kittkritik liest im Cafe Morgenrot

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Drei Autoren des Sammelbandes Deutschlandwunder, der von der Gruppe Kittkritik herausgegeben wurde, stellten gestern Abend am 12.3. im Cafe Morgenrot das Buch vor und bewarben den Kongress dazu Anfang Mai in Bremen. Im Mittelpunkt stand der Beitrag von Volker Beeck und Jean-Philipp Baeck zur Krimiserie TKKG und so lautet der Titel des Vortrags dann auch “Mit Judo gegen Wodka-Bruno, Miethai Zinse und Dr. Mubase. TKKG – Ein postnazistischer Jugendkrimi”. Veranstaltet wurde der Abend von Grand Hotel Abgrund.

„Wer geht schon an einem Samstag abend auf eine Vortragsveranstaltung?“ wurde ich noch davor gefragt, und die Antwort bekam ich prompt vor Ort: überraschend viele Menschen, so dass ich gerade noch einen der letzten Sitzplätze ergattern konnte.

Tobias Ebbrecht leitete den Abend mit einer kurzen Vorstellung des Buchprojektes ein. Ausgangspunkt der Beobachtung seien die Verhältnisse nach 1990 und insbesondere der Berliner Republik; seitdem würde eine neue Form kulturindustrieller Repräsentation Deutschlands produziert, die von einer Gleichwertigkeit aller Opfererfahrungen ausgehen würde. Deutsche würden zunehmend als Opfer von Reeducation dargestellt, etwa von den Filmmachern von “Der Untergang”. Das Buchprojekt hätte die Kontinuität von drei Tätergeneration im Fokus, es ginge um die transgenerationale Weitergabe und das nicht nur auf Erinnerungen bezogen, sondern das Überdauern von bestimmten Subjekttypen.
Ebbrecht referierte kurz zu psychoanalytischen Ansätzen in diesem Kontext (von Freud bis zum Buch des Psychoanalytiker-Ehepaars Mitscherlich „Die Unfähigkeit zu Trauern“). Postnazistische Kultur sei durchaus exportfähig, kurz wurde auf den Film „Paradise Now“ und den Sender Arte eingegangen. Die deutsche Vergangenheitsbewältigung würde zunehmend exportiert.

Nach der Einführung stellten die beiden Referenten des Abends, Volker Beeck und Jean-Philipp Baeck, ihren Beitrag im Buch vor, in dem sie am Beispiel der Jugendkrimiserie TKKG postnazistische Ideologie in kulturindustriellen Produkten aufgezeigen. TKKG – eine der erfolgreichsten Kinder- und Jugendserien seit 1979. Das ökonomische Basismodell von TKKG baut auf den 179 Büchern von Stefan Wolf auf (die schätzungsweise eine Auflage von 14 Millionen Exemplaren erreichen, zu denen sich Hörspiele, Fernsehserien und ein Kinofilm gesellen. Ausgehend von den Hörspielen (die mehr oder weniger werkästhetisch in ihrer Gesamtheit rezipiert wurden) sowie mit Interviewaussagen des Autors Stefan Wolf (aka Rolf Kalmuczak) belegten die Referenten die autoritäre Ideologie des TKKG- „Paralleluniversums postnazistischer Wunschproduktion“.

Stefan Wolfs Schaffen wurde charakterisiert als den totalen Verzicht auf jegliche Spannungselemente. Kein Klischee sei zu abgedroschen, um es nicht zu benutzen. Drogendealer spritzen etwa Haschisch und fixen unschuldige Schüler an.
Die Bedrohung des postnazistischen Subjekts wird auf ein Außen projiziert. Das Strafbedürfnis des Mobs stillt stellvertretend der Anführer der Gruppe, Tim/Tarzan, der sich über echtsstaatlichen Prinzipien (teils mit Wissen der Polizei, repräsentiert durch Kommisar Glockner) hinwegsetzt. Die TKKG-Welt als permanenter Ausnahmezustand. Der Liberalismus würde radikalisiert und zu einem survival of the fittest sozialdarwinistisch aufgeladen. Egal welche Randgruppen, ob Tätowierte, Punker, Rocker, Drogendealer, Obdachlose – Vertreter dieser Personengruppen wären am Anfang der jeweiligen Folge verdächtig und dieser Anfangsverdacht würde sich auch immer bestätigen.

Ebenso sei eine sich wahnhaft gebärdende Tierliebe ein zentrales Element bei TKKG. Hierbei gäbe es Parallelen zur PETA-Kampagne mit der Holocaust-Relativierung. Tierquäler und Taubenvergifter (mit Georg Kreisler braucht man Stefan Wolf wohl nicht zu kommen) werden von TKKG gnadenlos zur Strecke gebracht und gleichzeitig die Shoa verdrängt. „Immer nur Ausrotten – gab es das nicht schonmal?“ wird vom TKKG-Charakter Gabi skandiert und damit ähnlich wie in der PETA-Kampagne der Mord an Tieren mit Auschwitz gleichgesetzt. Die spezifisch deutsche Form der Verdrängung der Vergangenheit wurde an einem anderen Beispiel aufgezeigt, in welchem ein stereotyp dargestellter US-Amerikaner nach Deutschland kommt, um den verlorenen Schatz seiner deutsch-jüdischen Großeltern zu suchen (die auf der Flucht vor den Nazis bei einem Flugzeugabsturz umkamen). Die reaktionären Antikapitalismusphantasien von Stefan Wolf wurden dann in eine Folge über einen „Miethai“ aufgezeigt, der von TKKG als Blutsauger charakterisiert wurde mit dem originellen Namen „Zinse“ benannt wurde.

Die anschließende Diskussion verlief zunächst eher schleppend, erst gegen Ende zu kam ein wenig Kontroverse auf, was aber in einem für mich recht ermüdenden Schlagabtausch zwischen Podium und einem Teilnehmer mit längeren Redebeitragen beider Seiten endete. Insbesondere die Logik einer Wortmeldung „ja aber die Amerikaner produzieren auch solche Klischees in Filmen und fallen dann im Irak ein und foltern dort“ war dann eher ärgerlich denn erkenntnisfördernd. Dass die bürgerliche Gesellschaft allgmein und nicht nur im Postnazismus beschädigte Subjekte hervorbringt, wurde den Referenten nun ja auch keineswegs bestritten.
Das spezifisch Deutsche hätten die Autoren allenfalls noch stärker herausarbeiten können durch eine stärker rezeptionsorientierte Untersuchung (allerdings ist klar, dass man im Rahmen eines Buchbeitrages wohl kaum eine empirische Studie zur psychischen Disposition der Hörerinnen und Hörer TKKGs durchführen kann).

Abgesehen davon eines gelungene Veranstaltung. Insbesondere die verteilten Leserollen der Referenten (einer hält den Vortrag, der andere liest die Kommentare) und die Einbindung der Hörbeispiele funktionierte ganz gut.

PS: Vielleicht noch das: TKKG als Bande – da hätte sich ein Verweis auf die Racket-Theorie doch angeboten.
PPS: Einen hübsch zu lesenden, aber gänzlich argumentfreien Zerriss des Buchs “Deutschlandwunder” gibt es bereits hier.

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