Die Heuschreckenjäger der Woche

Zweimal Kreuzberger Kapitalismuskritik, orginal Handarbeit

„Medie-Spree versenken“: Kiezkonvervative gegen die USA
Die Heuschreckenjäger von „Media Spree versenken“ haben es in die aktuelle Jungle World geschafft. Glückwunsch – endlich entdeckt die „linke Wochenzeitung aus Berlin“ ihr soziales Gewissen wird und bringt Bauchthemen und Herzensangelegenheiten gegen Kapital und USA.

Worum geht es? Am Spreeufer in Friedrichshain plant der Investorenzusammenschluß „Media Spree“ den Bau einer Arena sowie diverser Angebote. Dagegen regt sich Widerstand – und was für einer. Wie sich wütender struktureller Antisemitismus artikuliert, das lässt sich in den Veröffentlichungen der Kampagne „Media Spree versenken“ nachlesen. Nahezu alle Klassiker, die zum guten Ton des deutschen Ressentiments gehören, werden dort aufgelistet.

„Aufwertung“ – alleine die Nennung dieses Wortes scheint einem schon zu reichen als Analyse. Was sich dahinter verbirgt ist – Vertreibung. So wie Deutsche immer Opfer von Vertreibung sind – damals wie heute durch fremde Mächte ausgelöst. Der Investor kommt und macht der autochthonen Bevölkerung den Lebensraum streitig. Deren Recht leitet sich davon ab, dass sie zuerst da war auf diesem Gebiet.
Gegen Disney und Nike wird in den Texten polemisiert. Natürlich sind es amerikanische Firmen, an denen sich der Hass entlädt, auch wenn die bei Media Spree beteiligten Firmen deutsch sind. Davor hat der Deutsche Angst, wenn einfach so ausländische Investoren daherkommen und dem schönen Kreuzberg den amerikanischen Glitzertraum aufzwingen wollen. „Berlin bleibt deutsch“ könnte die Parole dieses Abwehrkampfes lauten. In folgendem Satz offenbart sich der ganze Wahn: „In den USA werden Nike-Plagiate und Diebstähle rechtlich nicht verfolgt, damit “coole schwarze Kids an Nike Klamotten rankommen und ein Image aufbauen können, das auch die reicheren, weißeren kids und Erwachsenen haben wollen und – natürlich – kaufen können.“ Kurze Frage: Wenn in einem Schuhgeschäft Nike-Schuhe gestohlen werden – was hat dann der Hersteller damit zu tun? Aber wie der deutsche Antiamerikaner weiß, ticken in den USA die Uhren anders und die Konzerne haben krakenhaft Justiz, Polizei und Wirtschaft infiltriert um ihren niederträchtigen Machenschaften nachzugehen. Die USA sind das gefürchtete Wunderland, in denen es Nikeschuhe für jeden gibt und an jeder Ecke Mickey Mouse steht – zumindest in der Phantasie deutscher Linker.
Ebenso grenzdebil: Wandbilder von Nike in Berlin (die zur Fußball-WM gemalt wurden) werden als “Cultural Camouflage” bezeichnet. Damit wolle sich die Firma “Street Creditbility” zulegen. Eine gemalte Werbung an einer Hauswand? Das ist eine der ältesten Werbeform und hat weder mit “camouflage” noch “street credibility” etwas zu tun. Aber dem Club 103, an dessen Fassade das Bild prangt, wird gleich so etwas wie Vaterlandsverrat unterstellt – schließlich kooperiert er mit einem ausländischen Multi und sorgt so für die Privatisierung des öffentlichen Raums. Kapitalismus – das ist für “Ms versenken” das, was aus den USA kommt.

