Zur Autonomie der Kunstschaffenden

Ein Nachtrag zum Vortrag am 27.11.. Neben der Frage nach dem Autonomie des Kunstwerks ging es mir um die Frage nach der Autonomie der Kunstschaffenden. Provokativ formuliert:

Sollen sich Künstlerinnen und Künstler als Arbeiterinnen und Arbeiter verstehen?

Auf meine in den Raum gestellte Überlegung, ob denn nicht Künstlerinnen und Künstler realpolitische eine Art Lohn für ihre Arbeit einfordern sollten, antwortete ein Teilnehmer mit dem Hinweis auf das bedingungslose Grundeinkommen. In der Tat wäre das eine wesentlich umfassendere Forderung, denn die Einschränkungen meiner Idee lieferte ich davor selbst: Künstlerinnen und Künstler müssten sich zunächst als solche definieren und das dürfte tiefer in die Identitätslogik hineinführen und den Kult der Lohnarbeit fördern: wir sind doch auch wertvoll und produktiv. Stattdessen erreicht das Grundeinkommen alle Menschen, und nicht nur die, die produktiv tätig sind und sich als Lobbygruppe organisieren und artikulieren können. Die Entkoppelung von Existenzgrundlage und Lohnarbeit würde somit vorangetrieben und damit einige Zwänge abgeschafft. Nur dürfte auch klar sein: auch das bedingungslose Grundeinkommen zahlt der Staat – und das umverteilte Geld muss in anderen Bereichen erwirtschaftet werden. Ohne gut funktionierende Konjunktur im Kapitalismus gibt es auch nichts umzuverteilen.

Mir ging es mit dem Vorschlag aber noch um etwas anderes. Gegen die idealistische Überhöhung der Kunst als Geniestreich einer kleinen Elite wäre es angebracht das dialektische Gegengift zu verabreichen: Kunst als eine sehr weltliche Verausgabung menschlicher Arbeitskraft. Und auch Künstlerinnen und Künstler müssen Miete zahlen und ihren Kühlschrank befüllen. Das wäre zunächst als Ausgangspunkt einer materialistischen Kritik zu bestimmen. Vorteil wäre hiervon, dass damit Kunstproduktion – gerade im hochkulturellen Bereich – nicht mehr als elitärer und autonomer Sektor gesehen werden kann. Es wäre so potentiell möglich Koalitionen mit anderen Arbeitenden zu bilden, deren Lage u.U. ähnlich prekär aussieht. Und das gerade im Bereich der Kopfarbeit: Text, Design, Fotografie etc.

Und es wäre möglich, die eigene Verstricktheit in die Verhältnisse zu thematisieren: dass Künstlerinnen und Künstler die Verwertung der Kunst im eigenen Interesse beständig vorantreiben müssen. Ein schönes Beispiel dazu findet sich dazu in einem aktuellen Interview mit dem Kollektiv Klub 7 aus Halle:
“Als freischaffender Künstler kannst du nur überleben, wenn du gut organisiert bist. Und irgendwann hat man ja auch höhere Ansprüche. Ich möchte später natürlich eine Familie haben und in einer schönen Wohnung wohnen. Das geht als Künstler nur, wenn man systematisch und eben auch marktorientiert arbeitet. Klar muss es Spaß machen. Das allein reicht aber irgendwann nicht mehr.”
via just
Jenseits von den “höheren Ansprüchen” – der Zwang jeden Monat einen bestimmten Geldbetrag zu erwirtschaften ist real da. Wer nicht die Marke Ich vorantreibt und seine Werke auf dem Markt verkauft, kann auch irgendwann die Beiträge zur Künstlersozialkasse (neben Miete etc.) nicht mehr entrichten. Und die Einkommensverhältnisse im System Kunst dürften die Verteilung einer Pyramide besitzen: den wenig sehr bekannten Stars stehen viele weniger gut verdienende entgegen. Nicht das Banky und Obey gut verdienen ist damit das Problem, sondern dass sehr viele wenig verdienen und in einem Konkurrenzsystem gegeneinander antreten müssen. Und das hat nichts mit Gier, Geltungsstreben oder dergleichen zu tun, sondern ist der ganz normale Wahnsinn kapitalistischer Vergesellschaftung.

Es wäre an der Stelle angebracht, wenn kritische Künstlerinnen und Künstler genau diese Probleme thematisieren und diskutieren würden. Einerseits Marktzwang, andererseits Kritik daran. Macht hier eine Künstler und Künstlerinnen-Gewerkschaft Sinn? Oder eine Bündelung von Interessen in Form einer Organisation?

Als Beispiel wurde vom Veranstalter des Abends der österreichische Kulturrat genannte, der sich mit genau diesen Themen beschäftigt und sich dazu explizit politisch, etwa zu Rassismus und Migration, positioniert. Was nebenher eine weitere wichtige Fragestellung bearbeitet:

Wie stehen politische und kulturelle Linke zueinander?

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