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Breakcore DJane Fobia, die gerade erst das sympathische Label “Seven Samurai” gegründet hat, hat einen Text mit dem Titel Questioning the mp3 market… geschrieben, in dem sie die Verbreitung von mp3-Files beschreibt. Selten genug, dass jemand aus diesem Kontext seine Gedanken in Texte packt. Insofern bleibt zu hoffen, dass die Debatte um die Verbreitung von mp3 Files auch in Musikszenen selbst weitere Kreise zieht (und nicht nur extern debattiert wird).
Allerdings gibt es in dem Text auch einige Kurzschlüsse. Zum einen ist Musik ist an sich schon ein ziemlich un-materielles Etwas, das zwar auf Tonträger gepresst werden kann, nur ist dann der Tonträger das materielle Gut, nicht die Musik. Die Unterscheidung “real” vs “virtual” auf Vinyl vs mp3 bezogen, wird dem Gegenstand Musik nicht gerecht. Zum anderen sehe ich auch keine Manipulation durch Firmen, die Verbrauchern mp3s aufzwingen wollen. Das Gegenteil ist wahr: gerade für große Musikfirmen stellt das mp3-Kodierungsverfahren (das vom wissenschaftlichen und damit staatlichen Fraunhofer-Institut entwickelt wurde) bis heute ein Problem dar.

Ein paar weitergehende Gedanken meinerseits dazu: Die Brisanz von mp3s ergibt sich daraus, dass der bisherige status quo im Umgang mit Musik in Frage gestellt wird. Dies in erster Linie ökonomisch, aber darüber hinausgehend auch kulturell.
Wie lässt sich dieser Wandel erfassen? Erstmal müsste nach verschiedenen Akteuren differenziert werden. Für LabelbetreiberInnen und PlattensammlerInnen stellt sich die Sache anders da als für die EndverbraucherInnen.

Es ist nicht nur der ökonomische Aspekt des Verdienstausfalls; eher ist die tradierte Kultur der Musikszene im Wandel: das Sammeln von Tonträgern wird durch die mp3-Sammlung auf Festplatte zu Hause und im iPod ersetzt. Auch in Bereichen von elektronischer Musik, die jahrelang auf Vinyl statt CDs setzte und die Kleinstauflagen produziert, wird sich zunehmend über sinkende Verkaufszahlen beklagt. Die meisten der Labels in diesem Bereich werden nicht aus ökonomischen Interessen betrieben, der Gewinn nach Abzug der Unkosten ist zumeist marginal. Die Motivation besteht darin, bestimmte Tracks auf Platte gepresst abspielen zu können und dieses Erlebnis mit einer Gruppe von 300-1000 Menschen zu teilen. Nur ist genau das zunehmend nicht mehr möglich, da unterhalb einer Auflage von 300 Kopien bei Vinyl der finanzielle Selbstmord droht. Ohne 299 andere Verrückte, die auch der Meinung sind, dass der Besitz einer bestimmten Platte sich lohnt, funktioniert das Pressen von Vinyl nicht mehr (oder es müsste anders finanziert werden. Etwa durch Preiserhöhungen oder andersweitige Subventionen). Wenn die meisten Releases im Netz kursieren – und das bei einer schwer technikaffinen Musikszene der Laptopnerds wohl eher die Regel – dann kann das die Möglichkeit senken, dass das betreffende Release noch als Vinyl gekauft wird – so eine Vermutung dazu. Die gegenteilige Vermutung lautet, dass Kleinstlabels einen Nischenmarkt abdecken, in dem KonsumentInnen mit sehr speziellen Bedürfnissen (Fetisch Vinyl) bedient werden, und dieser Markt konstant groß bleibt. Damit würden sie sich im Rahmen der Strategie bewegen, die von Chris Anderson unter The Long Tail beschrieben wurde.

