Medien- und Blogkritik nochmal

Ich hatte mich nach der letzten Debatte noch weiter intensiv mit dem Thema Medienkritik beschäftigt, komme aber gerade nicht dazu das alles sinnvoll zusammenzufassen und zu bloggen. Deswegen unstrukturiert einige der Gedanken dazu, darf gerne als Anregung verstanden werden.

Schon bei Sokrates geht die Medienkritik los (Schrift schlecht, gesprochenes Wort gut); heute ist es fast unmöglich sich durch den Wust konkurrierender Ansätze zu kämpfen. Und noch schwieriger zu beantworten ist die Ausgangsfrage: was wäre denn ein emanzipatorische Medienkritik? Gerade in Zeiten, in denen das politische Koordinatensystem keine Verläßlichkeiten mehr kennt, ist die Frage danach nicht ohne weiteres zu beantworten. Die Polemik von Classless dazu möchte ich hier nochmal wiedergeben:

Fortgang der linken Kulturkritik: gegen Kino, für Theater; gegen Hollywood, für europäisches Kino; gegen Fernsehen, für Kino; gegen Privatfernsehen, für öffentlich-rechtliches; gegen Internet, für Bücher; gegen Fernsehen, fürs Internet; gegen kommerzialisiertes Internet, für Blogs; gegen Blogs, für Bücher usw. usf.

Für gegen was wie wo jetzt? Was will wer kritisieren und warum?
Eine der von mir gestellten Fragen bezog sich auf den Zusammenhang von Unterhaltung und Information; ich habe die Schnittmenge beider als “Infotainment” denuziert. Wie verhalten sich beide Rationalitäten zueinander? Wo fängt Infotainment an? Oder bedient man mit einer Kritik daran nicht genau den Herrschaftsdiskurs, der etwa ein “Unterschichtenfernsehen” ausmachen will? Medienkritik ist in Deutschland eben auch der unsägliche und (in den Medien) allpräsente Kriminologe Christian Pfeiffer, der Begriffe wie “Medienverwahrlosung” herausklopft, um die bürgerliche Gesellschaft vor der Barbarei zu retten.

Aufklärung heisst zunächst Selbstaufklärung, also das eigene Treiben kritisch zu begutachten. Was in Blogs passiert und warum das so ist, wäre hier zu fragen. Oft kommt es mir vor, als wäre den Beteiligten (inkl. mir) die Unterscheidungen eben nicht klar zwischen Unterhaltung, Polemik, Theorie, subjektiver Meinung und objektiver Berichterstattung. Blogs recyclen oft das Material der Mainstreammedien (um diesen altbekannten Dualismus mal aufzugreifen, in Teilen ist da ja etwas dran an einem Antagonismus), sind damit mit ihnen verwoben.
Kritiker wie Andrew Keen machen sich zum Gespött der Leute, wenn sie in Blogs (wieder eine reaktionäre Medienkritik) den Untergang der abendländischen Kultur sehen wollen. Das folgt dem alten Muster, ein Medium für Mißsstände verantwortlich zu machen: Ob Comics, Computerspiele, Heavy Metal, Videos, Pornos, Internet, Blogs – je nach Jahrzehnt wurde ein neues, verderbliches Medium (bzw. dessen Inhalte) entdeckt, das angeblich die Gesellschaft kaputtmacht. Gerade das Geplapper von Leuten wie Andrew Keen müßte in Deutschland ja auf fruchtbaren Boden fallen, wo hier sich etablierte Medien bis heute darüber besorgt zeigen, dass ihr Experten- und Elitestatus in Frage gestellt wird. Blogs werden hier nicht als Bereicherung oder Chance definiert, sondern als Bedrohung. Man muss sich aber leider neuen Trends in der Medienwelt beugen, deswegen macht man halt mit. Wobei Spiegel Online hier sicherlich Vorreiter ist, was die Nutzung digitaler Medien angeht (der Spiegel Verlag war auch der einzige deutsche Großverlag, die sich nach dem Dot-Com Crash 2001 nicht aus dem Feld zurückzog und hinterher eine Marktbeherrschende Stellung hatte – so wurde es jedenfalls in einem Beitrag auf DLF letztens berichtet).

Zufälligerweise wird auch gerade an anderer Stelle über Medienstrategien diskutiert. Steinzeitautonome in Berlin betrauern die Interim und sprechen darüber, dass sie eine Gegenöffentlichkeit herstellen wollen (gegen wen oder was eigentlich?). Dabei wollen sie doch nur Kuschelmedien für die Kuschelszene, die sich mit Schmodder einseift, weil es zu ihrem Lebensstil dazu gehört. Von Blogs haben sie schonmal gehört, vertrauen diesem neumodischen Schnickschnack aber nicht, es muss dann schon die Stammesversammlung sein, bei der man gemeinsam unvermittelt am Lagerfeuer sitzt. So geht Subkultur – nur mit Gesellschaftskritik hat das wenig zu tun. Man möchte ganz traditionell “freie Radios oder Stadtzeitungen” machen, die “von vielen Menschen wahrgenommen werden”. Also BILD-Zeitung von links; Hegemonie durch Meinungsmacht und Leitkultur bzw. -medium, wo der Szeneklüngel bestimmt, was drin steht (um dazu zu gehören: Subkultur werden, ansonsten draußen bleiben).

