Turning Breakcore into Technosause

bogotrax
Die These des “temporären Kibbuzim”, den D.I.Y. Freeparties verwirklichen, wurde wieder einmal bestätigt. Eigentlich wollte ich nur zum Platten drehen hinkommen (the fun part), fand mich dann aber direkt hinter dem Einlaß wieder, nachdem wie immer chronische Personalknappheit herrschte. Freizeitsozialismus, bei dem jeder auf verschiedenen Positionen mitarbeiten kann und eben auch potentiell unangenehme Tätigkeiten neu verteilt werden. Redefining Work. Heerscharen von Menschen prasseln die Nacht über auf mich ein und werden an mir vorbeigeschleust. Kein Ende des Menschenstroms bis morgens um 5 Uhr. Die absurdesten Menschen und Geschichten, selten soviel Freakshow erlebt. Sehr gut der eine Typ, der uns an die Backe quatscht, dass wir jetzt gefälligst eine 15-köpfige Sprayerposse rauswerfen bzw. erst gar nicht reinlassen sollten, weil einer von ihnen seinen Kumpel neulich böse verhauen hätte. Im Jargon des Antifanerds wird von “Übergriff” gesprochen und die Sippenhaftung eingefordert. Nachdem das Publikum zuerst wie Jugendzentrum aussieht ist zum Schluß alles dabei von Dreadlock-Alternativos bis zu eher cluborientierten Partygängern, das ist ja fast so durchmischt wie auf Raves in England.
Turning Breakcore into Technosause mit Bounce-Bounce-Bounce noch morgens um halb 11. STH dreht Drum´n Bass Platten und spielt danach ein Liveset, Rat-C spielt Drum´n Bass à la Pendulum und Konsorten (“Tarantula” mit Tenor Fly geht immer), DJ Flash aus Kolumbien erweist sich nicht nur bewandert in der Dialektik Hegels sondern auch im Scratch-Turntablism mit gebrochenen Beats, Breakcore und Gabber.
Nur zu dämlich, wenn man mit etwas völlig anderem gerechnet hat und demzufolge die falschen Platten im Gepäck hatte. Voll ausgerüstet für eine Party mit dem richtig harschen Material von 2002, um es mal wieder ordentlich scheppern zu lassen, hatte ich mich gegen den Kniteforce-Mokum-Ragga Jungle-Hybrid mit garantierter Ravegarantie entschieden. Trotzdem gehen die Leute ab zu düsterem Jungle und hartem Drum´n Bass mit ein wenig North American Jungle-Einschlag. Das mit den falschen Platten und der Mißkonzeption von der extrem harten Party ging DJ Hetzer zwar auch so, aber Back2Back schafft man es dann doch noch zusammen Spaß zu haben; irgendwann am frühen Morgen. Danach die anderen DJs nochmal und die local Techno-DJs übernehmen irgendwann, als keiner des Lineups mehr so richtig Platten drehen will.
Zwischendrin auf einem Parkplatz bei extrem frostigen Temperaturen einen Typ liegend gefunden, der sich kaum noch regte und nur noch gelegentlich zuckte. Es geschafft ihn nach 10-minütigem Einreden unsanft aufzuwecken und ihn dazu bewegen können wieder zurück auf die Party zu gehen.
Sehr geil auch der Punker, dem man das Beitrittsformular für die CDU überreichen möchte und der die Ironie noch nicht mal versteht: “Ohhh, isses dir zu hart?” Er meint, die Leute würden wegen der Musik gehen (durchaus beabsichtigt, die DJs würden gerne ins Bett) und meint in etwa, der DJ habe als Exekutor des volonté general des Partymobs genau diesen Willen zu befriedigen. Am Arsch, wir machen was wir wollen, das ist sowas wie musikalische Früherziehung, wo halt nicht nur der populistische Scheiss, der auf jeden Fall geht, aufgelegt wird, sondern auch dem abstrakteren Shit sein Raum eingeräumt wird. Zumal – Alter, kucksu Flyer – da auch explizit Breakcore angekündigt war. Aber eigentlich typisch: Punker sind musikalisch die konservativsten Flachpfeifen, die auf jedem Schützenfest ihren Spaß haben könnten mit dem infantilen Bedürfnis nach einfachen Melodien, die schön ins Ohr gehen.
Das BogotraxFestival in Kolumbien nächstes Jahr, für das diese Party ein Fundraising war, sollte man sich vielleicht mal angucken gehen.

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