Verifizieren lassen sich sinkende Verkaufszahlen schwerlich, da für Labels mit Kleinstauflagen keine Daten vorliegen. Rückgänge von Verkäufen können immer noch mit anderen Faktoren zusammenhängen, etwa dass ein bestimmtes Label oder Musikstil nicht mehr gefragt sind. In der FAZ vom 5.1.08 wurde für einen Rückgang von CD-Verkäufen bei großen Labels in den USA die Konkurrenz durch andere elektronische Medien wie Computerspiele genannt. Nur sagen die Zahlen über a) CD-Verkäufe b) von Majorlabels wenig über die Realität im Vinyl-Underground aus. Die Labels dort sind oft nicht organisiert. An Zahlen zu kommen ist nahezu unmöglich. Eine Option wäre eine Anfrage bei Presswerken oder der GEMA (ob diese Zahlen rausrücken ist fraglich) – oder eine eigene Befragung von Labels, Läden und Vertrieben.

Labels und Artists zu fragen ist schwierig, da rein subjektive Stimmungen und Einschätzungen aufgefangen werden. Allerdings sind das derzeit für mich die einzigen Anhaltspunkte, über die ich verfüge. Ich unterhielt mich etwa mit DJ Hetzer, der meinte, dass er zwar viele mp3s aus dem Netz ziehen, aber immer noch viele Platten kaufen würde. Als mp3 die Sachen, die es nicht als Vinyl gäbe, wie die Rips von alten Tapes, unreleaste Tracks und CD-Rips. Ähnliches war von Zombieflesheater zu hören. Das wären Hinweise darauf, dass mp3-downloads zwar ein zusätzliches Hör- und Konsumverhalten darstellen, den Kauf von Platten aber nicht in Frage stellen. Ob mp3s gekauft werden oder illegal heruntergeladen werden wäre danach egal, da sie das Vinyl im KonsumentInnenverhalten nicht verdrängen. Es käme danach zu einem Wandel, der aber noch lange kein Problem darstellen muss. Aus den Gesprächen mit Label- und ShopbetreiberInnen bekam ich relativ wenig verwertbare Informationen (möglicherweise habe ich nicht klar genug gefragt), allerdings habe ich potentiell den Eindruck gewonnen, das von einem Sinken der Verkäufe ausgegangen wird.

Nehmen wir an, es gibt wirklich rückläufige Verkaufszahlen und den Wechsel von Vinyl zu mp3.
Interessant finde ich an der Sache, dass es eben nicht die großen Plattenfirmen sind, die hier ökonomisch betroffen sind, sondern eine kleine Underground-Szene massive Umbrüche in ihrer kulturellen Praxis erfährt. Der Tonträgern ist ein zentrales Objekt, um den sich die Szene ausrichtet. DJs legen dasvVinyl auf oder die Platten werden zu Hause gehortet. Es ist nicht nur die Begeisterung über die Musik, denn alle PlattenfreundInnen haben Geschichten zu erzählen, wann oder wo sie eine bestimmte Scheibe aus ihrer Sammlung gekauft haben und was sie damit verbinden. Das Sammeln von Platten ist Gesprächsstoff und verbindet die Szeneaktiven. Aber könnte dasselbe nicht auf für mp3s gelten? Einiges fällt dabei weg. Der Gang in den Plattenladen und das Treffen von Leuten dort etwa (was durch die Verbreitung von Mailordern eingeschränkt wurde, die für viele kleine Musikszenen von jeher wichtiger waren als Plattenläden).
Auf der anderen Seite finden vermehrt Unterhaltungen über die Musik in Chatrooms von Tauschbörsen statt. Es verändert sich zwar etwas durch die Verbreitung von mp3s, aber ob das Ganze für KonsumentInnen ein Problem darstellt, wage ich zu bezweifeln. Kulturpessimismus ist sicher angebracht aus der Sichtweise von Akteuren, die ihr liebgewonnenes Vinyl in Gefahr sehen, Musikszenen werden sich aber auch weiterhin organisieren.

