4 Thesen zu Street Art und Blogs


Auf mehrfachen Wunsch noch kurz eine Zusammenfassung meines Vortrags auf der re:publica ´09 über den Vergleich zwischen Street Art und Blogs.

Kurz zu Sinn und Unsinn des Ganzen: zunächst ist der Vergleich zwischen Street Art und Blogs eine Metapher. Street Art ist ungleich Blogs, es sind zwei gänzlich unterschiedliche Phänomene und ich möchte den Vergleich nicht übestrapazieren, indem ich beide in eins fallen lasse. Es ist unglaubwürdig, hier zuviel herauslesen oder hineinprojizieren zu wollen.
Es erschien mir aber doch interessant, ein paar Entwicklungsstränge herauszugreifen und zu sehen, was man über Diskussionen der heutigen Gesellschaft lernen kann. Und dass eben in Bereich Street Art ähnliche Diskussionen ablaufen und Entwicklungen stattfinden.

1. Niedrigschwelliger Zugang zu den Produktionsmitteln

Street Art senkt Eintrittsschwelle durch niedrigen Preis der Materialien. Die materielle Herstellung ist verhältnismässig günstig. Warum ist Street Art weit verbreitet? U.a. wegen des einfachen Zugangs: Produktionsmittel sind billig und einfach zu bekommen.

Gerade cut-out´s (zumeist Kopien) sind billig: eine Packung Kleister, ein Quastenpinsel, ein Eimer, ein paar Fotokopien– und es kann losgehen. Ebenso wurde eine zeitlang gerne auf die Paketaufkleber von DHL zurückgegriffe., die in Post-Filialien ausliegen. Man braucht noch Drucker, mit dem die Aufkleber bedruckt werden (oder besprüht selbige mit Schablonen und Farbe).

Die Vorarbeit wird zu Hause geleistet, das Resultat dann im Stadtraum veröffentlicht. Es werden keine teuren Farben aus dem Künstlerspezialbedarfsladen benötigt, meist wird sich im Baumarkt mit Materialien eingedeckt.

Und es wird oft mit Grafiksoftware gearbeitet, mit der Kunst produziert wird.
Ein Teil davon ist Bürokunst: es werden die Arbeitsgegenstände aus Büros zweckentfremdet (Kopierer, Edding, Drucker….) verwendet. Grafikprogramme können im Netz heruntergeladen werden, insbesondere Photoshop. Das wird in den meisten Fällen per illegalem File-Sharing passieren, denn die Lizenz wird man sich als Amateur-Künstlerin und -Künstler kaum leisten können. Es sei denn man arbeitet in einer Agentur oder kommt über die Uni an Lizenzen. Denn viele Street Artists – so Julia Reineke – haben entweder Designagentur oder Kunsthochschulen-hintergrund. Die Bedienung lernt man über Tutorials, die im Netz frei verfügbar sind.

Ein anderer Aspekt ist definitiv wichtig: Die Tatsache, dass die Ästhetik von Street Art einfach reproduzierbar ist. Man muss weder ein begnadetes Künstlergenie-Wunderkind sein, noch jahrelang Mal- und Zeichentechniken eingeübt haben. Das, was man bisher über Grafik gelernt hat, und ein bißchen abgucken von bestehendem Material reicht aus, um mitmachen zu können.

Die Hindernisse Kunst zu produzieren und veröffentlichen, sind sehr gering.
Vielleicht machen 90% der Leute, die Street Art ausprobiert haben damit nicht weiter und vermutlich ist auch ein sehr großer Anteil der veröffentlichten Street Art keine großartige Kunst, aber es ist wichtig, dass hier die Möglichkeit offen steht, sich auszuprobieren.

Ähnlich sehe ich das beim Bloggen: der Zugang ist niedrigschwellig. Die meiste Blogsoftware ist Open Source und kostet nichts bis auf Kosten für Webhosting. Ein frei verfügbares Theme zur Individualisierung des Frontends auf den Server packen und es kann loslegen. Oder man wählt einen kostenlosen Hoster für Blogsoftware und kann loslegen zu schreiben.
Beim Bloggen werden die Texte nach dem Schreiben gleich veröffentlicht. Und die Form des Blogs kann als Publikationsmedium durch eine gewisse Unverbindlichkeit die Eintrittsschwelle heruntersetzen – wie bei der Street Art die Straße als Medium. Es geht nicht um das eine Hauptwerk, das gleich Standards genügen muss und beurteilt wird, es ist eher die Masse an Veröffentlichungen, die sowohl Street Art als auch Bloggen kennzeichnet.

