Kränkung, dass sich das Kapital für die eigene Arbeitskraft nicht interessiert, ist schwer wegzustecken.

Ich bin auch skeptisch gegenüber Cory Doctorow, so gerne ich BoingBoing lese. Dieser ganze Kult um die “Maker”, das ist doch so wie diese Verklärung der Produktivkräfte in der Arbeiterbewegung des frühen 20. Jahrhunderts. Nur dass heute keine Arbeiter mehr da wären, die es zu befreien gälte und im Gegenzug dieses ganze Gequatsche von “Awesomeness” Hand in Hand geht mit endogener Erschöpfungsdepression. Warum sollte ich denn permanent irgendwelche Dinge herstellen und tun wollen? Mir selbst geht es oft so, dass ich von dem ganzen Scheiß im Vorfeld schon abgeschreckt bin – es ist doch alles schon da. Meine Arduino-Karriere scheiterte daran, dass mir hier einfach ein Anwendungsfall fehlt. Ich kann eine Leuchtdiode blinken lassen. Na toll, ganz großartig. (Zynismus EOF). Dafür brauche ich mich aber nicht erst wochenlang einzuschließen und vor mich her werkeln. Es gibt doch schon alles, die Welt ist zu voll, nicht zu leer. Und als Gegenstück zur “Maker Faire” würde ich gerne eine “Slacker Faire” ausrichten – die dann auch ganz im Sinne des Konzepts nie stattfinden wird, weil viel zu viel Aufwand. Meine persönlichen Helden sind immer noch Jay & Silent Bob aus dem Kevin Smith-Universum. Die Erinnerung daran, dass ich nicht permanent durch Tun und Machen, meinen Existenzberechtigungsschein verdienen muss.

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