Urbanes Skateboarding und Rituale im Kunstmuseum

Eine kurze Zusammenfassung von zwei Texten.
Ian Borden beschreibt Skateboard fahren (Gedankennotiz: die Freudsche Fehlleistung untersuchen, warum ich aus Rollbrettfahren immer ein ähnlich lautendes Kartenspiel ohne „e“ am Ende machen will) als Akt der Umdefinierung der Stadt: Performing Cities. Das Urbane wird von Skatern nicht wie von den Architekten der einzelnen Gebäude (geschweige denn aus Sicht von Stadtplanern) wahrgenommen. Nach der Raumtheorie von Henry Lefebvre wird die Stadt konstant umgedeutet und reproduziert (materielle Objekte, Praktiken, Text, Repräsentation, Vorstellungen, Erleben von Raum). Skaten ist 1) Produktion von urbanem Raum, 2) Repräsentation der Stadt und 3) ein Sprechakt.

Die Stadt wird aus Sicht der Skater nicht als Totalität wahrgenommen, vielmehr werden Einzelteile („ledges, walls, banks, rails“) gesehen: Der Blick des Skaters.
Repräsentation und „physicality“ fallen bei Skatern in eins. Zeit gilt ihnen als Komponente der Entfernung zwischen Spots; die Stadt wird im Hier-und-jetzt gelebt, es werden keine Texte hinterlassen. Der Autor vergleicht Skateboarding mit „dérive, detournement and psychogeography“ der Situationisten.

Das Bild der Stadt ist nicht das von Stadtplänen und touristischen Reiseplanern, vielmehr gibt es bestimmte Orte, die wichtig sind (in Gedanken notieren: die Repräsentation des Raums aus Sicht von Skatern in Videospielen wie bei Tony Hawks könnte man mal näher betrachten).

Ein bißchen zu unkritisch gleich zu Beginn die Einordnung von Skatern als Subkultur. Ok, der Wunsch anders sein zu wollen als der Durchschnitt der Bevölkerung wird da genannt, aber das wollen doch alle.
Das ist Distinktionsgewinn, und da wäre man dann wieder beim ganz gewöhnlichen Kapitalismus. Ebenso an der Stelle, wo am Skateboarding eine Riesenindustrie hängt mit entsprechenden Lifestyleprodukten (plus Hefte, Ausrüstung, Skateparks etc.). Ansonsten beschreibt der historische Abriß sozusagen analog zur Evolution vom Wasser aufs Land die Geschichte des Skatesports: kalifornische Pools wurden Mitte der 1950er Jahre trockengelegt und zu Spots umfunktioniert, dadurch entwickelten sich bestimmte Tricks.
Und wie ist das mit Gender? Aus eigener Erfahrung ist es in diesen Kreisen üblich, Spots als „schwul“ zu definieren und auch ansonsten steht man manchem reaktionärem Männerspaß ganz offen gegenüber (wie hoch ist eigentlich der Anteil von aktiven Skaterinnen?). Und wo wir schon bei den basalen Kategorien der Cultural Studies sind: Class und Gender gleich mituntersuchen.

Ein Einwand auch gegen die Annahme der Totalität in der Wahrnehmung der Stadt unter Touristen: so würde auch eine empirische Untersuchung unter Touristen ganz erstaunliches Herausfinden: Vermutlich nämlich nicht, dass die Mehrzahl der Befragten die Stadt als Verlängerung der Darstellung in Reiseführern wahrnimmt. Ian Borden idealisiert den touristischen Blick und dieDarstellung der Stadt, die so nie anzufinden ist und wo vermutlich eine Pluralität an Vorstellungen zu finden ist.

Borden, Ian (2004): A Performative Critique of the City: The Urban Practice of Skateboarding, 1958-98. In: Miles, Hall, Borden (Ed.): The City Cultures Reader. London and New York: Routledge

Carol Duncan untersucht den Besuch des Kunstmuseums als Ritual. Gesellschaft nach Aufklärung als Dichotomie säkular/ sakral. Im Zuge der Aufklärung wurden in einem historischen Prozess religiösen Orten bestimmte Eigenschaften, bestimmte Wahrheiten zugeschrieben. Religiöse Wahrheit freiwillig, säkulare „authoritative“. Soweit ein vernünftiger Zugang jenseits der einfachen Zuschreibung als Ritual und die vielleicht zentrale Frage bei der Anwendung von Ritualtheorien, was es rechtfertigt, den Begriff des Rituals auf nicht-religiöse/ kultische Handlungen anzuwenden. Duncan meint, dass unsere Kultur symbolisch aufgeladen sei und man oft auf säkulare Zeremonien stoßen würde. Architektur von Museen borgt sich Elemente aus „monumental ceremonial structures of the past“ aus (steile These, wie sich das für die heutige Zeit belegen lässt, frage ich mich).

Wie immer im Kontext von Ritualen der Verweis auf den Begriff der Liminalität nach Victor Turner (Notiz: zuletzt gelesen bei Sandra Petermann und Eva Illouz): Möglichkeit zum aus-dem-Alltagsleben-treten und sich mit anderen Augen betrachten. Kunstmuseum gibt „stage set and the script“ des Besuchs vor und damit narrative Struktur. Idee des Museumsbesuchs als spirituelles Erlebnis der Läuterung. Verschiedene Erfahrungsberichte von Besuchen der ersten Museen im 18. Jhdt (Goethe, William Hazlitt) als Beleg, dass der Besuch als etwas Besonderes wahrgenommen wurde (einzigartige Erfahrung, Körperfunktionen verändern sich, Vorfreude, Vergleich mit Kirchenbesuch).
Publikum (davor: wenige Gebildete, Künstler und Poeten) wuchs im Laufe des 19.Jhdts an. Ives Gilman beschreibt 1918 Museumsideal an italienischer Renaissance orientiert.
Nach Germain Bazin werden durch moderne Installationen die Artefakte so präsentiert, als würden sie in einem anderen Kontext existieren, der Besucher muss das Jetzt verlassen und in ein „universe of timeless values“ eintauchen. Die Lenkung des Blicks ist dabei wichtig, Zuschauer wird in Trance an „masterpiece“ gebunden.
Duncan überspitzt dies: im liminalen Raum des Museums werden selbst Feuerlöscher zu Kunstobjekten (das Museum als Maschine zur symbolischen Produktion von Kunst).

Carol Duncan (2004, org. 1995): „The Art Museum as a Ritual“ In: Miles, Hall, Borden (Ed.): The City Cultures Reader. London and New York: Routledge

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