Web 2.0 Voodoo

Berufsbedingt muss ich mich derzeit intensiver mit Web 2.0 Startups auseinandersetzen. Es ist wirklich katastrophal, was einem da an Elend entgegenschlägt. Zumal das Modell aller Web 2.0 Unternehmen immer gleich aussieht: 4 Studenten (Frauen sind prinzipiell nie dabei), die sich wohl gegenseitig als Freunde bezeichnen würden, haben die suuuuupper-innovative Idee und gründen ein Startup.

Sagte ich die innovativ? Der Markt für Web 2.0-Angebote ist in Deutschland genausowenig vorhanden wie die guten Ideen, und so wird dann klassisch als Copycat ein Modell aus den USA oder anderenorts übernommen. StudiVz ist da keine Ausnahme sondern die Regel.

Die Logik dahinter ist recht simpel: Wenn Social Networks gerade als der neue, heisse Scheiß gelten (das war mal neu vo 3 Jahren, aber wir gehen hier von Deutschland aus, da ticken die Uhren etwas langsamer) wird eben ein weiteres Startup gegründet, dass sich zu den
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dazugesellt. Generell nimmt man das, was es schon gibt, baut noch ein Blinklicht dran – und fertig. Irgendwie verstehen die Betreiber die Pointe der Idee von Long Tail nicht. Denn die besteht schließlich darin, dass man selbst ein Markt(quasi)monopolist ist, der den ganzen obskuren Nischenkram anbietet und nicht selbst ein einzelner Anbieter für jene Randprodukte. Und so ein Social Network funktioniert nur mit maximal vielen Usern.
Nimmt man jetzt die Aussagen einer Münchner Studie, nach der von Social Network-Nutzerinnen und Nutztern durchschnittlich gerade mal 2,21 Netzwerke genutzt werden, dann lässt sich daraus folgern, dass für die kleinen Anbieter eigentlich kaum Platz auf dem Markt ist.

Aber das wird gnadenlos verdrängt und Resultat dieser Web 2.0 Gründungen sind Portale für den sinnlosesten Quatsch. Aber hey – wir machen richtig Business mit der Aussicht auf Venture Capital und allem drum und dran. Wer schon vor dem Abi vom Porsche mit Mitte 20 träumte, kann hier die Schmallspurversion seiner Träume verwirklichen und sich als Chef und Unternehmer aufführen. Aber aufgepasst – es kann nur einen geben. Denn auch die Rollenverteilung der 4 Gründerfreunde ist immer diesselbe: der Eine schwingt sich zum hemdsärmligen Macher auf, der Zweite muss sich mit der Stelle als Assistenz der Geschäftsführung begnügen, dann gibt es noch den Typen, von dem keiner so genau weiß, was er genau macht und zuletzt noch den hypergenialen Programmiernerd (alle, wirklich alle Firmen stricken an dem Mythos, dass sie “den besten der besten der besten” Programmierer hätten), der nur selten aus dem Keller gelassen wird, da er zu unrepräsentativ ist.

Und dann wird ordentlich Wind erzeugt (Fachjargon: “bubbling”) um ein hochgradig zweifelhaftes Projekt, das sich – würde man nur wollen – bei näherem Hinsehen als Scharlatanerie der Extraklasse entpuppt. Aber mit der nötigen Überzeugungskraft schafft man es dann seine nichtvorhandenen Ideen als den großen Wurf zu vermarkten.

Wie sich damit Geld verdienen lässt? Eigentlich gar nicht. Das Ganze ist ein riesiger Schwindel bzw. ein schöner Beweis für die Existenz der Voodoo-Ökonomie. Eine Ökonomie, die es rational betrachtet gar nicht geben müßte, aber schon Karl Marx bescheinigte dem Kapitalismus eine geisterhafte Beschaffenheit. Mit dem Logos kommt man bei einer Analyse nur begrenzt weit.
Denn die Web 2.0 Geschichte funktioniert nur, weil alle daran glauben und solange alle daran glauben.
Aber es funktioniert dann ja auch wirklich, insofern halte ich wenig von dem ständigen Hinweis auf die vermeintlich “Blase”, die als Überformung der Normalität wahrgenommen wird. Das ist Unsinn – Spekulation ist teil des normalen Betriebs.
Und in dem Fall auch erklärbar. Verlagshäuser investieren massiv, weil ihnen die Einnahmen aus dem Printmarkt wegbrechen und sie im Online-Geschäft einen Zukunftsmarkt vermuten. Wohlgemerkt: vermuten. Denn ob und wie sich mit der Gratisökonomie des Webs in Zukunft Gewinne erwirtschaften lassen, ist heute nicht wirklich offensichtlich, siehe etwa das Beispiel der der New York Times. Schon klar, die Online-Werbung wächst rasant, aber sie verteilt sich auf immer mehr Anbieter. Verlage wollen sich da rechtzeitig ein Stück vom Kuchen sichern, schließlich wollen sie ihren Status verteidigen und ausbauen.