Die Argumente der Kampagne sind wüst zusammengeklaubt aus der linken Mottenkiste: Man beschwert sich darüber, dass Investoren Steuergelder erhalten würden. Was das alles kostet! Notorisch wird aufgelistet, was MTV und Vivendi etwa an staatlichen Subventionen bekommen. Was daran moralisch verwerflich sein soll, wird nicht einmal mehr begründet, man meint mit der Nennung dieser Fakten schon das Ressentiment anzustacheln. Aus einem einfachen Grund: mehr als puren Hass aus dem Bauch heraus hat die Kampagne nicht zu bieten. Einfach die richtigen Reizworte nennen wie „Konzerne“ und „Steuergeschenke“ und schon wird sich die Wut gegen „die da oben“ entfesseln – so die Logik dahinter. Das ist Staatsfetisch der Extraklasse: die Konzerne machen Profite und die öffentliche Hand zahlt – das ist die alte Leierkastenmelodie. Wenn der Staat Leute alimentiert ist dies völlig ok, aber wenn er Firmen Geldern zahlt ist das Geschrei groß.

Der autonome Volkssturm macht mobil: die Anwohner sollen mit Zorn gegen den bösartigen Eindringling vorgehen, der einfach so den Kiez übernehmen will und die eigene Existenz bedroht mit seinen Schergen und der „lebensfeindliche Städteplanung“.
Das Beste an der ganzen Denke ist folgendes Paradoxon: wenn Menschen in ranzigen Wohnungen zu billigen Mieten wohnen, hat das garantiert nichts mit Kapitalismus zu tun. Steht aber ein Bauprojekt an, fällt einem auf einmal auf, dass man unter kapitalistischen Bedingungen lebt, die die eigene Dorfidylle stören. Die richtigen Konservativen sind diese Linken: es soll hier so bleiben wie es schon immer war. Am Ende richtet sich der Hass gegen alles, was den abgeschotteten Kiez mit der Außenwelt in Kontakt bringt: Brücken, Häuser, Großleinwände, Touristen.

Hätte man die Theorien zu Gentrification gelesen, könnte man damit anfangen sich selbst auf’s Maul zu hauen. Denn nach dem ursprünglichen Modell sind es die Hausbesetzer und Alternativos, die den Prozess der Aufwertung eines räumlichen Gebietes erst in Gang setzen und dafür sorgen, dass ein Wohnviertel erst symbolisch und danach ökonomisch aufgewertet wird.

Ähnlich, Köpi: Kultur als Standortfaktor
Ebenso ist es ekelerregend, wenn sich Linke positiv auf „Kultur“ beziehen. Etwa auch Aufrufe aus der Köpi: „Seit über 17 Jahren bereichert die Köpi in der Köpenickerstr.137 das kulturelle Leben der Stadt. Unkommerziell – es geht um die Möglichkeit, auch Menschen mit wenig Geld einen kulturellen Treffpunkt zu bieten.“
Was auch immer ein „kultureller Treffpunkt“ sein mag – irgendwo ist diese Position nur noch ein verzweifeltes Manöver in einem Rückzugsgefecht. Es gibt keine Bewegung mehr, aus der einst besetzte Häuser erkämpft wurden, so bleibt nur die „Kultur“, in der man es sich eingerichtet hat (was ja alleine erstmal ok wäre), aber die man dummerweise mit Politik verwechselt. Sich selbst als „Bereicherung“ für das „kulturelle Leben der Stadt” darstellen zu müssen grenzt schon hart an Selbstdemütigung. Als ob man seine Produktivität und Nützlichkeit so zur Schau stellen müßte.
Dass den letzten Hausprojekten das Gesäß auf Grundeis geht, ist nur verständlich. Die Bewegung, die einst die Häuser erkämpft hat, gibt es de facto nicht mehr; Neubesetzungen sind nicht möglich u.a. auch aufgrund der “Berliner Linie”. Möchte man so weiterleben, dann muss das Bestehende verteidigt werden. In dieser Defensivposition bleiben wenige Optionen. Das wäre eventuell mal zu reflektieren.
Stattdessen aber werden grausige Texte verfasst. Als ob als Rettung nur noch die Nische Kultur bliebe, in der man von der Staatsmacht nichts auf den Deckel bekommt. Der nächste logische Schritt wäre dann noch, das Gebäude mitsamt seiner Bewohner und Denkmalschutz stellen zu lassen. ‘s geht ja schließlich um schützenswerte Kultur. So wird dann losgelassen: „Seit 1990 wurden Instandhaltungsmaßnahmen und Kulturveranstaltungen ohne jede Unterstützung von Stadt und Staat durchgeführt. Hunderte KünstlerInnen aller Kontinente nutzen die hier gebotenen Freiräume. Berlin braucht alternative Orte.“
Alleine für die Verwendung der Formulierung „Berlin braucht“ sollte es ein paar Watschen geben. Man ist stolz darauf, ganz ohne staatliche Unterstützung Dienstleistungen zu produzieren. Damit liegt man eigentlich nur im Trend mit dem Gerede von der „Zivilgesellschaft“ (anders, als Gramsci das meinte). Der Staat kann schließlich nicht mehr für alles zahlen, also sollen die Bürger bestimmte Dienstleistungen ehrenamtlich herstellen. Genau dieses Engagement findet sich in der Köpi. Es setzt den aktiv-unternehmerischen Bürger voraus, der nicht beim Staat bettelt sondern selbst die Arme hochkrempelt. Selbst hält man das wohl für „autonom“, dabei ist es nur den Produktionsbedingungen im kulturellen Sektor geschuldet, die hundsmiserabel sind. Man rennt gegen die Zurichtung des Fordismus an, wo der Kapitalismus längst flexible Subjekte einfordert.

