Rave in Moskau

Rave MoscowAbflug Schönefeld, Ankunft in Moskau Vnukovo. Andrian holt mich ab. Ich erwarte jemanden mit Auto, er ist aber mit öffentlichen Verkehrsmitteln da. Wir steigen in ein Minicab, das uns zur nächsten Metrostation bringen soll und mein riesiger Koffer Marke Kindersarg erweist sich als extrem hinderlich. Dabei wollte ich das nervige Geschleppe von Schallplatten verhindern und über einen gescheiten Plattenkoffertrolley verfüge ich immer noch nicht. Der sperrige Koffer ist nur hinderlich und das vor allem in der Metro mit Treppe rauf, Treppe runter. Wir fahren zu Andrians Wohnung. Sozialistischer Wohnblock, so wie die meisten Wohnungen in Moskau. Es ist die Wohnung der Schwiegereltern, wo er und seine Frau sich in ein Zimmer teilen. Der Schwiegervater öffnet uns brummelnd die Tür und verschwindet in ein Zimmer. Andrian entschuldigt sich für das Chaos, er sei erst vor 3 Tagen eingezogen. Die Wohnungen sind eng und Platz ist nur spärlich vorhanden, dazu ist das Mietniveau locker doppelt bis dreimal so hoch wie in Berlin was man von den Löhnen nicht behaupten kann.
Wir machen uns los zur Party und besuchen auf dem Weg in ein vermeintlich chinesisches Restaurant mit Servicekräften im China-Look. Alles Fake, denn aus den Boxen dröhnt russischer Bollertechno mit Ethnoeinschlag und das Menü wirkt auch eher russifiziert. Das Buffet mit Salat ist ok, aber auch nicht wirklich der Bringer und kostet 10 Euro pro Nase. Weiter geht es zu einer Metrostation, an der sich 3 Bahnhöfe befinden. Andrian meint, dass er diesen Ort nicht mag und ich beginne zu verstehen warum, als ich auf einmal von hinten gepackt werde. Zwei gesichtstätowierte Typen stehen da und wollen irgendwas, Andrian drückt den einen mit ausgestrecktem Arm weg. Scheinbar hat sein Freund meine Tatoos gesehen und dachte ich sei ein Knacki wie er. Er hat nur einen Zahn, ist über den gesamten Körper tätowiert und zieht den Ausschnitt seines Hemdes runter, um seine Tätowierungen zu präsentieren. Dazu stößt er Laute aus, die keiner Sprache zuzuordnen sind. Nichts wie weg hier.
Herauszufinden wo es die Tickets am Bahnhof gibt, ist für meinen Begleiter nicht leicht und danach ist es eine Sucherei den richtigen Zug zu finden. Wir findenihn, allerdings fährt er entgegen dem Fahrplan erstmal nicht los. Die Züge sind alt und außerdem scheint grün die Farbe der Bahn hier zu sein. In den Abteilen sind Sitze in 3er Reihen mit braunem Plastik. Andrian sozialisiert mit zwei jüngeren Mädchen. Der Zug braucht ewig und um 21.55 sind wir an einer Station namens „Km 55“. Raus aus Moskau und es wird grün (diesmal Natur, nicht nur die Farbe der Bahnstationen). Nur vereinzelte Hütten stehen entlang der Bahnstrecke und es gibt Verwunderung meinerseits, dass der Zug mitten im Nichts regelmäßig alle 5 Kilometer hält. Geschlossene Siedlungen sind nicht auszumachen, die Häuser scheinen vereinzelt in der Landschaft errichtet worden zu sein.
Wir erreichen irgendwann nach Kilometer 70 den Zielbahnhof. Was heisst da Bahnhof – eher ein Haltepunkt mitten im Nichts. Taxis stehen dort an einem matschigen Wendehammer und sammeln die Bahnfahrenden ein. Die Moskitos stürzen sich auf uns, ich ziehe meine Kapuze auf und werde dennoch derbe zerstochen. Eine halbe Stunde später kommt Sascha vorbei mit einem Landrover und lädt uns ein. Nach ca. 10 Minuten Fahrt geht es ab von der Straße hin zu einem Waldweg, wo schon Taxis stehen und Leute ausladen für die Party. Ich denke, dass hier der Eingang sei, doch weit gefehlt. Mit dem Landrover geht es weiter über einen Weg mit Schlaglöchern, die eher Gruben in der Erde sind. Nach weiteren 20 Minuten Fahrt durch den Wald und heftigem Geschüttel durch die Schlaglöcher kommen wir irgendwann am Partyort an. Es gibt 4 Floors und relativ wenig Leute. Goatrance am Anfang, bummbumm. Auf dem Floor von Acidsamovar gibt es zunächst Ragga-Core-Jungle von Moz@rt, der hauptsächlich russische Dubplates spielt. Dann noch jemand und Simon, der mit einem Mix aus Chiptunes (er erzählt später, dass hier der C64 nie groß war sondern alle den Sinclair ZX Spectrum hatten) und Gabber-Noise-Breaks. Ich spiele irgendwann auf dem Hardcorefloor und das liveset rockt und die Menge johlt. Außerdem macht Simon8bitshit Ansagen zu meinem Set. Hinterher noch Inshizzo.
