“Breakcore ’em all”. Ein digitales Kamingespräch mit AMBOSS

Amboss Suff

Interviews zu machen ist lustig, Teaser schreiben nicht so sehr. Ich traf Amboss auf der Praxis-Berlincore Party am 16.6. und vereinbarte ein Interview mit ihm. Wer seine Musik kennt und mag, dem brauche ich ihn nicht vorzustellen. Wer ihn nicht kennt, für den macht’s jetzt auch keinen Sinn, wenn ich lang und ausführlich anfangen würde zu erklären, wer dieser sagenumwobene Amboss eigentlich ist und warum er Sticker mit dem Aufdruck “Breakcore ’em all” herausbringt und seine Musik seit 2003 auf Vinylscheiben pressen lässt. Sein tiefergelegter BMW ist so legendär wie seine Livesets in ganz Europa. Für eine Erstorientierung in Bild und Ton taugt am ehesten sein MySpace-Profil.

Mit Amboss diskutierte ich über Mash Up und unbeheizte Wohnungen.

Wir hatten am Samstag eine kurze Unterhaltung zu Mash Up und darüber, dass du meintest, selbigen Musikstil nicht mehr produzieren zu wollen. Also wie war das jetzt mit dem Mash Up?

Also ja das war schon ganz kool, solange es noch kool war.

Und jetzt nicht mehr? Wie kam das?

Nachdem 2003 oder 2004 plötzlich jeder Dreck mit billigen Amens und mp3-“Raggapellas” auf allen Party hoch und runter gejodelt wurde, war für mich der Zug abgefahren.

Was hatte dich denn davor daran interessiert?

Ich weiß nicht; es hat mich davor weiter nicht interessiert. Ich hab mir nie wirklich Raggacore-Scheiben gekauft. Wenn, dann hab ich die geschenkt bekommen oder getauscht, aber meine “Raggacore”-Inspiration kam von was ganz anderem. 2002 habe ich viel Dancehall gehört und daraufhin habe ich die Tracks, die ich besonders kool fand, in meine Produktion eingebunden oder versucht die Vocals mit meinem düsteren Sounds zu verbinden, was ja auch irgendwie ganz gut gepasst hat. Wobei ich aber die Originale immer noch wesentlich besser finde.

Ok, jetzt sind wir vom abstrakten Mash Up konkret bei Raggacore gelandet. Mir war Dancehall immer zu lahm, da fehlten die derben Beats. Dein Zugang war ja aber ein anderer als etwa bei Ragga Jungle-Leuten. Wo siehst du denn den Unterschied zwischen deinen alten Sachen und Ragga Jungle, den ich nicht als “Mash up” bezeichnen würde – wobei er ja genau das ist: Ragga + Amen und maximal ein Synth. Was Sickboy macht, ist auch Mash Up, oder nicht? Wann ist Mash Up? Wo ist Mash Up?

Die Ragga Jungle-Sache ging eigentlich generell an mir vorbei. Ich fand das nie wirklich übermäßig ansprechend, ausserdem irgendwie billig und ohne jedes Interesse auf Masse produziert. Das ist jetzt rückblickend das Bild, das ich davon im Kopf habe. Es kann sein, dass ich das mal anders gesehen habe, aber nicht wesentlich. Sickboy macht auch Mash Up, allerdings vom Prinzp her völlig anders. Wenn ich von Mash Up spreche, dann meine ich im eigentlichen sowas wie “Back up” im musikalischen Sinn. Also den Originaltrack einfach von Grund auf überholen oder sowas, das ich gemacht habe.

Was heisst denn “back up”?

Was ich meinte war halt sowas wie einen bestehenden Song einfach mit neuen Beats updaten. In meinem Fall waren die Vocals schon da und die Songstruktur genau so vorhanden. Man brauchte quasi nur von vorne nach hinten Beats und Melodie zu bauen.

Was willst du denn ansonsten machen? Abstrakte Musik mit Referenzen zu den Simpsons wie etwa der Track Bonestorm auf deinem aktuellen Release auf No Room for Talent Records?

Haha… Ja, dass “Bonestorm” bei den Simpsons vorkam habe ich auch gesehen. Daran hatte ich allerdings nicht gedacht als ich den Track gemacht habe… oder scheinbar doch. Woran ich ursprünglich dachte war das dir der Synth von vorne ins Gesicht bläst wie ein Sturm und der Beat einem wie Knochen um die Ohren schlägt.

Wie kam es denn zu dem aktuellen Release? Und: wenn nicht Mash Up – wie würdest du deinen aktuellen Stil dann beschreiben?

