Buchbesprechung: Stephan Grigat – “Fetisch und Freiheit”

fetisch und freiheit
Ausführliche Besprechungen des Buchs gab es bereits an anderer Stelle (zusammengefasst auf der Site des Buches auf der Homepage des ca ira-Verlags), deswegen beschränke ich mich hier auf subjektive Anmerkungen.

Das Buch beschreibt nicht den Fetisch, sondern die Rezeption der Marxschen Fetischkritik. Grigat bestimmt zunächst den Fetischbegriff und geht dabei chronologisch die Vertreter des westlichen Marxismus durch, um daran anschließend die (falsche) Kritik von Staatlichkeit, die Kritik des Antisemitismus und die Parteinahme für Israel zu beschreiben.

Die in „Fetisch und Freiheit“ ausgeführte Theoriebildung wurde in der Vergangenheit abgeschlossen. Das lässt sich u.a. an den Jahreszahlen der zitierten Literatur ablesen, an der sich Grigat abarbeitet. Das Buch spiegelt somit die theoretischen Auseinandersetzungen im wertkritischen Umfeld zwischen geschätzt 1998 und 2002 wider. Damals wurden Positionen rund um den Autorenkreis der Zeitschrift „Streifzüge“, wo auch Grigat publizierte, erarbeitet. Später kam es dann zum großen Krach, nach 9/11, dem Irakkrieg und der Auseinandersetzung mit dem politischen Islam.
„Fetisch und Freiheit“ ist eine Art Retrospektive. Es spiegelt die Theorieentwicklung von Grigat wieder, der Texte publizierte, die in Fragmenten wieder in diesem Buch auftauchen (etwa Kritik der Globalisierungsbewegung).
Das Buch spiegelt aber auch die damalige Debatte wieder. Es zeigt, dass die Auseinandersetzung innerhalb eines recht kleinen Kreises von Theoretikerinnen und Theoretikern erfolgte. Grigat führt immer wieder als Referenz Robert Kurz bzw. Krisis auf. Andere, widersprechende Ansätze werden kaum behandelt. Und wenn, dann nicht besonders informiert.

Denn Grigat ist da am schwächsten, wo er den politischen Scharfmacher mimt. Diese Rolle verkörpern Andere wesentlich glaubhafter. Statt einer Auseinandersetzung mit dem Gegenstand liefert Grigat dann Worthülsen, die polemisch gegen einen imaginären Gegner gerichtet sind. Ärgerlich ist dies an verschiedenen Stellen. Insbesondere das Stereotyp des undifferenzierten PoMo-Bashings bedient Grigat souverän: „Gerade heute, da alle Welt – von den cultural studies über die Diskurstheorie bis zur Postmoderne – zwar geneigt ist, von Verdinglichung zu sprechen, aber gleichzeitig über den Fetischismus der Warenwirtschaft geschwiegen wird…“ (S.140). Kategorie „alle Welt“ aufgemacht, alle reingesteckt, und dann argumentfrei draufhauen und ins Blaue hinein behaupten, dass „die da“ einen Begriff falsch verwenden würden. Welcher Autor, in welchem Text, warum genau – würde hier die Gegenfrage lauten. Schon klar, es geht nach Marx ja darum den Gegner zu treffen – aber warum diese aufgestellten Pappkameraden Gegner sein sollen, erschließt sich mir nicht.
Und solche laxen Verallgemeinerungen tauchen leider öfters auf – etwa wenn von „einigen postmodernen Diskursen“ (S.189) die Rede ist (was auch immer damit gemeint ist), ohne irgendetwas näher dazu zu begründen. Diese Methode kulminiert sich dann im 9. Kapitel „Affirmation des Fetischs in der Postmoderne“, wo sich von „modischen Theorieansätzen“ (S.227) abgegrenzt wird. Getreu der Logik: Mode ist immer nur das, was die anderen machen. Dass es u.a. auch mit Mode zusammenhängen könnte, dass sich wieder verstärkt Menschen auf die Kritische Theorie beziehen, wird außen vor gelassen. Mehr oder weniger lustlos werden die Namen Butler, Derrida und Baudrillard in den Raum geworfen und teils mit einem einzigen Nebensatz, teils an nur einem Text festgemacht, abgefertigt – um die meiste Zeit über den Wert zu schreiben.
Diese Art von Auseinandersetzung hätte man gerne weglassen können. Und auch die Auseinandersetzung mit Freuds Begriff des Fetischs fällt eher bescheiden aus, was aber auch nicht Sinn und Zweck des vorliegenden Buches ist.
Überflüssig ist ebenso das 7. Kapitel, wo auf ganzen 5 Seiten Althusser behandelt wird. Und auch der Vorwurf „Lebensphilosophie“ (S.191) und „Vitalismus“ (S.191, 226) gerichtet u.a. an Debord verlässt die Buzzword-Ebene nicht.

