Kurz notiert: Ursprünge der Seidenstrasse

In Berlin hatte ich die Ausstellung „Ursprünge der Seidenstraße“ verpasst. Nachholen konnte ich einen Besuch jetzt in Mannheim. Dort ist die Ausstellung noch bis zum 1. Juni im Reiss-Engelhorn-Museum zu sehen. Schon in Berlin war die Ausstellung stark umworben und auch in Mannheim soll die Ausstellung zum Besuchermagnet werden. Das könnte im derzeitigen China-Hype auch gelingen. Schließlich ist China das neue Morgenland, das die Phantasie der deutschen Bourgeoisie beflügelt – zwischen Neid auf und Angst vor dem aufstrebenden Weltmarktkonkurrenten.
Trotzdem bedarf es noch einer massiven Außenkommunikation, um Menschen in die größte Show, die jemals existierte, zu locken. Der Flyer zur Ausstellung überschlägt sich in Superlativen der zu sehenden Kuriositäten: Die „sagenumwobene Seidenstraße“ biete „spannende Einblicke“ mit „sensationelle(n), nie zuvor ausgestellte(n) Funde(n)“ und überhaupt: „eindrucksvoll“, „unbekannt“, „außergewöhnlich“. Dafür beträgt der Eintrittspreis dann auch stattliche 11 Euro. Vorbei die Zeiten, als Kultur ausschließlich staatlich finanziert wurde.

Das Ordnungsprinzip der Ausstellung erschließt sich der Besucherin oder dem Besucher schwerlich. Die Kuratoren haben Ausgrabungsorte rund um das Tarimbecken ausgewählt und arbeiten diese systematisch nacheinander ab. Und an dieser Stelle endet leider die Systematik. Ungeordnet wird aus verschiedenen Epochen Artefakte an Artefakte gereiht. Ausgegrabene Gegenstände reihen sich aneinander, dazu werden Beschreibungstexte geliefert, die allesamt die Stofflichkeit des Materials hervorheben, jedoch weder über Kontext zwischen den einzelnen Orten noch den Unterschieden zwischen Epochen und Gesellschaften aufklären.

Nahezu alle Artefakte befinden sich hinter Vitrinen als wertvolle Schätze aufgebahrt. Archaische Kultgegenstände werden zu Kultgegenständen der Jetztzeit. So wie im Kapitalismus die sozialen Verhältnisse verdinglicht sind, so stellt sich der Zugriff auf die Geschichte der Menschheit dar. Erzählt wird ganz klassisch Herrschaftsgeschichte als Geschichte von Staat und Markt. Man wird ihr nur Herr, indem sie mit Hilfe von Dynastien und Volksstämmen erfasst wird. Und in Analogie an die Warenform werden alle gefundenen Gegenstände als tauschbare Waren wahrgenommen.

Dabei verrät die Ausstellung mehr über den Blick der Forscherinnen und Forscher als über die Ursprünge der Artefakte. Man sucht nach den fremden Kulturen und findet doch nur unhinterfragt das Jetzt: Männer und Frauen hatten unterschiedliche Rollenverteilungen, die Menschen betrieben Tausch von Waren und Verhaltensregeln mit sanktionierender Gewalt (bzw. Hinrichtungen) gab es auch.

Dazu hätte jeder Rassekundler seine Freude an der Ausstellung. Schon in der Arte-Dokumentation, die gleich zu Beginn gezeigt wird, werden Schädel von Forscherteams akribisch vermessen, um zu klären, welcher Ethnie die gefundenen Toten angehörten. Und auch in der Ausstellung dient jeder Hinweis auf den Austausch zwischen den Kulturen nur zur Verfestigung der Gewissheit, dass hier verschiedenen Menschenrassen mit unüberbrückbaren Merkmalsunterschieden lebten. Da werden dann europäische und mongoloide Menschentypen ausgemacht, die in einem teils multiethnischen Gemisch – aber immer voneinander unterscheidbar – gelebt hätten.

Fazit: die Ausstellung erzählt weniger über historische Kulturen, als über den Zugriff der Jetztzeit auf sie.

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