Aber ob sich der Hype um Social Networks in Umsatz und Gewinn ummünzen lässt, bleibt offen. Und damit auch die Frage, ob sich die teilweise grotesk größenwahnsinnige Projekte finanzieren lassen. Besonders offenkundig wird das in der Phase, wenn ein neu gegründetes Web 2.0 Wachstum anvisiert (die Diskussion um die Userzahlen bei Social Networks lasse ich mal außen vor) und dafür mehr Arbeitskraft benötigt wird.
Denn die kostet eigentlich Geld. Aber auch da gibt es tolle Lösungen: Arbeit ohne Bezahlung. Warum für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter Lohnkosten verschwenden, wenn man dieselbe Arbeit auch ganz umsonst haben kann? Zwar nur befristet auf die wenigen Monate eines Praktikums, aber ob das Unternehmen nach diese Zeitspanne überhaupt noch existiert, weiß man eh noch nicht.
So brüstet sich das ehemals in Stuttgart angesiedelte Startup Imedo in einem Interview damit, dass man extra nach Berlin gezogen sei, da hier die Arbeitskraft billiger sei: Deshalb gab es auch die Überlegung, nach München zu ziehen – eine schöne Stadt. Aber leider viel zu teuer. Selbst nicht qualifizierte Studentische Mitarbeiter sind kaum zu bezahlen. Und die Wohnraummieten erst. Vom Preis-Leistungsverhältnis hätte das einfach nicht gestimmt.
Genau – denn für 400 Euro im Monat bei einer 40-Stunden-Woche(!) würde als “Customer Support” (so ein aktuelles Jobangebot bei Imedo) in Stuttgart oder München sicher niemand arbeiten. Aber Berlin ist ja billig, da kosten die Schrippen 10 Cent und die Miete der Angestellten zahlt das Sozialamt oder wer auch immer. Und getreu dieser Firmenphilosophie sind dann fast alle der 30 angebotenen Vakanzen (Stand: 19.04.08) Praktikas und Volontariate.
Dabei dürfte Imedo noch nicht einmal ein besonders extremes Beispiel darstellen, sondern nur den Durchschnitt der Arbeitsverhältnisse in der Berliner Startup-Szene. Arbeit ist genug für alle da – nur eben keine Bezahlung.

Es gibt vereinzelte Stimmen, die den Wahn der Web 2.0-Welt thematisieren, wie etwa das Blase2null Blog (leider discontinued), das mit einigen netten Internas aufzuwarten wußte. Ansonsten natürlich noch Don Alphonso, der im Rundumschlag Watschn verteilt. Das war´s dann aber schon. Ansonsten dominieren diejenigen Portale, die kräftig an der Eigenwerbung der Blase 2.0 mitwirken. Auch ansonsten könnte man gerne mal die Diskurse um Web 2.0 kurzschließen mit denen um prekäre Lebens- und Arbeitsverhältnisse. Ein notwendiges Gegengewicht gegen den New New Economy-Hype Marke Berlin-Mitte ist angebracht.

Oder selbst gründen. Hier jedenfalls die Ideen von Startups, die es noch nicht gibt, und die ich gerne sehen würde:

* praktikumsboykott.de – selbsterklärend.

* schlammschlacht.de – Alle negativen Emotionen, die sonst von Social Network-Nutzerinnen und Nutzern mühsam unterdrückt werden müssen, können hier artikuliert werden. Alle Benutzer verzichten auf ihre Persönlichkeitsrechte (oder der Server steht im Ausland) und schon kann hier hemmungslos intrigiert, beleidigt und gegeneinander gehetzt werden.

Update: http://www.flamewars.net/ Das gibt es sogar schon – eine Social Bookmarking Site für beleidigende Diskussionen im Internet

Update 21.04.08: Denn auch Investoren und Venture Capital-Geber wissen nicht so recht, was sie mit den Web 2.0 Angeboten anfangen sollen:“Google hat nach fast zwei Jahren noch immer nicht rausgefunden, wie mit dem teuer gekauften Youtube Profit zu machen ist.”
via netzwertig.com

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