Vortrag 31.7. Berlin: “Street Art – Reflexionen nach dem Hype”

Der Vortrag im Rahmen der Backjumps Ausstellung war zugleich eine Buchankündigung für einen Sammelband, der im Dezember im Verlag des Archivs der Jugendkulturen erscheint.

Kurze Zusammenfassung der Veranstaltung:

Die Referentin Katrin Klitzke und der Referent Christian Schmidt bezeichneten sich selbst zu Beginn als kritische Fans. Im Vortrag beschrieben sie schwerpunktmässig die politischen Implikationen von Street Art.
Katrin Klitzke definierte Street Art als urbanes Phänomen ausgelöst durch Globalisierung. Dabei stünden periphere Orte wie Sao Paulo oder Mexiko City entgegen boomenden Metropolen wie New York oder Paris. Städte ständen zunehmend in Konkurrenz zueinander wobei Kultur als “weicher” Standortfaktor wichtiger würde. Das Leben in der Stadt würde zunehmend als Event inszeniert, die BewohnerInnen würden zu Statisten, es fände kein “lebendiges Zusammenspiel zwischen Menschen” mehr statt. Über Events würden Images von der Stadt erzeugt, die innerhalb der Konkurrenzsituation wichtig seien.

Street Art sei nun eine Selbstermächtigungsstrategie gegen diesen Prozess. Sie ermögliche egalitäre Partizipation, denn die Stadt könne ohne Genehmigung mitgestaltet werden.
Meistens sei Street Art keine direkte politische Agitation, hin und wieder aber doch. Als Beispiel wurde das Bild des ausgeschnittenen Alice-Werbeplakates auf der Straße des 17. Juni angeführt. Hegemoniale herrschende Codes würden hier herausgefordert, Alice würde nicht als passives Objekt sondern eine Identität als politische Aktivisten erhalten.
Ein weiteres Beispiel war die die “Linda ist weg”-Kampagne eines Street Art Aktivisten 2003 in Berlin, der fiktiv seiner Ex-Freundin hinterhertrauerte. Hier wären Menschen zum Dialog und dem aktiven Eingreifen ermuntert worden, es fände so eine symbolische Wiederaneignung des öffentlichen Raumes statt.

Christian Schmidt übte dann Kritik an den politischen Dimensionen:

  • Street Art würde nur in bestimmten Gebieten auftauchen, deswegen sei der universalistische Anspruch an alle zu sprechen nicht gegeben, vielmehr würden die Street Art Künstler zu Menschen mit ähnlichem sozialen Status sprechen
  • Der Anspruch “Reclaim the streets” sei zu kurz gedacht, weil die Straße als Ort noch nie im Besitz der Bevölkerung war, sondern von den Herrschaftsverhältnissen der deutschen Mehrheitsgesellschaft dominiert würde. Bestimmte Gruppen seien schon immer ausgegrenzt worden
  • Das Konzept der Straße als Galerie bliebe der bürgerlichen Logik der Inszenierung des öffentlichen Raumes verhaftet, es würde eine Musealisierung betrieben.

Dann kam – wie hätte es anders sein können – die Kritik von Street Art als Verursacher von Gentrifizierung. Hier bezog sich Schmidt explizit auf Häußermann/Siebel, die als auslösende Gruppe im Prozess der Gentrifizierung Pioniere (Künstler, Alternative etc.) ausgemacht hätten. Dann würde die Aufwertung des Gebietes folgen und bestimmte Gruppen ausziehen.

Auf lokaler Ebene sei Street Art Widerstand gegen die Globalisierung (-> Widerspruch zur These der Gentrifizierung). Auf translokaler Ebene sähe es anders aus, denn nur bestimmte Street Artist könnten global ihre Kunst verkleben und wären bekannt; Leute aus peripheren Städten könnten sich das nicht leisten. Auf dieser Ebene würde Street Art Ungleichheiten reproduzieren.
Schlußwort: ob man Street Art zu einer Bedrohung machen könne, oder ob es sich in einer Gartenidylle eingerichtet hätte, sei die Frage der Zukunft.

Der Vortrag wurde in einer halben Stunde gehalten. Die Informationen waren weniger verdichtet als verkürzt. Statt etwa darauf einzugehen, was denn die beschriebenen Prozesse von “Globalisierung” für Auswirkungen hätten, wurde Schlagwort an Schlagwort gereiht. Im Endeffekt wurde mit Buzzwords um sich geworfen – und den meisten Anwesenden scheint das Recht gewesen zu sein.

