The art of theft. Or do you call it sampling?

Notizen zu Urheberrechtsverständnis, Eigentum, Diebstahl, Sampling, Plagiat, Kopie, Breakcore

Ausgangspunkt: Ein aktueller Fall von Streitigkeiten über die Urheberschaft. Der Musiker Resurrector beschwert sich darüber, dass der Musiker Modul R einen kompletten Track von ihm verwendet hat und nur leicht modifiziert (“he basically uses my whole song, dosn’t change anything up but adds shitty vocal samples over the breakdowns.”) als seinen eigenen Song ausgibt. Nachzulesen ist der Vorfall unter http://c8.com/c8/phpBB2/viewtopic.php?t=7213

Was für mich die Frage aufgewirft, wo Sampling aufhört und Diebstahl beginnt . Wenn ich mir das musikalische Wirken eines Künstlers namens Lfo Demon ansehe, so verwendet dieser auch komplette Tracks (etwa von Seeed, Operation Ivy oder Skaos) anderer Künstler und “nur” einen anderen Beat darunter gelegt. Wie ungewöhnlich ist dieses Verwenden größerer Teilstücke aus fremden Werken? Im Bastard-Pop ist es gängige Praxis (hier stammen gleich alle Elemente von fremden Künstlern), ebenso wird im Ragga Jungle ein (zumeist nicht-lizensiertes) Ragga-Acapella mit einem Amen-Breakbeat (siehe dazu den Vortrag von Nate Harrison) verarbeitet.

Sampling , im Unterschied etwa zur Form des Remix, bedeutet, dass der samplende Künstler zumeist in einem apersonalen Verhältnis zum Produzenten des Ausgangsmaterials steht. Man kennt sich gegenseitig nicht, und in der Regel (beim nicht-lizensierten Sampling) wird der Samplende auch vermeiden, den Rechteinhaber über die Verwendung seines Eigentums in Kenntnis zu setzen, da dies finanzielle Forderungen nach sich ziehen könnte. Diese weit verbreitete Praxis stellt de facto einen Rechtsbruch dar, der aber von den Rechteinhabern (Urheber und Platten- oder Filmfirmen) geduldet wird.
Innerhalb des Musikgenres “Breakcore” etwa wird zum großen Teil mit nicht-lizensierten Samples gearbeitet. Diese Praxis gilt ist Konsens, niemand stört sich daran. Gibt es auch Beispiele? Zwar wurde behauptet, dass Shitmat-Album “Hang the DJ” sei wegen “ungeklärtem Licensing” nicht in den USA erschienen, ob dies nur ein Verkaufstrick ist, kann hier nicht überprüft werden. Als offene Frage bleibt hier stehen, warum die Rechteinhaber diese Verletzungen ihrer Urheberrechte zulassen. Eine Vermutung: es wäre viel zu aufwendig und teuer, Herausgeber von Kleinstauflagen von Tonträgern (zwischen 300-2000 Stück) gerichtlich zu belangen und vor allem werfen diese Auflagen auch keinen Profit ab, der abgeschöpft werden könnte.

Wenn sich also dem geistigen Eigentum anderer bedient wird um Musik zu machen, ist das im Verständnis der beteiligten Produzenten elektronischer Musik völlig legitim. Nur in manchen Fällen – etwa dem von Resurrector vs Modul R – wird empört von Diebstahl gesprochen. Wo es einen davor nicht kümmert, wessen Eigentum man sich bedient und ob das im Einklang mit dem Willen des Urhebers geschieht, behauptet man auf einmal, dass sich jemand einen Track unerlaubt angeeignet, also gestohlen hätte und pocht auf den Begriff des geistigen Eigentums . Aber eben nur bei der Aneignung durch andere Künstler. Wenn ein Konsument denselben Track per Tauschbörse oder im Netz herunterladen würde, hätten die wenigsten Musiker (zumindest in der Sparte Breakcore) ein Problem damit.

Es geht hier um einen Konflikt um die Urheberschaft zwischen Künstlern. Dieser wirft die Frage auf, was genau Sampling (als erlaubte, kunst-schaffende Handlung) von Diebstahl (unerlaubt, nicht-Kunst) unterscheidet. Mir wird nicht ganz klar, worin der Unterschied vom sogenannten Diebstahl zum Sampling liegen soll. Wird es an der Länge des verwendeten Materials festgemacht? Früher wurde in Musikerkreisen das Gerücht verbreitet, wenige Sekunden Sampling seien legal – was nicht stimmte. Um Diebstahl im Sinne eines Urheberrechts handelt sich alles, ganz egal wie lange und welches Ausgangsmaterial. Ob der Diebstahl eines Drumsounds nachgewiesen werden könnte, ist eine andere Frage – oder wie es bei starker Verfremdung aussieht. Rechtlich ist die Lage eindeutig: die Verwendung von urheberrechtlich geschütztem Material ist Diebstahl von geistigem Eigentum.

Abweichend davon das Rechtsverständnis der Künstler im Kontext elektronischer Musik. Man agiert in einem partiell rechtsfreien Bereich; allerdings schafft man sich eigene Normen um das Vakuum auszufüllen. Man konstruiert sich einen Unterschied zwischen Diebstahl und Sampling.

