Christian Jankowski legte frei.

Archäologische Grabungen auf meiner Festplatte förderten den folgenden Text zutage, den ich wohl im Dezember zu posten vergessen hatte. Da er einige weiterführende Gedankengänge enthält, möchte ich ihn der interessierten Öffentlichkeit dennoch nicht vorenthalten.

Im Kunstmuseum Stuttgart war vom 13.9.08 bis zum 11.1.09 eine Werkschau des Künstlers Christian Jankowski zu besichtigen. Die meisten seiner Werke sind entweder auf Video dokumentiert oder nutzen das Medium Video. Zu sehen waren einige sehr interessante Arbeiten.

Eine auf Video dokumentierte Aktion von Jankowski, “Die Jagd” von 1992, in dem der Protagonist im Supermarkt die Waren mit Pfeil und Bogen erlegt, diente als Vorlage für einen Spielfilm im Jahr 2001, dessen Set Jankowski wiederum zur Produktion eines eigenen Kunstwerks nutzte. Alles verweist auf alles, und das gegenseitig. Da fahren die Verbindungen und Verknüpfungen Karussell. So entstand auf Basis des Spielfilms “Viktor Vogel – Commercial Man” das knapp 19-minütige Werk “Rosa”. Die Protagonisten des Films fangen während der Szene an, Jankowskis Fragen zur Kunst zu beantworten (etwa Kunst und Kommerz, Schönheit und Kunst), um dann wieder in die Szene zurückzugehen. Eine sehr schöne Idee, die den Produktionsprozess des Films offenlegt und für einige Dissonanzen in der Erwartungshaltung der Zuschauenden sorgt.

Überhaupt wirft die Ausstellung einige Fragen zur Beziehung zwischen Rezipient und Werk auf. Wie benutzte ich das Museum? Für 3 Videoleinwände wurden in einem Raum nebeneinander eine Art überdimensionale Boxen gebaut. Hin- und herlaufen auf dem Gang gleicht der Bedienung der Fernbedienung und damit dem Zapping zuhause.
Oben gibt es die “ab 18” Sektion mit Material aus Horrorfilmen. Einer ähnlichen Methode wie “Rosa” bedient sich Jankowski in “Lycan Theorized” von 2006. Dort wurden den Schauspielerinnen und Schauspielern einer trashigen Werwolf-Splatter-Komödie filmtheoretische Sequenzen in den Mund gelegt: So unterhalten sich Monster psychoanalytisch angehaucht über die Figur der kastrierenden Mutter in Gestalt der weiblichen Bestie. Die Untertitel sind hier teils fehlerhaft, manchmal ist von “Unterbewußtsein” und dann dem “Unbewußtsein” die Rede, wo es um das Freudsche “Subconciousness” geht.
Dabei geht das Einschleusen von Fremdmaterial in den Spielfilm über Worte hinaus. Jankowski erstellte Abgüsse von Körperteilen, die in dem Film verwendet wurden. Die Grenzen zwischen Kino und Hochkultur werden hier als durchlässig vorgeführt. Ob sie porös werden und sich die Institutionen generell auflösen, bleibt offen. Im Endeffekt zielt Jankowski dann doch auf das Museum ab – die zentrale Institution im Hochkulturkanon.

Zwar ist die Kunst von Jankowski gemessen an politischen Aussagen intentionslos. Das macht jedoch auch ihre Wirkung und ihren Reiz aus. Anstatt unter dem Label der “politischen Kunst” seine Werke und eine kritische Attitüde zu vermarkten, streift sich Jankowski die Maske des Narren über, der subversive Späße fabriziert. Einerseits umgeht er so die intellektuelle Barbarei, die oft unter dem Begriff der “politischen Kunst” verbrochen wird (die letzte Erfahrung bei “political/minimal” in den Berliner KW meinerseits war grausig genug mit antizionistischen Parolen, die zur Kunstform erhoben wurden). Bei ihm werden gerade nicht ein paar pseudokritische Botschaften verbreitet. Andererseits droht aber damit auch sein Werk ins völlig Harmlose umzuschlagen. Letztenendes sind die Lesarten seiner Werke so offen, dass die Betrachtenden alles in die Werke projizieren können. Einen expliziten Standpunkt bezieht Jankowksi mit seiner Methode nicht, er oszilliert zwischen Positionen, wirft Fragen auf und entzieht sich eindeutiger Antworten.

Aber vermutlich bleibt die Kritikfähigkeit von Kunst begrenzt. Würde sie die eigenen Grenzen überschreiten, wäre sie keine Kunst mehr – sondern Politik. Dabei sind die Arbeitsbedingungen – und das ist vielleicht der beste Startpunkt um mit einer potentiell grundsätzlichen Kritik zu beginnen. Wie etwa in “Dienstbesprechung”, wo Jankowski die Reflexivität der Institution Kunst auf die Spitze treibt, indem er die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Kunstmuseum Stuttgart während seiner Ausstellung die Arbeitsplätze per Losverfahren tauschen lässt. Die einführenden Gespräche der jeweils Tauschenden wurden auf Video aufgezeichnet und zu jeweils 2 Monitoren nebeneinander gruppiert. So lassen sich Einblicke in die Arbeitswelt Hochkultur erhalten, vom Klimatechniker bis zur Kuratorin.

Wie ein Uhrwerksmeister legt Jankowski das Innenleben der Maschine frei und zeigt die sozialen Verwerfungen auf die dann entstehen, wenn wie in einem Kindheitstraum wirklich einmal alle Beteiligten den bisherigen Standort in der Gesellschaft verlassen und die Plätze tauschen. Gleichsam wird damit die Frage nach dem sozialen Standort des Kunstwerks gestellt.
Das Video dokumentiert nur den sozialen Prozess. Es ist ein Überbleibsel, ein Artefakt des Sozialen. Gerade das übliche Bestarren von Gemälden in Museum tendiert dazu, genau diese Einsicht vergessen zu machen. Gegen dieses Bewußtsein liefert Jankowski das Gegenmittel.

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