Aber zum erfreulichen: Die stärksten Momente entwickelt das Buch über die Ablehnung der Überdetermination der Krise als Zusammenbruchskrise bei Robert Kurz und Krisis (S.214) hin zu einem Kritikbegriff, der sich von Theorie abgrenzt: als Wille zur Abschaffung des Kapitalismus, was für den Materialismus eine Selbstabschaffung bedeutet (S.220). Gleichzeitig ist das für mich ein Knackpunkt des Freiburger-Wiener-Materialismus: Wenn „jeder logisch-analytische Erklärungsversuch“ (S.222) an der Unvernunft und Paradoxie des Kapitalverhältnisses scheitern muss – warum schreibt man dann dicke Wälzer, in denen endlos Begrifflichkeiten dialektisch hin- und hergewälzt werden, mit Hilfe der Ratio? Vielleicht an dieser Stelle die Bemerkung, dass Scheinaktivität und Beschäftigungstherapie eben auch das Verfassen von Büchern und nicht nur etwa demonstrieren etc. bedeuten kann.

Gegen die Tendenz der Überbetonung der Prägung gesellschaftlicher Realität durch die verschiedenen Fetischarten setzt Grigat überraschenderweise die individuelle Verantwortung. So seien „Eliten in Kapital- und Staatsverwaltung für das Elend dieser Welt mitverantwortlich“ (S.266) zu machen. Zwar seien alle Subjekte dem Tausch und damit Waren- und Kapitalfetisch unterworfen, aber niemand sei gezwungen „seine Unterschrift unter Beschlüsse zu setzten, die im Rahmen wertvermittelter Gesellschaften den Unterschied zwischen Leben und Tod ausmachen“ (S.267). Diese Aussagen fand ich doch erstaunlich, genauso wie den Hinweis an dieser Textpassage, wie Gewerkschaftsarbeit aussehen könnte.

Im Zusammenhang mit Antisemitismus wird klar, warum Grigat so auf der persönlichen Entscheidungsfreiheit beharrt: „Der Antisemitismus impliziert immer die persönliche Entscheidung, während der Fetischismus der bürgerlichen Produktionsweise schon insofern notwendig ist als er alleine durch das Handeln, unabhängig vom Bewußtsein, praktiziert wird und praktiziert werden muss.“ (S.331). Denn ansonsten könnte sich jeder Nazi mit dem Verweis auf die allmächtige Determination der Ideologie aus der Verantwortung ziehen. An diesem Zitat wird auch die Unterscheidung zwischen fetischistischer und antisemitischer Ideologie klar, die Grigat trifft: Das eine als stummer Zwang der Verhältnisse, dass andere als Angebot zur negativen Aufhebung des Kapitalverhältnis, als konformistische Revolte.

Zuletzt: Wo wird im Buch eigentlich der im Titel aufgeworfene Begriff der Freiheit diskutiert? Ich las nur von „Kommunismus“ und „Emanzipation“.
Wie auch immer: das Buch bietet eine sehr gute Basis um sich entweder in den Fetischbegriff einzulesen (Anfänger) oder den Fetischbegriff weiter zu diskutieren (Fortgeschrittene). Der Kauf des Buches wird wärmstens empfohlen.

Grigat, Stephan: Fetisch und Freiheit. Über die Rezeption der Marxschen Fetischkritik, die Emanzipation von Staat und Kapital und die Kritik des Antisemitismus
August 2007, ca ira Verlag, Freiburg

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