Von Anarchist Academy und Red Bull-Klonen

Möglicherweise sind meine Sinneswahrnehmungen getrübt – aber am Samstag spielen tatsächlich Anarchist Academy im Rahmen einer in Berlin auf dem O-Platz. Gibt´s doch gar nicht! Sind denn schon Sommerferien und Hannes Loh wurde aus der Schule rausgelassen? Diesmal keine Autogramme von Bushido bei der Süddeutschen abholen? Dieses Spektakel sollte man sich keinesfalls entgehen lassen.

Was mich an eine kleine Geschichte aus der zweiten Hälfte der 90er Jahre erinnert. Anarchist Academy sollten in einem westdeutschen Jugendzentrum auftreten. Die veranstaltende Gruppe (damals nach Eigendefiniton als “autonomer Zusammenhang” tituliert) organisierte ein Konzert nebst Vorband – doch AA tauchten nicht auf. Und das, obwohl man einen Vertrag hatte (ein Hoch auf die Errungenschaften der bürgerlichen Gesellschaft) und das Konzert doch für einen guten Zweck (die Aufbesserung der Gruppenkasse und damit vermutlich indirekt für die Weltrevolution) stattfinden sollte. Wutentbrannt interpretierte man dies als schwere, narzisstische Kränkung und faxte überregional eine Erklärung an Veranstaltungsorte, in denen die Band als “Arschloch Academy” tituliert wurde. Vermutlich über das AJZ Homburg bekam auch das ZAP-Fanzine dieses Schreiben in die Hand und goutierte es in genüsslicher Weise zynisch.
Nicht viel später entdeckte dann der genannte Politzusammenhang, dass sich mit Musik aus der Konserve und gruppeneigenen DJs wesentlich besser und mehr Geld erwirtschaften ließ. Die anvisierte Kundschaft stand einfach mehr auf Parties und man musste sich nicht mit lästigen und teueren Bands rumschlagen (und konnte durch Getränkeverkauf viel mehr Geld einnehmen). Außerdem war HipHop – den übrigens auch das besagte ZAP-Fanzine seit 1992 versuchte als linke Jugendkultur zu etablieren – bei besagter Politgruppe schon wieder out und man wollte circa 10 Jahre nach Techno und dem Sommer of Love auf diesen Zug aufspringen und wechselte folglich zu Big Beat (langweilig) und Techstep (genauso langweilig). Dafür konnte man aber so mehr Getränkeumsatz machen. Vermutlich hatte man mit dieser Entscheidung den Nerv der Zeit getroffen und die Weichen für die Zukunft gestellt, denn diese Cocktail-Dienstleistungen sollten in den folgenden Jahren bis heute zum hegemonialen Modell linker Gewinnerzielungsabsicht werden. Man musste seitdem als Gast auf diesen Veranstaltungen literweise eklige Zuckerwasserbrühen runterwürgen, die vom ungeschulten und gänzlich fachunkundigen Personal zusammengepanscht wurden. Mit ein bißchen Glück hatte man dann sehr viel mehr Alkohol als normal vorgesehen war in seinem Drink, dafür war der Geschmack aber zumeist schlicht und ergreifend Scheiße. Aus Gründen der Sparfuchsigkeit wurde etwa kein Red Bull, sondern das Plagiat von Penny Markt für Mixdrinks verwendet, welches sämtliche Geschmacksknospen mit einem gezielten Faustschlag in den Rachen ausknockte, aber definitiv keierlei Genuss versprach. Das Pendant zum Schnapssaufen aus der Flasche auf dem Bahnhofsvorplatz. Aber es war doch soooo billig, zumindest für die Einkäufer.
Genau diese Art von Knauserigkeit ist dem Lumpenproletariat schon immer fremd gewesen. Denn dieses gibt das Geld, das es gar nicht hat, mit vollen Händen aus. Recht so! Da wird nicht mit mahnendem Finger auf die Immobilienkrise in den USA und faulige Kredite geschimpft (man dürfe ja Menschen nicht einfach so Geld geben, dass sie nicht durch ehrliche Arbeit verdient hätten, schließlich würde das nur verführen und sie könnten ja nicht damit umgehen), sondern Geld für die einzig vernünftige Funktion eingesetzt, die es unter den gegebenen Umständen inne hat: nämlich zur direkten Befriedigung von Bedürfnissen. Und sei es, dass man am samstag abends im Späti eine Palette Red Bull und diverse Flaschen Wodka ersteht.

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