Anders sieht das aus für Labels. Wer braucht noch Labels, wenn Artists ihre Tracks direkt an HörerInnen online bringen könnten? Labels versuchen sich heute wichtig zu machen etwa durch das Argument, dass KonsumentInnen auf dem unübersichtlichen Markt sich sonst überhaupt nicht zurecht finden würden. Das Label als Selektionsinstanz und Verbraucherberatung also. Allerdings erfüllen diese Funktion auch Musiksender, Musikzeitschriften und Musikportale sowie Mund-zu-Mund-Propaganda. In einigen Zukunftsszenarien hat sich das Label deswegen völlig erledigt und wird von der Bildfläche verschwinden. Nur sind solche Erwartungen ziemlich an einem linearen Fortschrittsdenken orientiert, nachdem sich in einem rein logischen Prozess das beste Modell durchsetzt. Solche Erwartungen sind, wie die Geschichte in vielen Bereichen zeigt, einfach Unsinn. Gerade bei elektronischer Musik erscheint auf jedem Flyer hinter dem Namen eines DJs oder Producer wenn nicht dessen Crew so dessen zugehöriges Label. Ja, man bräuchte es wirklich nicht, aber das Label ist wie der Starname ein Ausdruck der fetischisierten Verhältnisse. Sollte der Verkauf von Tonträgern wirklich sinken, dann können Labels, die sich darauf spezialisiert haben, wahrscheinlich nicht überleben. Ebenso kritisch werden dürfte es für Vertriebe und Presswerke.

Ein Label bisher kümmert sich um das Mastering einer Platte und den Cut eines Masters, beauftragt das Presswerk, kümmert sich um das Artwork, bringt Lieder in eine Reihenfolge, wählt aus welche Tracks releast werden sollen und kümmert sich vor allem um den Verkauf der Tonträger durch Promotion und Rücksprache mit dem Vertrieb. Gerade die Promotion, das Marketing wird in Zukunft die zentrale Aufgabe eines Labels sein, sollte es keine Tonträger mehr geben. Der Begriff “Marketing” riecht nach fiesem BWL-Vokabular, nur passiert selbst in “unkommerziellen” Szene nichts anderes, als effektives Marketing durch kleine Netzwerke, in denen der Verkauf idealistisch verklärt wird.

Für den Artist ändert sich auch einiges, sollte der Verkauf von Platten zurückgehen: Vermutlich wird er oder sie auf mp3-Releases umsteigen müssen. Artists wollen das teilweise nicht, sie sehen ihre Arbeit abgewertet (wobei das einen zentralen Punkt in der Debatte ausmacht: welchen Wert – ökonomisch und moralisch – haben mp3s?). Das Release wird als Ritterschlag gesehen: wer die eigene Platte draußen hat, hat es geschafft und ist im Kreis der akzeptierten KünstlerInnen angekommen. Ein Label, die krönende Instanz, hat das Schaffen für so gut befunden, dass es es weiterverkaufen mag. Jetzt ist die Ware nicht mehr der Schrott eines unbekannten, um Aufmerksamkeit bettelnden Künstlers, sondern wichtiges Material, das gefragt ist. Wobei diese Vorstellung absoluter Blödsinn ist, sieht man sich die hohe Anzahl von schlechten Releases auf Vinyl an.
Noch nie war Musikproduktion so einfach wie heute und so sieht sich jedeR Produzierende einer großen Anzahl von KonkurrentInnen aus. Dass jedeR heute Musik machen kann, führt zu ambivalenten Resultaten: einerseits eine demokratische Öffnung und Produktionsmittel für alle, andererseits steigt die Menge an Musik an, da sich das Mengenverhältnis von KünstlerIn (wenige) zu Publikum (viele) ändert. Der in seiner elitären Existenz bedrohte Künstler muss dann seinen angekratzten Narzismus verteidigen, indem er abfällig von “Bedroom-Producern” spricht.

Und es ist ja auch etwas Wahres dran, dass ein mehr an Musik nicht ein mehr an guter Musik bedeutet. Wobei die Frage nach dem gesellschaftlichen Stellenwert von Musik zu aufgeworfen wäre. Warum wird Musik gehört und wie? Welches Bedürfnis wird damit befriedigt, wenn Musik aus quäckenden Handylautsprechern auf der Straße gehört wird? Musik wird zum kostenlosen Gimmick, dass als Beiwerk der Hardware beigefügt wird. Die kultische, ernsthafte Veehrung ihres Stils von Musikszenen trifft auf die Realität der Freizeitvergnügungen. Und da hat Musik ihren Leitstatus, den sie jahrzehntelang inne hatte, eingebüßt.

Statt eines Fazits: Auch kleine Musikszenen sind keine aseptischen Orte, an denen die Verwerfungen, die die Gesellschaft produziert, vorbeigehen.

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