Küchenradio

Das Radioprogramm – die Geißel der Menschheit. So oder so ähnlich habe ich einen Ausspruch 1999 formuliert über das unsägliche “Radio Regenbogen”, eines der unsäglichen “die besten Hits der 70er, 80er und das beste von heute”-Sender (heute noch um die 90er erweitert. Was man wohl in 2 Jahren machen wird?). Davor wurde ich jeden Morgen auf Arbeit mit grausamstem Dudelfunk gefoltert. Nach diesen traumatischen Erlebnissen hörte ich jahrelang überhaupt kein Radio mehr, um mich dann in den letzten Jahren wieder langsam an das Radioprogramm heranzutasten. In weiten Teilen erfolglos, denn das Programm ist immer noch genauso mies wie damals. Gestern abend saß ich vor meinem Küchenradio und rekapitulierte das Elend der Berliner Radiolandschaft. MotorFM, das bei uns voreingestellt ist, ist eigentlich nicht hörbar. Zwar kommen zwischendurch einige nette Songs, auf Dauer ist das Ganze aber ein Einheitsbrei, der jedes andere Formatradio so aufregend wie ein John Zorn Konzert erscheinen lässt. Egal ob ich morgens um 10 Uhr oder abends um 10 Uhr MotorFM einschalte – es dudelt immer der gleiche Indie-Brei heraus, teilweise dazu noch in katastrophaler Zusammenstellung, so dass auf eine Disconummer ein Stück mit Akkustikgitarre folgt. Selbst nachts ist keine Zeit für Ausgefallenes – stattdessen bekommen die HörerInnen Indie in einem sehr schmalen Rahmen serviert. Am unverschämtesten ist die Werbung für eine Sendung, in der angeblich allerlei interessantes aus aller Welt gespielt wird: “Crustpunk aus Venezuela” etc. Das soll dem Sender ein bißchen Street Credibility vermitteln, wo die Mission doch die totale Weichspülung ist. Wie auch immer – ich schaltete dann weiter zu Deutschlandfunk, wo gerade eine Sendung mit Neuer Musik lief. Die hätte ich mir auch angehört (letztens hörte ich dort im Nachtprogramm ein Interview mit und Kompositionen von Clemens Nachtmann), doch die fanden meine Mithörenden nicht gut. Den Sender höre ich derzeit am häufigsten. Allerdings gibt es auch hier gute Gründe zum wegschalten. Die Kindersendung “Kakadu” etwa. Noch schlimmer ist jedoch “Gesundheitsmagazin Praxis”, eine Gesundheitssendung, die an manchen Wochentagen über geschlagene 2 Stunden läuft und bei der Menschen anrufen und von ihren Krankheiten berichten können. Das will ich gar nicht wissen. Wobei für mich die Einbindung des Hörers ins Radio generell ein ganz schreckliches Erlebnis ist. Deswegen schalte ich auch Radio Eins nicht mehr an. Jedesmal wenn ich diesen Sender höre, ist gerade eine “lustige” Quizsendung am laufen, bei der 2 Hörer gegeneinander um einen Kasten Brandenburger Sprudel antreten. Irgendwo hört es wirklich auf, und ich frage mich, ob man Leute auch mit dem Versprechen auf einen Kaugummi ködern könnte. Also weiterschalten. Gestern landeten wir dann bei Fritz, wo eine Sendung für elektronische Musik lief und man Deppentechno in allen Varianten zu hören bekam: Zuerst Deppentechno für Doofe mit richtig rumms und ziemlich dümmlichen Zwirbelsounds, dann Deppentechno für Leute, die sich selbst für ganz schlau halten. Einer der langweiligsten Tracks (eine uninspirierte Acidline mit female Vocals on top) wurde uns vom Moderator als “eine der wichtigsten Platten von 2007” vorgestellt. Ein guter Grund das Radio auszuschalten, und die von einem Freund mitgebrachte Genghis Tron Platte anzuhören.

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