Es wird nicht richtig Nacht und ab 3 Uhr schon wieder heller. Ich schlafe am Lagerfeuer ein und wache um 8 Uhr wieder auf. In der Nähe ist ein Fluß, am Morgen steigt dort Nebel auf und einige Partygäste baden. Der Abbau dauert länger und das Auto, das uns abholen soll, erscheint mir zunehmend als moderner Mythos. Gegen 11 Uhr kommt es endlich, ein Minicab, dass uns in die Stadt zurückbringt. Die Fahrt per Auto erscheint mir fast länger als die Hinfahrt. An einer Metrostation in Moskau ist Schluss, allerdings fahren wir mit einem Taxi ab hier weiter. Sergey wohnt am südlichen Stadtrand von Moskau in einem Wohnblock. In seiner Wohnung wird renoviert, es sieht aus wie auf einer Baustelle mit Zementsäcken im Flur. Ich schlafe erstmal bis abends um 5 Uhr und Sergey eröffnet mir hinterher, dass die Waschmaschine ausgelaufen ist und die Wohnung der Nachbarn darunter geflutet hat. Er muss ihnen vermutlich 2000 Euro zahlen aber nimmt diesen Vorfall mit erstaunlicher Gelassenheit. Wir machen einen Spaziergang in einem Park – der erst noch fertig gebaut ist. Die Wege sind noch nicht angelegt und pure Schlammpfützen. Im Tal sind die Wege besser. Wir waten durch den Matsch um an einem See herum um bei einem herrschaftlichen Gebäude der Zarenzeit anzukommen. Dabei ein paar interessante Unterhaltungen über Sergeys politische Vorstellungen wie den Tschetschenienkrieg und Einwanderer aus dem Kaukasus in Moskau.
Zurück in einem Supermarkt, wo ich hochgradig synthetische Pepsi-“Fresh” kaufe. Ekelhafter als Irn-Bru und garantiert ungenießbar. Wir essen Eis und eine Art Frühlingsrollen mit süßer Füllung, danach holt mich Andrian ab. Videos gucken und waschen. Das ist auch nochmal eine Aktion. Die Moskauer Stadtverwaltung stellt im Sommer einen Monat lang das warme Wasser ab. Das kalte Wasser ist eiskalt wie frisch aus Sibirien importiert. Also wird per Wasserkocher warmes Wasser in einen Bottich gefüllt, aus dem man sich dann mit einer Plastikkelle bedienen kann.
Hinterher ab in die Innenstadt zum touristischen Programm: Kreml, roter Platz, Leninmausoleum und so weiter. Hinter der Duma gibt es eine Kneipe, in der sich angeblich Künstler und Studenten treffen. Aus den Boxen läuft recht lauter IDM und das Menü gibt es nur in russisch. Andrian sucht für mich aus und das Essen ist recht lecker. Sascha und sein Bruder holen uns mit dem Landrover ab, es ist 2 Uhr nachts. Andrian und seine Frau werden nach Hause zum Schlafen gefahren, wir machen dagegen Sightseeing. Erst zu einem Aussichtspunkt vor der Universität (das Gebäude ist riesig). Dort treffen sich Nachts Cartuningfans (Lada-tuning, ich hielt das nicht für möglich) und Motoradproleten. Außerdem wollen 2 Reiter ihre Pferde an willige Touristen vermieten. Verrückte Unterhaltungsangebote: Reiten in Moskau nachts um 3 Uhr. Wir fahren weiter zu einer Navy-Ausstellung, in der Teile von Schiffen und Ubooten sowie Kanonen in einem Park zu sehen sind. Weiter geht es in den Park Pobedy, in dem Panzer aller Generationen stehen ebenso wie ein Denkmal für die betroffenen Städte des zweiten Weltkrieges. Ihre Namen stehen auf einer gigantischen Säule. Wir fahren zu Saschas Wohnung. Luxoriös mit einem riesigen LCD-Fernseher in der Küche. Ich trinke den Brottrunk „Kvass“ (“russische Spezialität – musst du probieren”) und gehe schlafen. Am nächsten Morgen werde ich an den Flughafen gefahren. Sascha fährt sicher, was bei seinem Fahrstil auch angebracht ist. Mit Tempo 80 in der Innenstadt links und rechts an Autos vorbei. Am Flughafen Verabschiedung. Noch schnell Vodka kaufen und in 2 Stunden wieder zurück in Berlin.

Hier gibt es Fotos von dem Trip:
flickr Fotoset Moskau
und auf dieser Seite Fotos von der Party.

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