Also: Neben der einfachen Verfügbarkeit der Produktionsmittel sind es formale Aspekte, die eine Reduzierbarkeit erleichtert.

2. Amateurkunst geht Mainstream

Ich glaube nicht, dass Street Art durch Internet und digitale Gesellschaft erst möglich wurde.
Am Beispiel der Arbeitswerkzeuge: Street Art wird gemacht mit der Schere, der Fotokopie, dem Papier, der Sprühdose UND Photoshop. Auch vor der digitalen Gesellschaft wurden D.I.Y. Techniken ab den 1970er Jahren in Subkulturen mit analogen Medien angewendet. So entstande etwa kopierte Punkrock-Fanzines, die mit copy+paste (allerdings analog mit Fotokopien und Leim) zusammengeklebt wurden.

Insbesondere passiert das durch Verwendung der Kollagentechnik. So wurde seit Anfang des 20. Jahrhunderts mit Dadaismus und Surrealismus die Kollage als Technik weitverbreitet und der Begriff des Werks veränderte sich dadurch nachhaltig (der Philosoph und Kunsttheoretiker Jaques Ranciere setzt diese Entwicklung noch früher an). Nicht mehr das Werk als geschlossene Einheit, sondern als Zusammensetzung von Einzelteilen, die auch als solche noch zu erkennen sind, kennzeichnet die Kollage. Weiterhin entsteht sie eher dilettantisch durch trial-and-error als durch handwerklich sauber ausgeführte Arbeiten der Montage, so Enjott Schneider.

Street Art geht noch weiter, es ist nicht das einzelne Artefakt mehr, sondern die Menge an Artefakten, etwa die Obey-Kampagne von Shepard Fairey, die diese Kunstform charakterisieren. Nähe zu Design und Werbung, gleichzeitig etabliertes Kunstfeld.
Veränderung des Werkbegriffs. Street Art ist immer im Beta-Stadium, es werden keine geschlossenen Werke produziert (Sidenote: wobei Einschränkung Banksy). Vergänglichkeit des Werks mit eingeplant, durch Witterung oder bewußte Entfernung.

Das ist gute Entwicklung und ich denke prinzipiell, dass damit die Frage nach dem Verhältnis von Amateur und Profi gestellt werden muss. Street Art fällt unter m.E. unter den Begriff der Amateurkunst. Generell ändert sich heute die Rolle des Amateurs als Produzent. In dem Kontext ist es höchst interessant sich Texte von Walter Benjamin anzuschauen, in denen er in den 1930er Jahren das Schwinden der Trennung zwischen Autor und Publikum sah, jeder Lesende kann auch ein Schreibender werden. Etwa im Kunstwerk-Aufsatz oder in „Die Zeitung“. Das waren sehr optimistische Hoffnungen, man sollte ich aber vergegenwärtigen dass diese Ideen in den 1930er Jahren formuliert wurden, der Holocaust folgte und der Kapitalismus später regulär weiter ging.

Aber was ist neu an dem Phänomen Street Art? Vielleicht in Abgrenzung zur Subkultur und der Amateurproduktion dort die breitere Rezeption. Es ist nicht mehr die klassisch jugendlich geprägte Subkultur, die in ihrer Nische herumwurstelt und außerhalb kaum wahrgenommen wird. Während eine Vorläuferin von Street Art, die Graffiti-Szene, nie groß über ihre eigene Subkultur hinaus rezipiert wurde, ist Street Art massentauglich geworden. Street Art wurde nicht nur quer durch alle Feuilletons zitiert, sondern eben auch durch den etablierten Kunstbetrieb. Street Artists hinterlassen nicht nur Botschaften untereinander, sondern gezielt auch an Passantinnen und Passanten (vgl. Julia Reinecke – „Street Art. Eine Subkultur zwischen Kunst und Kommerz“, S.112).
Gerade der Anspruch sich nicht auf eine Subkultur festnageln zu lassen, eröffnet die Möglichkeit, auch außerhalb der Nische beachtet zu werden.