Dagegen wirkt der Netzwerk-Charakter von Blogs sinnvoller. Die Stärke von Blogs liegt (Hypothese) in der Meinungsbildung, nicht der Information. Das utopische Element ist eine umfassende, basisdemokratische Vernetzung. Was für Andrew Keen eine Dystopie darstellt – (in der FAZ vom 10.11. wird er zitiert, dass sekündlich ein neues Blog entsteht und damit in 3 Jahren 500 Millionen Blogs mit nichtigem Inhalt existieren werden), kann umgekehrt als ein Prozess der Meinungsbildung gesehen werden. Blogger diskutieren untereinander; hören sich eher Gegenmeinungen an (zumindest im Vergleich zu homogen geschlossenen Szenen) und haben somit die besten Voraussetzungen dem demokratischen Ideal des “mündigen Bürgers” zu entsprechen. Ist das jetzt gut oder schlecht?
Gut jedenfalls ist, dass in Blogs und Messageboards die statische Trennung der Unterteilung in Schreibenden und Lesenden partiell aufgehoben wird, von der Walter Benjamin im Kunstwerk-Aufsatz schrieb. Er macht das am Beispiel von Leserbriefen in Zeitungen fest: Der Leser wird zum Schreibenden.
Dieser Gedanke wurde später im Begriff Prosumer verflachend weitergeführt. Eine materialistische Medienkritik, die sowohl Nachrichten als auch Unterhaltung im Fokus hat, müßte sich mit den Idealen des “mündigen Konsumenten/ Rezipienten” und “mündigen Bürgers” auseinandersetzen. Wie verhält sich das zu schaffende emanzipierte Subjekt zu beiden?

Dann aber doch noch Kritik: Die Trennung von Meinung und Berichterstattung wird auch nur zu oft in anderen Medien vernachlässigt. Gerade linke Presse verbreitet oft eine Kaffeesatzleserei, die an totale Debilmachung grenzt. Wenn statt Außenpolitikfeldanalysen von Ideologie gefaselt wird, wenn inkompetente Schreiberinnen und Schreiber komplexe Themen zu Klump schreiben. Aber warum sollten denn Printmedien bzw. etablierte Medien besser sein als Blogs? Sicher, die meisten Arbeitenden dort verstehen sich als Journalisten (Blogs werden oft von Hobbyschreiberinnen und -schreibern betrieben) und werden für ihre Arbeit bezahlt. Aber macht das den Content besser? Zurück zur Frage nach dem Infotainment. Welchen Mehrwert habe ich denn, wenn ich jeden Tag von Bombenanschlägen höre, deren Opferzahlen und Ereignisse mir kaum merken kann. Hier sehe ich noch eine Relevanz – “was in der Welt passiert.” Nur passiert auch, dass Menschen entführt werden. Und darüber wird nur berichtet, wenn entsprechende Person einen deutschen Pass besitzt. Was interessiert mich, ob ein Deutscher im Irak entführt wurde? Warum wird nicht über die Opfer anderer Nationalitäten – z.B. Irakern selbst – berichtet? Selektive Berichterstattung beginnt spätestens da.

Die Idee einer Konferenz zu linken Blogs (Arbeitstitel: Kommunismus 2.0) schwirrte letzten Sommer durch den Raum, wurde aber wegen des Arbeitsaufwandes vertagt.

Weiterführendes:

  • Der Begriff der “Relevanz” wird aus soziologischer Sicht sehr gut im Artikel Banal, trivial und redundant? Medienkritik der Blogszene und Geheimnisse der Weblog-Relevanz aufgerollt.
  • Als podcast gibt es einen interessanten Vortrag von Hans-Dieter Kübler hier zu hören. Er beschreibt, welche Auswirkungen die Kritische Theorie auf die Medienpädagogik der 1970er Jahre in Deutschland hatte. Gewisse Texte und Lesarten von Adorno werden ja heute ganz gern unter den Teppich fallen gelassen. Jedenfalls gab es damals eine Auseinandersetzung mit Medienkritik in Staatsfernsehen und in Schulen.
  • Zuletzt noch der Hinweis auf den Transcript Verlag. Einer der wenigen Verlage, der Bücher zu Cultural Studies in Deutschland publiziert.
  • Einen recht launigen Artikel von Christoph Hesse gibt es zu dem Thema “Neue Medien” (benutzt diesen Begriff heute eigentlich noch jemand?) aus Sicht eines von der Kritischen Theorie inspirierten Kritikers. Launig deshalb, weil Medientheorie pauschalisierend vorgeworfen wird, sie sei keine Kritische Theorie, würde keine Ideologiekritik betreiben – und sei eben ganz anders als das eigene Wirken. Nachzulesen auf der Website der Rote Ruhr Uni: “Neue Medien – Alte Scheisse”
  • Leerstelle: Englischsprachige Literatur. Hinweise zu Texten jenseits von affirmativen Studien à la John Fiske erwünscht.

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