Gould spricht und zeigt in der HU

Street Artist Gould war am 12.2. in das Seminar zu Street Art veranstaltet im Rahmen des Kunstgeschichtlichen Seminars an der Humboldt Universität geladen. Sein Vortrag wurde mitgeschnitten und kann bei just angehört werden; zusätzlich sind die gezeigten Bilder dort dokumentiert. Gould betitelte seine Ausführungen “Wir nennen es Kunst – Reclaim the Street Art”. Die Dozentin Dr. Ilaria Hoppe hatte ihre Stimme verloren, insofern wurde der Abend hauptsächlich von Gould moderiert. Da sich der ganze Vortrag nachhören lässt, hier eine subjektive Zusammenfassung der für mich prägnanten Punkte.

Gould begann mit einem Plädoyer für mehr Diskussion um die Inhalte: Street Art würde zumeist nur visuell rezipiert, eine inhaltliche Debatte fände kaum statt. Da wäre einiges nachzuholen (allerdings folgten dann selbst sehr viele Bilder und Beispiele).
Zunächst ging es um den Kunstbegriff. “Ist Street Art Kunst?” fragte Gould und kritisierte den Vortrag von Julia Reinecke auf der Backjumps Ausstellung, in dem diese Street Art als Gebrauchskunst, also “Street Design” und explizit nicht als bildende Kunst,klassifizierte. Dagegen hielt Gould, dass es bei Kunst schon immer darum ging die Grenzen des Kunstbegriffs auszutesten und verwies auf das Beispiel von Duchamps “Fountain” (Anmerkung: ist das nicht eher ein Merkmal der Avantgarden des 20. Jahrhunderts?). Die Leuten sollten ihren Kunstbegriff updaten, genauso könne man darüber diskutieren, ob Techno Musik sei. Im Endeffekt ging es Gould um einen nicht-ausschließenden Kunstbegriff, bei dem etwa auch Graffiti unter Kunst fällt. Auch im weiteren Vortrag ging es sehr oft um Tags, die nicht als Kunst gesehen würden.
Thematisch daran anschließend wurde später noch erörtert, wie sich Street Art definieren lasse, und ob der Begriff überhaupt passend sei. Street Art heissen im englischen Sprachgebrauch auch Kreidemalereien in Fußgängerzonen, außerdem gibt es die Begriffe Post-Graffiti, Urban Art, Urban Intervention Art oder Streetart.

Gould schrieb Street Art ein utopisches Potential zu. Street Art würde Vergänglichkeit von Kunstwerken aufzeigen und zum nachdenken im und über den öffentlichen Raum bewegen; Leute zum mitmachen aktivieren.
Ein dem Splasher-Manifest ähnlicher Text des Berliner Writers Spair wurde zitiert, der 2005 in Berlin über Street Art- Werke geklebt hatte. Der Text warf Street Art vor zu einfach gemacht zu sein, auf ein Massenpublikum abzuzielen und Graffiti zurückzudrängen. Recht sympathisch waren hier Goulds Respektbekundungen für diesen Text und desen Autor.