3. Kommentarfunktion anschalten

Exkurs Street Art und dem Streit um politische Positionen: Street Art kann politische Diskussionen entfachen; es kann mit Street Art um Politik gestritten werden. Etwa gefiel jemandem die Israel-Flagge auf dem Sticker der Fhainer Crew SMP nicht, und wurde auf fast allen Aufklebern der Crew, die in der Umgebung geklebt waren, abgekratzt. Ein anderes Beispiel über Street Art hinaus wäre der Flaggenstreit an der Berliner EastSide-Gallery, an dem heute ein Mashup aus 3 Flaggen: Deutschland, Israel, Palästina zu sehen ist, und das zwischendurch

Hier wird über politische Positionen gestritten. In dem Fall verlässt man eigentlich das Feld der Kunst, man könnte auch über politische Parolen an Hauswänden sprechen, die ja auch für bestimmte Positionen werben. Der Vergleich zu Blogs ist offensichtich: auch hier wird um Positionen hart gekämpft, gerade bei den emotional aufgeladenen Themen Israel, Nahostkonflikt und Antisemitismus.

Allgemeiner: was kommentiert Street Art? Zunächst kommentiert Street Art den unmittelbaren Ort, an dem sie verklebt wurde. Im besten Fall werden die konkreten räumlichen Begebenheiten mit in das Kunstwerk eingebaut, das Werk intergaiert mit der Umgebung, bildet eine Kollage mit Raum.

Das Werk geht auf Umgebung ein, liefert Kommentare zum alltäglichen Leben, zu den Dingen, die uns umgeben. Und das eben in sehr direkter Form: aufgeklebt oder gesprüht auf Beton, auf Verkehrsschilder etc. Street Art reißt die alltäglichen Dinge aus ihrem alltäglichen Trott und macht sichtbar, was ansonsten unsichtbar bleibt und dem man keine Beachtung schenkt. Street Art mischt sich ein und will die Welt nicht so lassen, wie sie ist.

Vor allem kann auf Street Art direkt vor Ort geantwortet werden, im Gegensatz zur Kunst, die im Museum ausgestellt wird. Im Museum wird die Autorität des Kunstwerks zementiert, es wird eine sehr präzise Vorstellung von Kunst vermittelt und es gilt ein strikter Verhaltenskodex in dieser Institution. Bei Street Art gibt es das nicht, hier gibt es weder eine festgeschriebene oder erwartbare Rezeptionsweise des Publikums/ der Betrachtenden noch eine Einschränkung, was passieren soll. Die Anonymität der Straße ermöglicht ein weit freieres Verhältnis zwischen Werk und Rezipientinnen und Rezipienten, als es im Museum möglich wäre. Die Interaktion ist nicht oder wenig reglementiert. Lädt zur Interaktion ein. Menschen können mit Kunstwerk interagieren, neue Teile dazufügen, oder es abreißen. Das markiert ein basisdemokratisches Element im Verhältnis zwischen Publikum und Kunstwerk.

Und da sehe ich dch die größten Gemeinsamkeiten mit Blogs. Blogs potenzieren die Möglichkeit sich in Diskussionen einzumischen. Dadurch, dass es sehr viele gibt, wird die Rolle der Gatekeeper eingeschränkt. Zwar kann mich der einzelne Blogbetreiber oder –betreiberin rauswerfen und meine Beiträge nicht freischalten, dann kann ich aber auf anderen Blogs weiterdiskutieren oder mein eigenes Blog aufmachen. Es ist möglich sich zu verschiedenen Themen zu informieren und mitzudiskutieren.
Gerade, weil Blogbeiträge dann doch verbindlicher sind als Chatkonversationen oder Forenbeiträge (Achtung, steile These.).
Das stellt eine Ausweitung der bürgerlichen Öffentlichkeit dar und ich denke, dass dies positive Auswirkungen hat für Minderheiten-Positionen, die sich ansonsten kein Gehör verschaffen können. Blogs besitzen durch ihre Vielheit die Chance zur non-hierarchischen Diskussion und zumindest theoretisch die Option, dass hier wirklich alle mitreden können. Das sehe ich als positives, basisdemokratisches Element an.

An der Stelle sehe ich the dark side of the net – Trollpostings und Beileidigungen nicht als Problem an, sondern als Teil eines Lernprozesses. Zu lernen, wie mit diesen Reaktionen umgegangen wird, wie auch inakteptable Äußerungen gehandhabt werden können, die etwa in Tageszeitungen oder TV ausgeblendet werden.

