re:publica Tag 1

100 Meter Schlangestehen um halb 11 morgens, was ein vortreffliches Kameramotiv abgab. Die Eröffnung verpasste ich, den ersten Vortrag von Harvard-Professor Viktor Mayer-Schönberger zu Vergessen und Erinnern in der digitalen Welt sah ich mir an. Ausgehend von 2 Beispielen konkreter Repressalien (eine Frau wurde wegen eines Foto auf Myspace nicht als Lehrerin zugelassen, ein Mann wurde wegen eines Artikels über eigenen LSD-Konsum in den 1960er Jahren die Einreise in USA verweigert) machte der Referent seine These auf, dass digitalen Speichermedien und dem Web das Vergessen fehlen würde.
Weniger gut fand ich seine Ausführungen, kognitive Leistungen als reine Speicherfunktion darzustellen sowie ein soziales Problem auf ein technisches zu reduzieren. Das Problem ist schließlich nicht Myspace, sondern dass Praktiken, wie die von ihm beschriebenen, überhaupt stattfinden. Diese würden durch den Lösungsansätze des Verfallsdatums von Information evtl. erschwert, aber das Problem der Nachforschungen nicht verhindert. Schnüffelnde Dekane und Grenzbeamte und Arbeitgeber wären abzuschaffen.
Ebenso stieß mir die liberale Argumentation auf, das Vergessen zu verbilligen, das Erinnern verteuern zu wollen: Der Markt wird´s schon richten, man müßte nur die Preise entsprechend einführen. Da bin ich ja nicht der Fan von.
Weiterhin ging es Mayer-Schönberger um die Rechtslage zur informationellen Selbstbestimmung. Am Ende fiel der Satz von ihm: “Warum gibt es in Deutschland keine Bürgerbewegung gegen StudiVz?” Ein guter Vortrag, rednerisch mit kleineren Abstrichen doch sehr gut.
Bei der nachfolgenden Veranstaltung zu Social Networks saßen auf dem Panel u.a. Geschäftsführer von Myspace Deuschland und StudiVz, welche beide – kurze Zusammenfassung des Plots – vom Moderator sowie Dirk Olbertz von Ormigo auseinandergenommen werden sollten. Das Ergebnis sei verraten: es war ein ganz grausiges Spektakel. Der StudiVz-Geschäftsführer Michael Brehm wirkte fürcherlich unsouverän durch die vielen “ähhhs” und “ehmms” und stolperte über die Fragestellungen des Moderators. Nicht dass diese besonders gut gewesen wären. Im Gegenteil – sie wirkten wie eine schlechte Persiflage auf kritischen Journalismus. Statt konkrete Kritikpunkte zu benennen, wurde nur das Ressentiment bedient (das vermutlich von weiten Teilen des Publikums geteilt wurde), nämlich dass StudiVz und Myspace irgendwie nicht toll seien. Man erblödete sich dann nicht, vermeintlich kritisch und mit erhobenem Zeigefinger nachzuweisen, dass hinter den Firmentätigkeiten wirtschaftliche Interessen stünden – welch eine Erkenntnis. Der Versuch der Entlarvung ging vor allem deswegen völlig daneben, weil völlig willkürlich Kritikpunkte aufgeführt wurden. Man hackte auf Punkten wie dem angeblich mangelnden Jugendschutz herum. Wie man´s macht, macht man´s verkehrt: würden die Social Networks streng die User überprüfen, würde hier “Überwachung” konstatiert, tun sie es nicht, wirft man ihnen halt zu laxen Umgang mit den rechtlichen Bestimmungen vor. Die Moderation hatte keinen festen Standpunkt (Kritikpunkte hätte man – wäre man vorbereitet gewesen – finden können: etwa völlig unverständlich, warum beim Begriff “Stalking” nicht das Engagement ehemaliger Geschäftsführer von Vz in der berühmten 500-Stalkinggruppe angesprochen wurden) und assoziierte frei. Dagegen wirkte der Chef von Myspace aalglatt, an ihm perlte die Kritik völlig ab und er ließ sich nicht wie Michael Brehm als Brummbär durch die Manege führen.
Soweit für heute. Der Rest der Veranstaltungen interessierte mich weniger, morgen sind die interessanteren Sachen dabei.

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