Einige Notizen zur Kritik an der Veranstaltung:

1. Modell der globalen Städte. Wie erklärt das Modell der Konkurrenz zwischen Metropolen Street Art in Deutschland? Antwort: gar nicht. Es ist eine stadtsoziologisches Modell, das von der Konkurrenz zwischen Metropolen ausgeht. Street Art passiert aber auch in solchen Städten wie Berlin, Dresden und Bremen die eben – in erstem Fall entgegen der wahnhaften Selbstüberschätzung – nicht zu den global dominierenden Städten gehören. Ein Blick in die aktuelle Forschungsliteratur (etwa Stefan Krätke) kann dies belegen. Zumal gerade dieser Teil so verkürzt dargestellt wurde, dass außer Schlagwörtern nichts übrig blieb. Ich bin mir sicher, dass zwischen “Events” und “Images” noch der Begriff “kulturelles Kapital” untergebracht wurde.
Ob Street Art wirklich so metropolitan ist, wie bei dem Vortrag unterstellt wurde, bleibt offen. Inzwischen befindt sich auch Street Art in Hintertupfingen sowie in Berlin-Marzahn, was einige Prämissen der Vortragenden in Frage stellte. Passiert jetzt auch Gentrifizierung in Hellersdorf, weil dort Street Art auftaucht?
Ebenso blieb offen was mit Globalisierung gemeint ist und was daran verurteilenswert sein soll.

2. Gentrifizierung. Es gibt neben dem im Vortrag erwähnten Modell andere Modelle zur Gentrifizierung (Rent-Gap bzw. Value Gap). Der doppelte Invasions-Sukzessionszyklus wird in der Literatur als nicht belegbar beschrieben. Jürgen Friedrichs schrieb 1996 Friedrichs, Jürgen (1996): Gentrification: Forschungsstand und methodologische Probleme in: Friedrichs, Jürgen/ Kecskes, Robert (Hrsg.): Gentrification. Theorie und Forschungsergebnisse. Opladen: Leske + Budrich , dass das Modell empirisch nicht standhielt und die Gruppe der Gentrifier teils vor der Gruppe der Pioniere in die Stadtviertel einzog.
Ob Gentrification generell in Berlin stattfindet ist nicht ohne weiteres nachzuweisen. Häußermann/Holm/Zunzer Häußermann, Hartmut/ Holm, Andrej/ Zunzer, Daniela (2002): Stadterneuerung in der Berliner Republik. Modernisierungen in Berlin-Prenzlauer Berg. Opladen: Leske+Budrich kamen in einer Studie für Berlin Prenzlauzer Berg zum Ergebnis, dass die Veränderungen nach 1990 sich nicht mit den Gentrification Theorien erklären ließen (allerdings ist Holm einer der wenigen Forscher, der in anderen Arbeiten Gentrification in Deutschland nachweist).
Die Theorien sind alle äußerst wackelig und der Zusammenhang mit Street Art ist noch fragwürdiger. Selbst wenn in denselben Stadtvierteln, die angeblich von Gentrification betroffen sind, Street Art auftaucht, besteht nicht notwendigerweise ein kausaler Zusammenhang. Denn genauso läßt sich mit der Größe von Storchpopulation in Relation zur Geburtenrate nachweisen, dass der Storch die Kinder bringt (da in ländlichen Gebieten die Geburtenrate höher ist).
Verursacht Street Art also Gentrification? Wir wissen es nicht, aber in vielen Büchern zu Street Art wird diese Behauptung ohne jegliche Belege heruntergebetet. Aus dem Publikum kam dann die Meldung, dann man ja im Bezirk Mitte sehen könne, wohin Gentrifizierung führt. Statt wissenschaftlicher Grundlage herrscht die Politik der gefühlten Stimmung, man möchte das Alltagswissen bestätigt sehen.

Abgesehen vom wissenschaftlichen Standpunkt – in dem Vortrag ging es ebenso um Gentrification als Konzept im politischen Aktivismus. Und hier ist Kritik an “Verdrängung von Bevölkerungsgruppen” konservativ im eigentlich Sinn. Man möchte alles so konservieren wie es ist. Wohnen in unsanierten Altbauten ist danach gut, steigende Mieten sind dagegen schlimm. Mehr außer eine “alles wird immer teurer”-Logik wird damit nicht bedient und gerade in Deutschland dürfte man damit auf Zustimmung stoßen. Im besten Falle harmlos, im schlimmsten Fall wird hier das Resentiment des ausländischen Finanzkapitals geschürt, das als Investor heimische Stadtviertel leergrast (siehe etwa den katastrophalen Aufruf zum revolutionären 1. Mai diesen Jahres ). Kurz gesagt: in Deutschland von Gentrifizierung zu reden ist sowohl wissenschaftlich wie politisch problematisch.