Und ebenso würde ich sagen, dass Street Art dieses basisdemokratische Element mit sich bringt. Statt einer hierarchischen top-down Kommunikation werden hier Interventionsmöglichkeiten gefunden, um sich im Stadtraum in die Diskussion einzuschalten. Etwa sehr konkret bei AdBusting.

Und damit wird die Kommentarfunktion im Stadtraum eingeschaltet, die vorher deaktiviert war. Schließlich hat mich niemand gefragt, ob ich mit Werbeplakaten einverstanden bin. Hier schafft Street Art die Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Street Art agiert genauso ungefragt und wirft damit die Frage auf, wem denn der Stadtraum eigentlich gehört, und wer darin als Akteur agiert und welche Botschaften verbreitet.

Gerade interessant in dem Zusammenhang Versuche von Street Art, die über klassische visuelle Kommunikation durch Bilder und Grafiken hinausgehen – Beispiele Wall Street Journal aus Berlin und Splasher.

Randgedanke: Street Art als Medienutopie… in einer Linie Benjamin, Brecht´s Radiotheorie und Enzensbergers „Baukasten zu einer Theorie der Medien“ mit einer nicht-hierarchischen Kommunikation

Gerade an der Stelle, ich lasse das jetzt mal offen und führe es nicht weiter aus, ergibt sich die für mich wichtige Frage, wie sich Text und Bild, wie sich Kunst und Politik, wie sich Theorie und Praxis verhalten. Man sieht aber, dass Street Art weit über das Produzieren von bunten Bildchen hinaus geht, es geht nicht nur um eine Aufhübschung der Stadt.

4. Prekäres Arbeiten in der Kunst

Eine weitere Parallele zwischen Street Art und Bloggen: die überwiegende Mehrzahl der Beteiligten kann nicht davon leben. Es gibt heute wahrscheinlich mehr Leute denn je, die Kultur produzieren, aber gleichzeitig können die wenigsten davon ihren Lebensunterhalt bestreiten. Und an der Stelle frage ich mich, ob es nicht hier nicht realpolitisch angebracht wäre einzufordern, dass Künstlerinnen und Künstler gut bezahlt werden.

Ich würde mich gegen eine idealistische Vorstellung von Kultur wenden. Kultur ist danach ein höheres Gut, das von den materiellen Bedürfnissen und von Kommerz nicht befleckt werden soll. Das spielt aber genau der Abwertung von Kulturproduktion in die Hände – und das heisst ganz klassisch unbezahlte Selbstausbeutung. Und die ist eben besonders ausgeprägt in Kunst, geistiger Arbeit und im sozialen Bereich. Genau diese Selbstausbeutung wird affirmiert. Und an der Stelle frage ich mich, ob man hier nicht das Ticket „Kulturschaffende“ lösen sollte und für eine angemessene Bezahlung dieser Tätigkeit plädieren.
Denn das Problem, dass mein Kühlschrank gefüllt werden muss und ich jeden Monat Miete zahlen muss, besteht leider immer immer noch.

Auch wenn das erstmal eine Identität zementiert, die man eigentlich abschaffen möchte mit dem Endziel einer Gesellschaft, die das Wohlergehen der Subjekte weder per Staat noch Markt sicherstellt. Insofern – und der Widerspruch lässt sich nicht auflösen – kann man an dieser Stelle zwischen Selbstausbeutung als unbezahltes Hobby und der exkludierenden Identitätslogik der Berufskunst wählen.

An der Stelle lässt sich an Blogs anschließen. Es kann in Deutschland niemand vom Bloggen leben. Man liefert Content und arbeitet daran, weil man Interesse hat, aber das Ganze bleibt unbezaht.
Dieser Punkt trübt meine Freude über die massenhafte Verbreitung von Kunst ein. Und auch da gibt es Parallelen zwischen Street Art und Blogs: Beides hat zwar eine massenhafte Verbreitung, aber die wenigsten Akteure können davon leben. Bei den Blogs – zumindest im deutschsprachigen Raum – sind es eine handvoll A-Blogger, die ihre Reputation in Geld eintauschen können. Bei Street Art wären es die prominentesten Aushängeschilder Banksy und Shepard Fairey, wobei beide völlig unterschiedliche Strategien verfolgen: der eine über seine eigene Kanonisierung im Kunstfeld, der andere über die pop- und jugendkulturelle Vermarktung seiner Werke.

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