Mehr Street Art Reflexionen: Diana Artus in der Jungle World

Diana Artus beschäftigt sich in ihrem Artikel in der Jungle World Die Zeichen auf der Tasse mit Subversion von Street Art und Graffiti. Der Artikel enthält einige interessante Anregungen. Die Autorin sieht im Graffiti zunächst subversive Potentiale begründet: “Dass Graffiti, solange es illegaler »Vandalismus« bleibt und damit die gängigen Verhaltens­regeln in Frage stellt, durchaus nicht als harmlos angesehen und deshalb ständig mit neuen und härteren Sanktionen belegt wird, zeigt, welch subversives, die öffentliche Ordnung gefährdendes Potenzial ihm offenbar immer noch innewohnt.”
Sie begründet dies gerade in der Unintendiertheit von Graffiti, wodurch es sich einer Klassifizierung entzieht: “Und zwar genau durch die Kompromisslosigkeit, Absichtslosigkeit, Unvorhersehbarkeit und Unkontrollierbarkeit, die verlorengeht, wenn Graffiti zu Kunst oder Design wird und sich damit wieder klar in herkömmliche Strukturen und Schubladen einordnen lässt.”

Doch andererseits sieht sie eine Vereinnahmung von Graffiti durch Werbung und Veralltäglichung:
“Wenn man schon morgens Graffiti auf seiner Espressotasse ertragen muss, stört es einen in den Straßen dann nicht mehr oder weniger als jede x-beliebige Stadtmöblierung.” So wird nach ihrer Lesart dem Rebellischen der Stachel gezogen. Dies ähnelt ansatzweise den Ideen der Situationistischen Internationale, die beschreiben, wie sich das Spektakel als Rekuperation subversive Momente aneignet.
Nur war deren Kritik weitaus radikaler, als die von Diane Artus. Den Mythos von Graffiti als subversiver Kunst kritisiert sie, doch ist diese Kritik verkürzt. Im Endeffekt findet sich bei ihr, wenn auch mit Einschränkungen doch das simple Modell der guten Produktion von Kunst, deren Produkte dann hinterher von der Werbung vereinnahmt werden (ähnliches war im Rahmen der backjumps-Ausstellung im Vortrag von Julia Reineke zu hören). Auch bei Diane Artus wird letztenendes wieder der Sell-Out-Mythos der Subkulturen aufgekocht: “…die Sprayer arbeiten des Öfteren auch fleißig mit”. Dagegen bleibt zu halten, dass Kunst nicht unkapitalistisch produziert und hinterher rekuperiert wird, sondern die warenförmige Produktion unmittelbar die Produkte formt, sie selbst sowie den Bereich der bürgerlichen Kunst erst hervorbringt.

Aber bei Artus sind es immer noch “die da”, die Graffiti integrieren wollen. Konsequenterweise fällt sie dann zum Schluß hinter ihren Begriff von Vereinnahmung zurück. Dann werden wieder externe Akteure hinter dem Masterplan der Graffiti-Kommerzialisierung gesucht: “Banksy, aus dem man gerade und offenbar leider erfolgreich versucht, auch eine Kunstikone zu machen”.
Um es festzuhalten: nicht ein imaginäres “man” versucht aus Banksy Kapital zu schlagen, der Künstler hat seit 2003 laut Julia Reineke eine Presseagentur beauftragt, die die Kommunikation nach außen hin für ihn besorgt, da er selbst kaum Interviews gibt. Da waren die Situationisten schon weiter, da sie eben nicht von Kommerzialisierung sprachen sondern Kapitalismus als alle gesellschaftlichen Bereiche bestimmendes System kritisierten: “In seiner Totalität begriffen, ist das Spektakel zugleich das Ergebnis und die Zielsetzung der bestehenden Produktionsweise. Es ist kein Zusatz zur wirklichen Welt, kein aufgesetzter Zierrat.” (Guy Debord, Die Gesellschaft des Spektakels §6).

Ein grober Fehler verbirgt sich in dem Absatz: “Banksy, aus dem man gerade und offenbar leider erfolgreich versucht, auch eine Kunstikone zu machen, veröffentlichte vor einiger Zeit eine an ihn adressierte E-Mail, in der ihn zwei Leute aus einer einfachen Wohngegend Londons bitten, seine Sachen in Zukunft woanders zu sprühen, da mehr und mehr Yuppies und Studenten, angelockt von seinen Schablonengraffiti, ins Viertel zögen in der Annahme, es sei jetzt cool. Die durchaus nahe liegende Befürchtung der beiden war, dass sie sich bald keine Wohnung mehr in der Gegend leisten können. So sieht sie also heute aus, die vielbeschworene Broken Windows Theory, nach der das Auftauchen von Graffiti nur der Anfang eines beginnenden Zerfallsprozesses ist. Wer dann wie und warum welche Stadt zurückerobert, bleibt eine offene Frage.”
Es wird hier nicht die Broken Windows Theorie beschrieben, sondern von Gentrification, d.h. der Aufwertung von Wohngebieten bei Austausch der Bevölkerungsgruppen geschrieben. Nun ist Fehler machen sicher menschlich, zeugt aber hier wie auch im Gebrauch von Julia Reineke in davon, wie unglaublich nachlässig mit Theorie umgegangen wird. Hauptsache, ein wenig “kritisch sein”, denn danach giert die bürgerliche Gesellschaft. Dass Gentrifizierung durch Graffiti und Street Art – insbesondere in Deutschland – nachgewiesen werden kann, kann bezweifelt werden. Zumal auch in Szenevierteln wie dem Karoviertel Street Art von den Bediensteten der Stadtverwaltung von den Wänden gekratzt wird. A propos: Ist Street Art identisch mit Graffiti? Auch hier scheint die Autorin seltsam vage zu bleiben und die Begriffe arbiträr zu verwenden.

Hattip:
http://just.blogsport.de/2007/07/27/jungle-world/

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