3. Kunst, Werbung, Politik. Street Art als politisches Projekt definiert, vereinnahmt. Erinnert an Baudrillard, der den Aufstand der Zeichen in Graffiti verwirklicht sieht.
Per se wird hier Street Art so schön geredet, dass es als linkes Aktivistenprojekt durchgeht: Leute aktivieren, Kampf gegen Globalisierung etc. Das ganze sind Projektionen von Aktivisten of Street Art, die dort unbedingt etwas subversives sehen wollen. Doch statt der Vereinnahmung durch die Werbung sollte gefragt werden, wieweit sich Street Art und Werbung strukturell gleich sein.
Zunächst auf ästhetischer Ebene: Street Art und Werbung verwenden ähnliche Motive und Techniken. Weniger klaut die Werbung von Street Art, als das gleiche auf derzeitige Designtrends zurückgreifen. Wer macht Street Art? Unter anderem Grafikdesigner. Personell dürfte man hier auf einige Verflechtungen stoßen. Hier kann sich der kreative Nachwuchs von morgen austoben, nach dem Studium geht es dann in die Werbeagentur. Abgesehen davon sind sich Street Art und Reklame von der Wirkungsweise ähnlich: geliefert wird eine Ware, die vermeintlich nichts kostet – die aber auch niemand bestellt hat. Getauscht wird immer noch, so hat jeder Street Artist sein eigenes Corporate Logo und arbeitet fleißig am Marktwert seines Namens durch emsiges Bastlen, Sprühen und Kleben. Die Logik kapitalistischer Produktion wird wie so oft von Subkulturen kopiert. Darum meine These: Street Art ist Popkultur und damit Kulturindustrie.

Inhaltlich ist gerade die Politisierung von Street Art nicht unproblematisch: Die häßliche Seite davon wird ausgeblendet, etwa, dass Street Art mitunter auch reaktionäre Ideen verbreitet. Gerade wenn es eben als “politisch” definiert wird. Beispiel dafür eben der inszenierte Ehrenmord an einem Plakat in Prenzlauer Berg. Das symbolische Auslöschen des Lebens wurde dort als antisexistische Aktion verkauft.
Wie weit eine Politisierung die Kunst verdirbt, darüber müßte geredet werden. Das Aufscheinen eines radikal anderen ist möglicherweise nicht in drittklassigem Adbusting verortet.

Fazit: Der Abend hat keine neuen Erkenntnis über Street Art gebracht. Street Art wurde hier als bewegungslinkes, widerständiges Projekt im Kampf gegen die Globalisierung definiert; kunsttheoretische Aspekte blieben außen vor. Von dieser Deutung abweichende Fakten wurden gar nicht erst erwähnt. Dazu taugt der forcierte Ansatz als Kapitalismuskritik nicht. Statt das Elend der Warenproduktion und des Warentausches zu thematisieren, wurde die Problematik auf “soziale Ungleichheit” reduziert. Das mag für ein Einführungseminar im Soziologiestudium ok sein, für radikale Kritik des Bestehenden ist es bedeutend zu wenig. Da hilft dann auch Aneignung aka “wir wollen Warenfetisch für alle” nichts.
Theorie wurde bis zur Unkenntlichkeit vereinfacht, ohne dass etwas erklärt worden wäre. Hier ging es nicht um die Vermittlung von Theorie, sondern um das, “was eh alle Denken” möglichst mundgerecht zu servieren. Globalisierung ist schlimm, wir sind die Gemeinschaft der Widerständigen und Street Art ist eine Waffe in diesem Kampf.
Das dies durchaus Ernst gemeint ist und “die Kampfzone ausweiten” keine hohle Phrase ist, dafür kann die Ausstellung Backjumps als Beleg gelten. In ihrem Rahmen unterstützt man schon mal das antizionistische Vernichtungsprojekt indem man darüber diskutiert, wie weit Street Art als Mittel gegen Israel in Stellung gebracht werden. Am 10. Juli wurde so mit Naomi Tereza Salmon (Weimar) und Ronen Eidelman (Tel Aviv/Weimar) diskutiert, welchen Beitrag Street Art im Kampf gegen Israel ausrichten kann.
Künstlern wie Banksy wurde dabei zu wenig radikales Bewußtsein vorgeworfen, schließlich gilt es ja den Aggressor Israel zu brandmarken und Street Art hätte da gefälligst eine Rolle im Kampf einzunehmen. Widerwärtiger geht es kaum.

PS: Lustig auch, dass die Ausstellung Backjumps selbst die Musealisierung Galerisierung von Street Art vorantreibt. Ebenso wie das Verfassen von wissenschaftlichen Abhandlungen, die das Thema aufwertet und in den Kanon der bourgeoisen Kunst einfügt. Thematisiert wurde dies an keiner Stelle.

Leave a Reply

Your email address will not be published.