Meine aktuelle Platte auf No Room for Talent steht eigentlich in direkter Verbindung mit meinem sub/version-Release. Ich wurde angeschrieben von Greg Trash der meinte, dass er meine neuen Sachen super findet und ob man nicht miteinander arbeiten könnte. Was dann auch in Rekordzeit funktioniert hat. Was ich zur zeit mache hat jedenfalls nichts mehr mit Mash Up zu tun. Meine Tracks basieren nicht auf Arbeit, die eigentlich schon gemacht ist. Ich würde sagen irgendwas zwischen Drum’n Bass und Breakcore oder Core n Bass oder so. Ich plane auch wieder richtige Noise Hammer zu machen und nicht nur an einem Style festzuhalten. Mit Noise Hammer meine ich wieder massiven Krach, der nicht viel mit DnB oder Struktur zu tun hat. Da ich seit kurzem wieder über mehr Tageszeit verfüge kann ich mich auch wieder verstärkt dem Experimentieren, Ausprobieren und “auf-andere-Ebenen-wagen” widmen.

Stichwort: die härtere Drum’n Bass-Variante. Ich habe gerade beim aktuellen Hart-DnB (Freak Recordings, Obscene etc.) den Eindruck, dass dort zum großen Teil vom Fließband produziert wird.

Dass bei Freak usw. vom Fließband produziert wird, steht irgendwie total außer Frage. Bei der Menge, die die raus hauen bleibt das nicht aus. Man muss sich definitiv die Rosinen rauspicken.

Ich brachte das Beispiel auch, um deine Aussagen zu Mash Up ein bißchen zu konterkarieren. Bei dem aktuellen Drum’n Bass wird eine Eigenleistung erbracht. Es werden zumindest keine längeren Passagen von anderen Musikstücken geklaut, trotzdem ist das Meiste extrem langweilig. Es werden Beatschemata endlos wiederholt. Erstaunlicherweise wird das in der Regel nicht als “Diebstahl” tituliert. Ich finde ich es generell (jetzt nicht auf dich bezogen) merkwürdig, kurzes Sampling als legitim zu bezeichnen und längere Samples als “Diebstahl”. Ich hatte da mal was zu geschrieben über diese komische Doppelmoral in dem Fall Ressurrector vs Modul-R. Wo will man da den Unterschied festmachen und warum?

Wo die Grenze liegt, ist die Frage. Zombieflesheater sampled auch alles von anderen Leuten, aber man hört das kein Stück. Es kommt halt darauf an ab welchem Punkt man es sich nicht mehr anhören will oder kann. Das ist aber dann halt irgendwie ‘ne persönliche Grenze. Ich will mir halt kein Zeug anhören, das zur Hälfte von anderen Tracks genommen und bis zum Erbrechen wiedergekäut ist. Es ist irgendwie etwas anderes ob ich einen Ton klaue, den dann auseinander hacke und neu zusammensetze, als wenn ich eine komplette Songstruktur übernehme, dazu Vocals klaue und die Beats einfach reinklatsche und sage: “Super heißer Scheiss, den ich da gemacht hab”.
Ich hör mir auch keine Mucke an, die schlechter produziert ist als meine. Außer eventuell in speziellen Fällen, wenn es dann so billig ist, dass es schon wieder gut ist.

Was macht denn eine gute -d.h. nicht-billige- Produktion für dich aus?

Das kann vieles sein wie zum Beispiel die Klangqualität oder Passagen wo ich denke “Scheisse, wie macht der/die das?!”. Oder halt ‘ne Songstruktur, die einfach super ist; die einen total mitreisst. Aber wahrscheinlich auch nur geklaut ohne dass ich’s weiß. Was die Angelegenheit wieder zu einem ganz anderen Punkt bringt: Wie kool ist das noch, wenn derjenige der etwas geklaut hat bekannter wird als der Urheber. Das sind so Fragen… Aber noch was anderes: wann bist du eigentlich aus deiner letzten Wohnung ausgezogen?

Moment Mal – wer stellt hier die Fragen? Ich denke letzten Juli oder so. Ich saß am Ende alleine in dieser 2-Zimmer-Wohnung, was zu teuer und zu langweilig war. Und vor allem war unten drunter unbewohnt und die Wohnung damit im Winter viel zu kalt. Inzwischen sind die Leute von oben auch noch ausgezogen und das ganze Hinterhaus ist leerstehend. Da hätte ich dann alleine in ‘nem ganzen Flügel gewohnt.

Zum Mucken genau richtig. Zum Heizen halt nicht.

Nicht ganz. Mein Nachbar von oben meinte, dass auf seinem Schreibtisch das Wasserglas wie in Jurassic Park zu vibrieren angefangen hätte, sobald ich am Musik machen war. Außerdem war das im Winter ultrabrutalkalt vom Boden her.

Mh… arrghh … Wir haben auch keine Leute untendrunter. Da ist nur der Hauseingang.

Das kann recht übel sein, muss es aber nicht zwangsläufig. Den Winter mal abwarten und weitersehen. Dann jedenfalls viel Spaß noch beim Beats bauen in der neuen Wohnung und generell als Neu-Berliner!

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