Schreiben über Hören. Über verschiedene Formen der Popkritik.

Mark Terkessidis versuchte letztens im Freitag zu erklären, warum das Schreiben über Pop in der Krise steckt. Einige seiner Argumente stimmen sicherlich, einiges fehlt jedoch. Zum Beispiel die Frage danach, wo geschrieben wird. Denn da wird schnell klar, das es vor allem das Schreiben über Pop in Deutschland ist, welches seit jeher von absoluter Ahnungslosigkeit bei gleichzeitiger Bedeutungslosigkeit geprägt ist. “Poplinke” nannte sich das Projekt unter der Beteiligung von Terkessidis Mitte der 1990er Jahre, bei dem linke Schreiberinnen und Schreiber versuchten, Pop und Politik zusammen zu denken. Es ist schlichtweg versandet. So beklagt Terkessidis den Verlust der kritischen Dimension des Schreibens durch zunehmende Warenförmigkeit – aber wurde diese These nicht schon in den 1930er Jahren von der Frankfurter Schule formuliert?
Terkessidis poltert in Einklang mit dem Mainstrem des deutschen Journalismus gegen das Web, wo angeblich eine Beliebigkeit der Inhalte herrscht, die die Popkritik konterkarieren würde. Nur ist das eines der ältesten Vorurteile gegen Netzkultur: hier die Subjektivität, die nicht begründet sei. Dort – die (aus-)gebildeten Kritiker. Ja – was sollen denn da aus den Experten werden? Die Amateurkultur gilt als Bedrohung des Profis etwa in Gestalt des Wissenschaftlers und Journalisten, deren Autorität scheinbar in Frage gestellt wird (siehe etwa Heidelberger Manifest). Ob das wirklich so ist, wäre eine andere Frage. Gerade unter deutschen Journalisten herrscht ein widerlicher Standesdünkel, der die eigenen Arbeitsverhältnisse als Kultur erklären und unter staatlichen Schutz stellen lassen will. Es wäre schade, würde die Popkritik sich hier zur Handlangerin der Kulturnation hergeben würde. Denn die Arbeitsverhältnisse von kritischen Schreiberinnen und Schreibern waren schon immer prekär und heutige Honorare sind eine Beleidigung.

Um den zu Beginn geäußerten Gedanken nochmals aufzugreifen: Pop sieht nicht überall gleich aus. Eine andere Version von Popmusik liefert England. Im staatlich finanzierten Radio wie BBC Radio One laufen Experimental- und Dancemusik-Sendungen, die Material am Puls der Zeit spielen. Vielleicht ist das Abseitige hier nicht abseitig und die Radio-Präsenz spiegelt die Verhältnisse draußen wieder. Denn selbst Stile wie Dubstep oder Garage sind in England nicht die Musik für wenige Nerds, sondern massenkompatibler Sound. Die Grenzen nach Class und Race verlaufen hier anders, wenigstens in der Popmusik gab es schon immer die unglaublichsten Vermischungen wie bei Ska oder heute bei Grime.
Und auch das Schreiben über Musik ist um Klassen besser, als das Meiste aus dem deutschsprachigen Raum. In der linksliberalen Tageszeitung The Guardian fragt der Altmeister des Musikjournalismus Simon Reynolds, ob Caspa der Guy Ritchie des Dubstep sei. Und rollt dabei die Wobble-Problematik auf und misst nebenbei noch den Stand der Musik an Gender-Aspekten. Anhand dieses Satzes etwa nachzuvollziehen: “Maybe it’s just the song title, but it makes me think of a guy whose idea of a birthday present for his girlfriend is sexy lingerie (a present for himself, in other words).” Mal eben die Verknüpfung zu Paul Elstak, britischen Hooligans, und den Konzeptionen von Männlichkeit gezogen. Ohne dass dies schulmeisterlich-dröge daherkäme. So in etwa sieht die Quadratur des Kreises des Musikjournalismus aus: lockere Schreibe, die ein Massenpublikum anspricht; kritische Positionen reflektierend und dann noch über zeitgemässe Musik schreiben.

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