9to5 Tag 1 – Hippies in Anzügen

Erster Tag auf dem 9to5 Festival. Ich bin hier auf Urlaub, Kritikmodul nahezu ausgeschaltet. Ansonsten wären die Vorträge auch kaum auszuhalten, da hat Crisco Connection schon recht.
Den Beginn verpasste ich, ich kam gerade noch zum Ende von Tom Hodgkinson, der die mittelalterliche Stadt als Modell für heute lobte (okay, relativiert) und dann allen Ernstes behauptete, Guy Debord habe eine Veränderung des alltäglichen Lebens ganz ohne Gewalt beabsichtigt. Köstlich. Dann bezog sich Hodgkinson noch auf die Sex Pistols und zitierte den Text aus „Anarchy in the U.K.“. Man muss sich das bildlich vorstellen – ein Typ mit Anzug vor einem Berliner Mitte Publikum, der dann noch zu einem „revolutionären Manifest“ übergeht mit grandiosen Anregungen, dass man doch kompostieren solle, aufs Land ziehen etc. und der dies als neues Ding verkaufen will. Vor einem anderen Publikum hätte es Bierflaschen auf diese Pfeife geregnet, hier gab es tosenden Applaus. Der strukturelle Antisemitismus darf da natürlich nicht fehlen, wie ich gerade der Vortragszusammenfassung entnehme: “Hodgkinson sieht in diesen Zunften antikapitalistische Systeme, da die Zinswirtschaft als äußerst kritisch betrachtet wurde.” Diesen Zirkel muss man erst schlagen – den Antisemiten Martin Luther kritisieren, um dann selbst mythisch über die Verknechtung des Menschen durch den Zins zu raunen.

Die Diskussion hinterher wurde von Adrienne Göhler mit ihrer penetranten Werbung für das bedingungslose Grundeinkommen in Geiselhaft genommen. Das Abtippen meiner Notizen lohnt die Mühe nicht bei dieser versammelten Verwirrtheit; der wie immer souveräne Moderator Jörg Sundermeier brach das Spektakel dann auch frühzeitig ab mit der richtigen Erkenntnis „wir stehen alle nebeneinander.“ Es ging um diverse Sachverhalte; scheinbar führte jeder der Mitdiskutanten seine eigene Diskussion. Kurzweilig war es alle mal.
Höhepunkt des Abends dann der Film „Watch the K-Foundation burn a million quid“ mit Diskussion mit dem Filmemacher „Gimpo“. Dieser stellte sich als netter englischer Proletariar ohne Beschäftigung heraus, der für die Aufführung des Films 1000 britische Pfund veranschlagt. Der Film wurde vom Musikroboter „Krach“ vertont, der nicht nur Gimmick in die Menge werfen lies, sondern mit einem netten Mix aus Acid, Noise und Circuit Bending aufwartete. Ansonsten gab es ca.40 Minuten lang brennende Pfund Banknoten zu bestaunen.
Gerade noch auf dem Deck einen Blick auf Rainer Langerhans erhascht, ansonsten lasse ich mich mal überraschen, was hier noch passiert. Kulturindustrie deluxe ist das allemal hier.

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