Ebenso behandelte Gould um die kommerzielle Nutzung von Street Art. Von Corto wurden Motive kopiert, auf Leinwand gedruckt und verkauft, was diesen ärgerte (ebenso aufgeworfen wurde die Frage, ob man Street Art überhaupt besitzen könne. Schließlich würde diese außerhalb der Straße ihres Charakters beraubt). Diesen Punkt fand ich recht interessant, denn die wenigsten Street Artists in Deutschland dürften in der VG Bild-Kunst vertreten sein, und so Tantiemen für ihre Arbeiten eintreiben. Was bei illegal geklebten Bildern im übrigen nicht so einfach sein dürfte. Allerdings fand ich hier die Position von Gould zweischneidig: einerseits beschwert man sich über dreisten Ideenklau und kommerzielle Verwertung von Bildern (womit man erstmal die bürgerliche Idee der Urheberschaft unterschreibt), andererseits beschwert man sich expizit nicht über Bücher zu Street Art: diese sind theoretisch eine Lizenz zum Gelddrucken, da hier den Artists (ohne VG Bild-Kunst Mitgliedschaft) nichts gezahlt werden muss, wo ansonsten bei der Publikation jedes Fotos akribisch genau darauf geachtet werden muss, ob es nicht Urheberrechte verletzt. Schließlich dürfen Kunstwerk nicht ohne weiteres abgelichtet und diese Fotos dann veröffentlicht werden. Andererseits werden die Artists in den Street Art Büchern genannt, oft genug auch interviewt und erhalten Credits für ihre Arbeit – nach Bourdieu symbolisches Kapital. Wer da von wem wie profitiert, müsste man sich also genauer ansehen.
Beim Verhältnis zur Werbung wurde von Gould hauptsächlich auf die Übernahme von Techniken der Street Art durch die Werbung eingegangen, zum einen führte er Beispiele auf, wo sich der Bildsprache bedient wurde, zum anderen ging er auf Guerilla Marketing ein Ein Turnschuhhersteller bemalte zur WM in Berlin etliche Fassaden und Kioske an, die Sparkasse ließ ihr Logo auf Radwege sprühen, und ein Elektronikartikelhersteller für mobiles Internet vermarktet sein Produkt durch großangelegte Street Art Sprühereien. Letzere seien aber auf legal angemietet Wänden gesprüht worden. Allerdings schien Gould auch nicht so recht zu wissen, wer hinter der Durchführung dieser Kampagne steckt, denn er mutmaßte hier, dass es Leute aus der Szene sein müssten.

Interessant noch der Hinweis von Gould, dass es in Deutschland einen Klon des Space Invaders gäbe, der dessen Motive imitieren würde. Gould fand das wohl eher zweifelhaft, allerdings passt das meines Erachtens ganz gut zum Thema “bürgerlicher Kunstbegriff” und Urheberschaft / Originalität. Dieser wird durch die Kopie in Frage gestellt. Gerade eine Beschäftigung mit dem Plagiarismus als Konzept des Neoismus würde sich hier weitergehend lohnen.

In der anschließenden Diskussion wurden etliche Punkte aus dem Vortrag nochmals aufgegriffen: etwa das Verhältnis von Street Art zu Graffiti. Writing sei stigmatisiert und würde streng verfolgt werden. Zwar gab es 2005 eine Gesetzesverschärfung, mit der alle Veränderungen an Gebäuden verfolgt werden könnten, de facto würden Street Artists davon weniger betroffen sein. Gould berichtete hier aus eigener Erfahrung, da er sich bisher immer ohne Strafverfolgung habe aus der Affäre ziehen können. Dies sei bei Writern anders, deren Werke würden nicht als Kunst gesehen sondern Sachbeschädigung.
Ich wies noch auf die Betrachtungsweise von Street Art und Graffiti als Subkultur hin und dass ich hier Unterschiede sehen würde: Street Art hätte Zugänge zu Institutionen der Kunst, Graffiti nicht. Deswegen würde vorne auch kein Writer stehen. Gould meinte dazu, dass Graffiti vielleicht einfach nur älter und deswegen zur Zeit nicht so medial präsent sei; außerdem hätten Writer direkte Repression zu fürchten. Aus dem Publikum noch die These, dass sich Graffiti nach innen (an die eigene Szene), Street nach außen (an Passantinnen und Passanten) richten würde.

Zum Verhältnis zu Werbung wurde noch von Gould erwähnt, dass Street Artist sich auch fragen lassen müssten, ob sie denn alles mit Kunst zuspammen dürften. Schließlich hätte er auch niemanden um Erlaubnis gefragt und es könne sein, dass Leute von seinen Sachen genervt seien. Trotzdem befand Gould Werbung (mit Guerilla Aktionen) als schlimmer, diese würde den Charakter von Orten verwandeln in Werbeflächen, wo zuvor Sprühereien waren.
Aber selbst die nervigsten Werbekampagnen wären irgendwann vorbei, da sie zeitlich begrenzt seien und nur ein bestimmtest Budget zur Verfügung hätten. Und die aktuelle Kampagne des zuvor genannten Elektronikartikelherstellers würde bereits übermalt werden.

Kurz nach 10 war dann Schluß mit Applaus und ich irrte noch durch die Flure der HU und stand vor etlichen verschloßenen Türen, bis ich irgendwann doch noch den Weg nach draußen fand. Ein guter Vortrag, der vielleicht etwas viel Material beinhaltet hatte, aber dafür informativ war und sehr charmant präsentiert wurde.

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