Catharsis. Verstreute Notizen.

Ich weiß nicht mehr genau, wann ich die Band zum ersten Mal hörte. Es muss um 1997 gewesen sein. Meine Erinnerungen sind lückenhaft. Hatte ich die Platte vor der ersten Tour? Ich hatte mir „Samsara“ als CD auf einem Konzert in Mannheim gekauft, irgendwann dann die zweite Platte „Passion“ – warum auch immer als CD und nicht als Vinyl. Irgendwann muss ich mir auch das Shirt der Band gekauft haben (bei dem der Druck allerdings zu dick und das Motiv nach mehrmaligem Anschauen doch nicht so schick war und ich es nie so recht mochte. Und sehr viel später, nach 9/11, fand ich den Rückendruck „Pity concrete doesn´t burn“ doch eher fragwürdig).
Ich kann mich noch diffus an zwei Konzerte erinnern. Einmal im Keller des JUZ Mannheim. Warum auch immer Bernd von „Fear is the path to the dark Side“ auf die Idee kam, Konzerte dort zu veranstalten statt in den Veranstaltungsräumen oben. Er nannte das Proberaumkonzerte. Wie viele Leute passten wohl in diesen kleinen Raum, in dem normalerweise die Bands nach Konzerten schliefen? Maximal 50. Konzertberichte 10 Jahre später zu verfassen birgt gewisse Probleme. Ich kann mich nur noch an ein grandioses Konzert erinnern, bei dem der Sänger völlig ausrastete. Das zweite Mal Catharsis muss in der Nähe von Mainz gewesen sein. Ich war an diesem Konzertort auch nur einmal; es war auf dem Gelände mit US-Kasernen in einem Keller. Es waren sehr wenige Leute dort, 30 vielleicht.
Ein Freund hat die Band noch in London gesehen. Sie konnte in dem Pub nur 20 Minuten vor Sperrstunde spielen, doch der Sänger hielt ewig lange Monologe. Keine Musik, nur Predigt. Die Leute haben ihn angefleht und gepöbelt, dass er aufhören zu reden und die Band anzufangen zu spielen möge. Aber keine Gnade. Die gewohnte Unterhaltung für das Publikum gab es nicht.

Aus heutiger Sicht wirkt der naive Messianismus von Catharsis doch in einigen Punkten als clevere Strategie. Die Band stellte die Frage, was es mit der Unterhaltungsform Konzert im Hardcore-Punk-Kontext auf sich hat. Gegen das Publikum wurde sich eine gewisse Autonomie erstritten, gegen den Wunsch nach Unterhaltung des Publikums setzte sich die Band in die Rolle des Diktators: wir bestimmen über die Form der Darbietung (ich überdehne den Vergleich jetzt nicht, aber die Stellung in Konfrontation mit den Ansprüchen des Publikums wurde auch schon von Arnold Schönberg und der Wiener Sezession thematisiert).

Catharsis zelebrierten weniger einen klassischen Anarchismus als vielmehr ein befreiungstheologisches Programm. Catharsis waren der Beweis, dass all die Doom (nichts gegen die Altmeister des Crust, ich mag sie bis heute)- und Paragraf119-Clone nicht der quasi naturwüchsige Sound des Anarchismus sein mussten. Eher erinnerte das Ganze an einen Mix aus Emocore und Slayer. Die Brücke zu Thrash Metal bildete insbesondere die Verbindung aus düsteren Themen gepaart mit Sozialkritik (der Satanismus wurde allerdings weggelassen). Dazu kamen die Coverartworks mit einer dunklen Bildsprache, die die epische konzipierten Alben abrundeten. Die beiden Longplayer von Catharsis, „Samsara“ (1997) und „Passion“ (1999) funktionierten dann auch als abgeschlossene Werke. Nicht der einzelne Song steht im Mittelpunkt, die Band produzierte von der ersten bis zur letzten Minute durchdachte Platten, bei denen alle Songs ineinander übergingen.

