Nichts gegen Bewegungen, aber muss es ausgerechnet diese sein?

Nachdem sich Emanzipation oder Barbarei für ein Mitmachen bei den Anti-G8-Protesten ausspricht, hier eine Replik darauf.
Eine Beteiligung an den Protesten gegen den Gipfel in Heiligendamm erfolgt einzig aus Wiederholungszwang, um sich die eigene Ohnmacht nicht einzugestehen. Man kann sich die eigene relative Schwäche und die Ignoranz der Mehrheitsbevölkerung nicht erklären, und so muss als Ersatzhandlung die “Äktschn” herhalten. Solange es eine Bewegung gibt, lässt sich die Illusion aufrecht halten, das eigene Handeln hätte die “gesellschaftliche Relevanz”, von der geträumt wird.
Hat es ja leider teilweise auch, dennder deutsche Antikapitalismus ist zu großen Teilen ein Mehrheitsphänomen und mit der Kritik gegen den G8-Gipfel spricht der Kopf aus, was der Bauch denkt. Die Anti-G8-Proteste sind nicht Vorhut der Massen, sondern deren Sprachorgan. Das hat primär nichts mit Faschismus zu tun, sondern mit der (bundes)deutschen Realität, wo ein potentiell gefährliches Ressentiment gegen den Kapitalismus schon immer zum guten Ton der Sozialdemokratie gehörte. Und was an Ekelhaftigkeiten aus anderen Ländern auf den Protesten aufgeboten wird, dürfte diesem Ressentiment in nichts nachstehen.
Man müsste in Deutschland zunächst Aufklärung darüber leisten, dass etwa Hedgefonds und Großinvestoren mitnichten Heuschrecken sind, die Arbeitsplätze wegfressen und den Nationlstaat vernichten bzw. dass Leute auch ganz ohne das zutun von Hedgefonds ihren Arbeitsplatz in einem kleinen Betrieb verlieren können und der Nationalstaat selbst einerseits elendig ist, andererseits aber etwa in Form des Rechtstaates und der bürgerlichen Demokratie emanzipatorische Momente mit sich bringt.
Und mit diesen Erkenntnissen liegt man in Heiligendamm völlig falsch. Hier wollen die Anwesenden nur möglichst einfache Antworten hören als Begründung dafür, dass sie anwesend sind und gegen die Reichen und Mächtigen demonstrieren, die dort in einem Luxushotel residieren. Der Anlaß für das Anti-G8-Treffen ist schon so idiotisch wie falsch: man sucht die Nähe zu genau diesen Eliten, man möchte an sie appellieren im Wissen darum, dass die Durchbruchversuche des militanten Teils der Bewegung in die abgesperrte Zone nur vorgetäuscht sind. Was würde man denn tun, stände man mitten im Tagungshotel vor George W. Bush (und wäre nicht vom Secret Service erschossen worden)? Dieses Szenario ist wahrscheinlich selbst für die Protestierenden vor Ort zu abwegig, zumal sicher niemand wie Carlo Giuliani enden möchte. Aber auch im militanten Handeln kennt die Idiotie keine Grenzen: man fordert den Staat physisch heraus und skandalisiert hinterher, dass dieser von seinem Gewaltmonopol Gebrauch macht. Diese Spiel ist so alt wie durchschaubar und produziert ständig neue Märtyrer, die dann gewinnbringend als Ressource zur Mobilisierung neuer Mitglieder und zur Festigung des eigenen Denkens eingesetzt werden.

Und von wegen Aufklärung – wer weiß eigentlich darüber Bescheid, was auf dem G8-Treffen genau beschlossen werden soll? Von den “radikalen Linken” vermutlich noch weniger als von den Gruppen aus dem bürgerlichen Spektrum. Attac behauptet, dass die Gruppe der G8-Länder (schön in einer Grafik als Krake symbolisiert) nicht “Frieden durch Handel” betriebe sondern heimtückisch Waffenproduktion – und einsatz plant. Nasrallah und Ahmadinedjad dürfen aber gerne weitermachen. Mit so einer Analyse ist man in der Friedensmacht Deutschland auf der sicheren Seite der Mehrheitsmeinung. “Immer nur Krieg und Sozialabbau”, mehr muss das dumme Fußvolk von Attac nicht wissen über die Machenschaften der vermeintlich Mächtigen. Man könnte spaßeshalber nach Heiligendamm fahren und TeilnehmerInnen fragen, warum sie vor Ort sind. Die Antworten wären sicherlich alles andere als erhellend.

