Hölle Hölle Hölle

Am 19.2. veranstaltet die Gruppe TOP Berlin eine Vortragsveranstaltung mit Roger Behrens und Otto Karl Werckmeister. Die Veranstaltung hatte mit “Hölle Hölle Hölle” geworben und die gab es dann auch satt.

Technikprobleme als kulturindustrielles Artefakt. Roger Behrens erzeugt mit dem Mikro ein metallisches Feedback. Das Geräusch scheint zurückzufedern und in seiner Intensität zu schwanken. Es federt sich ein. Dann liest Behrens den Plot eines Pfanni-Werbespots vor und hält anschließend seinen Laptop hoch, um den Spot zu zeigen. Daran anknüpfend macht er erst sechs, später weitere Thesen auf zu dem, was er den “neuen deutschen Kulturnationalismus” nennt. Dieser würde nicht mehr wie die Massenkultur funktionieren, sondern sich der Ironie bedienen und in vermeintlich harmloser und trivialer Form daherkommen. Es folgt die Kulturgeschichte der Kartoffel aus deutscher Perspektive sowie die Herleitung der Begriffe Kulturnation und Nationalkultur aus dem Deutschen Idealismus heraus (wobei zwischen Schiller und heute etliche Stationen fehlten. Ebenso würde sich hier die Frage anschließen, warum gerade heute Kulturnation in ist. Und ob die von Behrens beschriebenen Phänomene nicht auch in anderen Ländern auftauchen.). Ein robustes Referat auf Basis der kritischen Theorie, festgemacht am Beispiel eines Werbespots. Das hätte Stoff für eine gelungene Diskussion abgeben können. Gab es aber nicht.

Das Mikrofon von Otto Karl Werckmeister funktioniert nicht. Der Soundmischer erzählt von Heinzelmännchen und dann erzeugt Otto Karl Werkmeister knallende, tieffrequente Töne. Tücke der Mikrofonanlage. Ein Ploppschutz hätte nicht geholfen, hier werden keine P-Laute verstärkt, sondern satte Bassfrequenzen erzeugt. Bam-Bam-Bam macht es, der Ton ist körperlich spürbar. Schlimmer ist aber der Inhalt des Gesagten. Otto Karl Werckmeister redet ohne Vorlage und auch ohne Verstand. Er schwadroniert bei den Skinheads in Dresden los, die eine “nationalistische Kultur” mit Thor Steinar und Musik hätten (Kultur wird hier mit Jugendsubkultur von “Skinheads” gleichgesetzt), demzufolge müsse man fragen, ob “wir” eine Gegenkultur dagegen aufzubieten hätten. Internationalistisch seien wir, aber Lafontaine hätte mit der Abschottung Deutschlands gegen das Kapital nicht unrecht.

Es war schon grotesk. “Was bleibt ihnen auch anderes, außer ihre Waren national zu vermarkten” nahm Werckmeister alle national denkenden Kapitalisten in Schutz. Die Dresden-Nazis seien das Problem (als ob das nicht auch inzwischen von Tagesschau, FAZ und SPD verkündet wird, stören die Nazis doch das offizielle Gedenkprojekt).