Nur basiert beides auf dem gleichen Prinzip: von anderen produzierte Musik wird als eigene Kunst auszugeben. Warum wird also das eine als Kunst angesehen und das andere nicht? Diese Frage führt weiter zum Begriff von Kunst. Im beschriebenen Fall ist die unterstellte Innovation das Maß, nach dem das Musikstück bemessen wird, nach dem Orginalität erfasst wird. So im common sense der elektronischen Musikszenen: Aus der unterstellten Eigenleistung werden die Eigentumsrechte abgeleitet. Wer dem Ausgangsprodukt etwas hinzufügt, dessen Werk wird zur “Kunst” deklariert.Dieser Gedanke findet sich etwa auch im deutschen Urheberrecht wieder. Dort wird als Schöpfungshöhe die Individualität eines Werkes bezeichnet, nach der sich bestimmt, ob ein urheberrechtlich schützenswertes Werk vorliegt; das Urheberrecht gilt dann automatisch auf jedes Werk, das unter diesen Begriff fällt. Gleichzeitig stellt dies einen Versuch des Rechtsstaats dar, dem Problem Herr zu werden, was denn dem diffusen Bereich der Kunst zuzurechnen sei. Im Unterschied zu dieser idealistischen Definition, ist das us-amerikanische Copyright mit seiner Ausrichtung auf die Verwertung stärker auf die verausgabte Arbeitskraft, und weniger eine “Kreativität” gerichtet. Es basiert auf John Locke und dem “Sweat of the Brow”.

Darin sind sich die heutige Sampling-Kultur und der Plagiarismus nach Stewart Home ziemlich ähnlich. Letzterer verwendet vorhandenes (Text-)Material, um den ursprünglich gemeinten Sinn zu verändern und den bürgerlichen Kunstbegriff zu kritisieren. Nur bleibt er dabei selbst im bürgerlichen Kunstbegriff hängen, den er vorgibt zu kritisieren. Denn: “Plagiarism is the conscious manipulation of pre-existing elements in the creation of “aesthetic” works.” (Home, Stewart 1995: Neoism, S.51)
Problematisch ist an dieser Definition, dass sich sehr viele zeitgenössische (elektronische) Musik als “Plagiarismus” einsortieren lässt. Das, was Home als subversive Taktik gegen den Kunstbetrieb begreift, ist selbst etablierter Teil desselbens. Eine Kritik am bürgerlichen Begriff der Einzigartigkeit (“unique”) läuft heute ins Leere. Das Unikat gibt es zwar noch, inzwischen gilt aber die die Modifikation des Orginals ebenso als gleichberechtigtes Kunstwerk. Vermutlich lief schon in den 1980er Jahren die Analyse von Home ins Leere, denn “Fountain” von Marcel Duchamp (das Pissoir) aus dem Jahr 1917 wurde bereits als großes Kunstwerk wahrgenommen, wo es doch den Kunstbegriff und dessen Verständnis von Urheberschaft und Orginalität radikal in Frage stellte – und Duchamp für es vorhandenes stoffliches Material nahezu 1:1 übernahm. Einzig die Signatur fügte er hinzu. Der Künstler erklärte das Pissoir zu Kunst und vor allem zu seinem Kunstwerk. Hier ist es nicht die handwerkliche Herstellung oder Bearbeitung von Material, sondern dessen abstrakte Reinterpretation, die das Kunstwerk (im Gegensatz zum Alltagsgegenstand) ausmacht. Das Klobecken wird in den Kunstkontext eingemeindet. Die künstlerische Leistung liegt hier nicht in der physischen Umgestaltung von Materie sondern in einem geistigen Akt. Das Werk wird von Künstler, Fachwelt und Publikum als Kunstwerk wahrgenommen. Es ist also diese neue Interpretation des (vorhandenen) Gegenstandes, die dem Künstler abverlangt wird.

Zurück zu Stewart Home. Im Vergleich mit Duchamp wird klar, dass Home mit seinem Kampf gegen das Unikat offene Türen einrennt. Das Plagiieren ist Mitte der 1980er Jahre längst (zumindest im Bereich der bildenden Künste) eine akzeptierte Herstellungstechnik von Kunstwerken und widerlegt seine These, wonach die Einzigartigkeit von Kunst das zentrale Merkmal ist, wonach ein Werk als Kunstwerk wahrgenommen wird. Von dem großspurigen “negative point of culture” den Home im Plagiat sehen möchte ist nichts zu merken, eher führt der Plagiarismus die ganz gewöhnliche Produktion von bürgerlicher Kunst weiter, die – und das scheint mir der entscheidende Punkt zu sein – auf Innovation basiert: Die alte Scheisse wird ständig neu interpretiert, ständig auf neu gemacht, ständig neu der veränderten Gesellschaft angepasst, damit bei den darin eingeschloßenen Subjekten bloß kein Gefühl von Langeweile aufkommt. Wäre dann nicht gnadenlose Wiederholung die eigentlich Revolte?
Der Plagiarismus möchte Kunst sein (und eben nicht wie die S.I. die Kunst verwirklichen und wegschaffen) und darum muss er sich vom Diebstahl oder der bloßen Wiederholung abgrenzen. Auf die Frage nach Diebstahl und Kunst antwortete mir User Camouflage auf c8.com: “i think you know the difference between a version or the plagiaristic techniques of modern music and plain, meaningless theft!”