Aber weiter – welchen Begriff von eigenen Handeln und von Öffentlichkeit hat man eigentlich? Bezeichnend ist der Satz von John Doe in der Jungle World: “Der Protest gegen das Treffen der Charaktermasken in Heiligendamm eignet sich in ausgezeichneter Weise für eine antagonistische Praxis. An diesem politischen Großereignis wird niemand vorbeikommen; alle werden über das Spektakel berichten,…”
Weil also mediale Aufmerksamkeit da sei, müsse man dort intervenieren. Peinlicher geht es kaum noch. Die einzige Chance als Linke sei es also als drittklassige Alternative zu BigBrother in der Kulturindustrie herumzuspuken. Das Konzept Gegenöffentlichkeit scheint inzwischen gänzlich passé, es geht nur noch darum seine Inhalte wie Reklamespots richtig zu platzieren, denn so ein bißchen Krawall spart dann den teuren Einkauf von Sendezeit ein.
Abgesehen davon ist keine Kritik mehr an Öffentlichkeit und Repräsentation zu sehen, man sieht sich selbst als eine Art selbsternannter Lobbygruppe, die in Heiligendamm für die Interessen der vermeintlich Entrechteten eintritt. Im Endeffekt fügt man außerdem dem Set der bürgerlichen Meinungen eine weitere hinzu, vor allem eine, gegen die niemand etwas haben kann (siehe oben). Jeder hat ja schließlich irgendeine Meinung. Und es bleibt zu befürchten, dass sich am Ende noch positiv auf den Massenauflauf in Heiligendamm bezogen wird (egal ob Steinbrück oder Spiegel), um die nächste Hetzkampagne gegen Hedgefonds zu starten. Schon die Friedenbewegung 2003 formte die willigen Fußtruppen Schröders.

Aber sieht dort Massen, und diese wirken wie riesige Fischbestände auf einen Angler. Das Resultat davon ist, dass sämtliche Politgruppen versuchen diese potentiellen Parteigänger zu indoktrinieren. Nur scheint dies ja auch nicht so recht zu funktionieren, schließlich ist die Gruppe Linksruck, die diese Taktik besonders schamlos betreibt, immer noch keine Massenorganisation. Vor allem endet dies zumeist in ekelhaftem Populismus. Redet man nämlich mal mit den Leuten – und nicht nur dem Proll in der Eckkneipe (heute wäre das wahrscheinlich eher ein Grafikdesigner) – dann merkt man schnell, dass diese nichts von einer besseren Welt hören möchten.
Wenn Ideologie nach strenger, materialistischer Definition notwendigerweise(!) falsches Bewußtsein bedeutet – dann gilt es erstmal eine harte Nuss zu knacken: wie lässt sich hier etwas verändern, wenn ständig neues, falsches Bewußtsein produziert wird?
Es lohnt sich unter Umständen die Beschäftigung mit der Frage: WER vermittelt mit WELCHER Berechtigung und Begründung WAS, an WEN …und warum will der Empfänger nichts davon hören? Es gälte anhand dieser Fragestellung Wege aus der bürgerlichen Öffentlichkeit heraus zu finden. Dabei wäre der erste Schritt die historische Aufarbeitung linker Niederlagen. Bis dahin werden sich die emanzipatorischen Kräfte mit der Rolle des Arschlochs abfinden müssen: Nämlich des-/derjenigen, der/die unbequeme Wahrheiten verkündet. Und dazu gehört eben, dass alle Subjekte im kapitalistischen Prozess verstrickt sind und sich nicht eine moralische Schuld an eine Gruppe von Personen delegieren lässt. Nur möchten das die wenigsten Menschen hören, da finden sich dann mit einem Opfermythos doch mehr ZuhörerInnen.

Soziale Bewegungen kommen und gehen und das was sich in Heiligendamm einfindet, hat seinen Zenit 2001 überschritten. So richtig bewegen tut sich in dieser Bewegung nichts mehr.
Inzwischen muss selbst das Flagschiff Attac PraktikantInnen suchen, die das “Anti-G8-Musikfestival” organisieren sollen (siehe Quelle).
Nach der Erfahrung der Marsch auf die bundesdeutschen Schlüsselpositionen der 1968er ist klar, dass sich soziales Engagement gut im Lebenslauf und in der Berufsplanung macht. Der Tauschwert wird bei Attac ganz offiziell in Form einer Praktikumsbescheinigung ausgestellt, fast so wertvoll wie ein Geldschein.

Irgendwann, kommt sie schon, die wirkliche Bewegung, die den jetzigen Zustand aufhebt (Marx). Ich habe jedenfalls Zeit und kann gerne noch 10 oder 500 Jahre warten.

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