Über die 3. Internationale, die ein Arm der SU gewesen sei geht es weiter zur Weltbevölkerung, die nicht multinational sei. Das zerfallene Wissen aus dem unaufmerksamen Lesen von Feuilletondebatten, die 10 Jahre zurückliegen, wurde ausgebreitet.
Als weltfremder Herr outet sich Werckmeister, als er die Band Kraftwerk als “Heavy Metal Gruppe” bezeichnete und sich belustige über Marx-Lesezirkel der 70er Jahre äußerte, wo die Leute Bücher gelesen hätten, teils mit ikonenhafter Verehrung. Sowas wie Bücher bräuchte man heute gar nicht mehr. Klar, Werckmeister schon gar nicht, der auch ohne jegliche Ahnung einfach daherschwatzt, wie ihm das Vorurteil gewachsen ist.
Widerwärtig war die Selbstgewissheit und die autoritäre Geste, mit der hier eine vermeintlich antiautoritäre Botschaft verkündete wurde: erst sollen alle auf Befehl die Hand heben – zack-zack – und dann auf Kommando “frei denken”. Onkel Otto erklärt die Welt und wie die Dinge so laufen. Wie man mit solcher Ahnungslosigkeit gepaart mit Dummdreistigkeit eine Uniprofessur bekommt – eine gute Frage. Ebenso, was sich die veranstaltende Gruppe dabei gedacht hat, so eine Knalltüte Knallcharge auf ein Podium zu setzen und nicht im Altersheim für senile Kampfrentner zu lassen. Gekrönt wurden seine Ressentiment-getriebenen Ausführungen durch die dümmlichsten Ausfälle gegenüber der kritischen Theorie. Hat man alles schon zig-mal gehört und auch bei der x-ten Wiederholung wird kein Argument daraus: Adorno hätte Jazz als “Sklavenmusik” bezeichnet.
Außerdem hätte er sich im sonnigen Kalifornien die Zeit vertrieben mit dem Schreiben von Büchern (zuletzt habe ich dieses Argument in der Zeitschrift “Vice” vor ein paar Jahren gelesen in einem pöbelnden Artikel gegen die Frankfurter Schule). Die Infamie dieses Arguments besteht darin, geflüchteten Jüdinnen und Juden vorzuwerfen, dass sie den Holocaust überlebt hätten und sich einen faulen Lenz gemacht hätten. Und dann noch den Sonnenkönig Groß-Otto Karl Jahrzehnte später mit Büchern belästigen, deren Lesen völlig unnötig sei. Schließlich wirft Werckmeister Behrens zum Schluß vor, dass dieser aus einem Buch zitiert hätte. Dümmlicher geht es kaum noch.
Wie meine Begleitung meinte: so etwas hätte man in einer Kneipe erwartet, wenn man sich nach dem dritten Bier langsam in Fahrt redet, und am nächsten Morgen am besten nicht mehr an den Abend erinnert werden will. Bestes Stammtischniveau war garantiert.

Leider kam dann noch das Publikum zu Wort und wie in der Regel bei Veranstaltungen in Berlin wurde auch hier jegliches Niveau unterschritten. Wortbeiträge, die völlig am Thema vorbeigingen und neben. Ein Gestammel, das mich an die Vokabel “Fremdscham” erinnerte und die Veranstaltung wie ein von Thomas Bernhard erdachtes Stück wirken ließ.
Im Jahrmarkt der Profilneurosen konnte jeder sein Nichtwissen ausbreiten und wahlweise für Verwirrung, Lacher oder Banalitäten sorgen. Dem einen ging es zu wenig um HartzIV, dem anderen war zuwenig die Bourdieusche Sichtweise berücksichtigt, der Nächste wußte auch nicht so genau, was er denn jetzt sagen könnte.. “Ich hab den Faden verloren” Nur müsste man dazu jemals einen Faden gehabt haben.
Gegen Ende die Quintessenz: wie man von Pfanni reden könne, wo es doch HartzIV (Publikum) und Dresden-Nazis (Werckmeister) gäbe. Was denn auch der “Kulturfimmel” solle, wurde gefragt. Schließlich will der Marxismus für dumme Kerle immer die “wahren Ursachen aufdecken”, die hinter den Phänomenen liegen. Und wie die Sphinx kennt man die eine Antwort schon im Vorfeld: “das Kapital” natürlich. Und von der Kritik der Nation will man selbstredend nichts wissen.
“CSU fordert nationale Lösung für Opel” schreibt heute morgen Spiegel-Online. Als ob nicht die nationalstaatlich verfasste Krisenregulation derzeit das angesagtes Modell des Kapitalismus wäre, das auch die Proletarierinnen und Proletarier gut finden.

PS: Ein abstruses Argument, dass ich vor Werckmeister noch nicht kannte: Der Kapitalismus zerstöre das “harmonische Familienleben”.

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