I know that indeed: beim Diebstahl endet die bürgerliche Definition von Kunst. Die absichtsvolle Verwendung wird hier als Kriterium angegeben, das die Kunst vom Diebstahl unterscheidet. Aber wie intentionslos ist der Diebstahl? Er hat ja eine konkrete Absicht: die Aneignung von fremdem Eigentum. Der Unterschied liegt einzig darin, dass der Dieb unerkannt bleiben möchte, während der Künstler sein Wirken als öffentlichen Akt inszeniert.
Im Falle von geistigen Werken, und wenn Produzenten von Produzenten stehlen, würde man den Diebstahl als Kopie bezeichnen. Etwa dann, wenn das Design und nicht der konkrete, materielle Gegenstand – ein Bildes oder ein Tonträgers – entwendet wird. Nun mag dies zunächst einen gewissen Widerspruch sowohl zum Kunst- als auch zum Eigentumsbegriff darstellen, nicht aber zu den grundsätzlichen Bedingungen kapitalistischer Produktion. Denn auch das Kopieren schafft Waren und bedeutet keine kapitalismuskritische Handlung. Ansonsten würde der Zoll jeden Tag gegen die Subversion der Produktpiraterie ankämpfen. Tut er aber nicht. Die Kopierenden kümmern sich zwar nicht um das Recht am geistigen Eigentum, sie wollen aber auch nichts anderes, als marktförmige Waren herstellen und verkaufen; allerdings mit der Einsparung der Entwicklungs- und Herstellungskosten. Es wird sich ein Gut (in dem menschliche Arbeitskraft steckt) angeeignet, ohne dafür zu bezahlen. Die Ware kann ja hinterher problemlos getauscht werden, nur spart man sich eben die Kosten und Mühen der Produktion. Mit Kritik an den Verhältnissen hat das aber wenig zu tun. Was für den gewöhnlichen Ladendieb gilt, gilt auch hier: “Der Dieb kritisiert aber nicht die Ware, sondern eignet sie sich an — eine Erkenntnis, die in den siebziger Jahren auch im Umfeld der Situationisten zu vernehmen war: “Der Diebstahl, auch wenn ihm die Verteilung folgt, stellt den Kapitalismus überhaupt nicht in Frage; er ist im Gegenteil eine seiner Ausdrucksformen.”” Grigat – Der Fetisch im Spektakel

Und so ist auch der eingangs erwähnte Musiker Modul R kein Rebell gegen die Produktion von Kunst, sondern versucht eine Abkürzung zu künsterlischen Ruhm zu nehmen. Er entwendet die Arbeit und Innovationsleistung eines Anderen, und gibt sie als die eigene aus.
Nur zu dumm, dass dieser Schwindel aufgeflogen ist, und er ziemlich dämlich dasteht.
Die Motive der anderen Seite affirmieren die bürgerliche Ordnung aber genauso. “Doppelmoral” heisst es in der Regel, wenn das eigene Handeln anders als das der Anderen beurteilt wird. So auch in diesem Fall.
Die Entwendung von geistigem Eigentum als Sampling wird als Kunsttechnik definiert und gilt damit als in Ordnung; hält sich aber jemand nicht an die Regel, dann ist es vorbei mit der Kunst und die Entwendung von geistigem Eigentum ruft Empörung hervor.

Der Fall ist völlig wahnwitzig: aus dem Diebstahl von geistigem Eigentum (Sampling) wird Kunst geschaffen. Auf diese Kunst, die auf fremdem Eigentum basiert, wird ein Urheberanspruch gefordert – diese dürfe nicht unerlaubt von Dritten weiterverwendet werden. Einerseits profitiert man also davon, dass der Verstoß als Sampling nicht geahndet wird, andererseits möchte man, wenn von der eigenen Musik gesampled wird, den Dieb am liebsten hängen sehen. So zumindest die gängige Auffassung im Fall Resurrector vs Modul R. Sanktionen werden hier aber kaum über Gerichte laufen als über interne Email-Kommunikation und die Veröffentlichung des Falls im Internet. So wird dann nach dem eigenen Rechtsverständnis Gerechtigkeit wieder hergestellt und das Eigentumsdelikt geahndet. Wie man selbst es wohl finden würde, für Sampling am Pranger zu stehen?

Die kapitalistische Produktionsweise bringt notwendigerweise falsches Bewußtsein hervor. Nur gibt es eben kein außen zu diesen Zuständen. Es wäre, bei aller Verstrickung, ein Anfang, wenn die Individuen anfangen würden die Verhältnisse zu reflektieren. Mehr Aufklärung gegen all diesen Wahn, bitte.

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