Beide Platten sind bis heute schockierend gut. Wenn schon elektrische Gitarren, warum dann nicht auch eine extrem fette Produktion statt dem üblichen Punk-Geschrammel? Death Metal Riffs lösen sich mit Moshparts ab. Es gibt extrem spannungsgeladene Momente mit langgezogenen Feedbacks, in denen sich Steigerungen langsam aufbauen und die in rasenden, preschenden Teilen aufgelöst werden. Dazu arbeitet sich der Gesang durch alle Lautstärkestufen von leisem Wispern bis heiserem Kreischen. Gesänge werden zu beschwörenden Mantras; bauen sich langsam auf, werden mit fiesen Gitarrenriffs verschmolzen und endlos wiederholt um dann von Stakkato-Snarewirbeln zerrissen zu werden.

Die dunkel gezeichneten Bilder einer verlorenen Realität, die drastischen Aphorismen, mit denen der politische Untergang beschrieben wurde. Pessimismus in einem fortgeschrittenen Stadium trifft auf Momente der Hoffnung. Nur ein Ausweg führt aus dieser morbiden Dystopie: Tuet Buße und ändert euer Verhalten! Das erinnert nicht nur an eschatolgische Welt des Christentums, es ist vielmehr von ihr durchzogen. Oder vielleicht doch kein Messianismus, sondern ein Spiel mit den Symbolen? Am Ende steht Gott nur als Chiffre für die einzulösende Hoffnung: „Choose your heaven.“ Die oberste Autorität wird durch die freie Entscheidung des Einzelnen ersetzt. Es ist der Anruf an das Individuum, es möge die Hölle auf Erden abschaffen und sich den Himmel im Jetzt einrichten. Trotzdem bleibt diese Aufforderung – so wie hier vorgetragen – ambivalent.
Einerseits werden alle Religionen kritisiert wie im Booklet zu „Samsara“, andererseits wird sich einer stark christlich geprägten und äußerst pathetischen Sprache bedient. Die Utopie bleibt in der Weite der Zukunft, sie ist Leitbild für eine bessere Welt. Nur dass sich somit die soziale Befreiung in dieselbe Reihe wie die Religionen stellt. Die einen fordern halt das, die anderen jenes – und so war die Konsequenz aus diesem Glaubensbekenntnis, dass die Band wie ein Rudel Wanderpriester durch die Lande zog um Jünger für ihre Programmatik und die ihres Kollektivs Crimethinc zu gewinnen.

Ich bezweifle aber eher, dass das so funktioniert hat. Die Besucherinnen und Besucher auf Konzerten werden die unterschiedlichsten Motivationen gehabt haben, sich die Shows anzusehen. Jede und jeder suchte sich selbst aus, welche Erfahrungen er oder sie aus diesen Shows mit nach Hause nahm. Und gerade Hardcore war am Ende doch zumeist nur Musikunterhaltung und Abendprogramm. Die politischen Inhalte der Band interessierten mich damals eher diffus und sind aus heutiger Sicht eher langweilig. Wie immer gilt: wer zu jung oder zu faul zur Marx-Lektüre ist, wird Anarchist und schreibt emotionalisierende Essays und Pamphlete. Einige Gedanken des Crimethinc-Kollektivs wurde im Buch Days of war, nights of love veröffentlicht; die dort gesammelten Fehlschlüsse gehen auf die fehlende Bereitschaft zurück, sich jenseits von einem diffusen Bauchgefühl auf den Gegenstand Kapitalismus einzulassen.
Was mich faszinierte war vielmehr die gespenstische Energie, die von den Musik ausging. Bis heute bekomme ich davon Gänsehaut: „The hopeless will have hope tonight“… The first will bet he last tonight, the last will bet he first tonight….“ Kultur als alptraumhafte Veranstaltung, bei der der Einzelne nur Zuschauer des Grauens ist. Aller Weltschmerz wird zu einem explosiven Gemisch zwischen depressiver Lethargie und rasender Tobsucht verdichtet.

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