Fazit
Irgendwo zwischen Suppenküche gegen die soziale Kälte und verkannter Künstlerkarriere, das ist das Programm der kulturellen Linken. Schauderlich, schauderlich. Je mehr ich darüber nachdenke: wenn relativ harmlose Sachen wie Proteste gegen Brückenbau linksradikal aufgeladen werden, wird es zumeist undifferenziert und kommt zu schlimmen Aussagen. Ansonsten würde sich eine Bürgerinitiative gründen – vermutlich wenig linksradikal, vermutlich in Teilen leicht lächerlich aber im Allgemeinen akzeptabel. Anwohner/innen nehmen ihre Interessen wahr – was ja völlig in Ordnung ist.
Wird aber nicht gegen konkrete Veränderungen vorgegangen, sondern anhand der Veränderung im eigenen Wohnviertel der Kapitalismus kritisiert, befindet man sich sehr schnell im historischen Abwehrkampf gegen die Heuschreckeninvasion. Und das hat wenig mit linksradikal, aber viel mit deutscher Stimmungslage zu tun. Ähnliches Ressentiment gegen die gefühlte ökonomische Überfremdung Deutschlands findet sich auch in Tagesspiegel, Deutschlandfunk oder Spiegel.

Um den Einwand vorweg zu nehmen, ich würde nur pauschal gegen die Linke eindreschen: Das ist nicht meine Intention. Ich bin es nur leid, bestimmte Argumentationen zu lesen, die jeglichen Anspruch vermissen lassen. Ya basta.

Das erstaunlichste und rätselhaftes Phänomen finde ich an dem Ganzen die selektive Wahrnehmung bzw. selektive Modernekritik. Bestimmte Phänomene werden als “kapitalistisch” gebrandmarkt und gelten als moralisch verwerflich, andere als “gut”. Dass hier den fetischisierten Verhältnissen aufgesessen wird und man meint, den Gebrauchswert unvermittelt bekommen zu können, ist offensichtlich. Aber wonach richtet sich die Auswahl der Phänomene? Gegen Kanalisation, Fahrräder und Musikabspielgeräte wird nicht vorgegangen. Was haben die Römer uns gebracht? Genau – den Aquädukt.

Quellen:
Indymedia Köpi
Jungle World 16/2007 Media Spree versenken
Website Media Spree versenken

PS: Weiter geht es. In der Wrangelstraße soll ein McDrive entstehen, wogegen “MS versenken” etwas zu tun gedenkt. Mehr US-amerikanische Firmen, die über die Heimat der Kreuzberger herfallen. indymedia

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