Review: Diedrich Diederichsen – Sexbeat

So in etwa muss sich Beatliteratur angefühlt haben, kurz bevor Homer Simpson auf einer Atombombe reitend in das Tam-Tam harmloser Beatniks kracht und die Welt in einem Feuerball verglüht – elekrifizierend! Das Buch gibt Einblicke in die linke Gegenkultur seit den 1970er Jahren bis zum Erscheinungsjahr 1985. Zwischen den Orten wird gesprungen Hamburg, Paris, New York, ebenso zwischen den Zeiten und Haarlängen.

Kernstück ist die “JVA Bohemia”, die Avantgarde der 1980er. In Kneipen rumhängen bis morgens, immer länger. In etwa darum geht es in diesem Buch, um die Bestimmung des “weiter” und des “mehr”. Diese beiden Prinzipien tauchen konstant im Text auf, Diederichsen sieht sie als tragende Prinzipien des Systems Pop. Ebenso geht es ihm um die subversiven Auswege aus dem Ganzen, die von den Individuuen gesucht werden, und die doch nur Illusion bleiben. Nahezu als Running Gag dient dabei die unglaublich naive und platte Phrase des “denen ihr Spiel spielen”, was es zu vermeiden gälte. Diederichsen reflektiert hier ziemlich gelungen das Scheitern der meisten Pop- und Politikstrategien; ihr umkippen in die Affirmation, die pure Blödheit oder den objektiven Wahn. “Künstlerrenitenz” etwa diffamiert er im Kunstbereich als zum Ganzen dazugehörig, sie müßte erfunden wären, gäbe es sie nicht, ebenso wie Polizisten Verbrechen begehen müßten, gäbe es keine Verbrecher. Rebellion gegen das Establishment ist letztenendes nur eine Strategie um das Spektakel weiter zu führen.
Um linke Politik geht es auch. Die kommt vor, hauptsächlich in Auseinandersetzung mit der Sozialdemokratie, dem französischen Poststrukturalismus und einer (teilweise erschreckend platten) Basis-Überbau-Dichotomie.

Wie aktuell ist das Beschriebene heute noch? Die Bhagwan-Jünger und Yuppies sind inzwischen wie die Dinosaurier ausgestorben, doch was ist mit den Poplinken? Auch die gibt es nicht mehr. Pop war in den 80ern links, die Intellektuellen auch. Nicht selbstverständlich in Zeiten, wo Quasselkasper Ulf Poschardt mit ein paar Anglizismen die Kraut-Ausgabe der Vanity Fair als großes Pop-Projekt verkaufen will. Heute ist die JVA Bohemia ausgeweitet auf das privilegierte Prekariat. Man wird davon gezwungenermaßen Zeuge, wenn man in Kreuzberger Cafés seine Zeitung liest und am Nachbartisch unbezahlte Filmprojekte geschmiedet werden von Leuten, die mit Arbeitslosenhilfe einen höheren Verdienst hätten. Die Leute mit ihren Projekten gab es vor 1985 zwar auch schon, nur heute sind diese eben keine Teile einer linken Avantgarde mehr, sondern die reguläre Karriereplanung des deutschen Arbeitsdrohnennachwuchses im sich ausweitenden kulturellen Sektor. Das Denken hat sich zusammen mit den veränderten Zuständen auch verändert: durch Bafög-Begrenzung, Studiengebühren und gestraffte Studiengänge wurde der Lebensraum des Langzeitstudenten eingeebnet. Gleichzeitig darf man sich heutzutage von jüngeren Studenten fragen lassen, wann man denn endlich dem deutschen Arbeitsmarkt zur Verfügung stünde. Dagegen wirkt Diedrichsens Buch wie ein Raumschiff aus einem anderen Planetensystem: “…denn Bohemia hat für jeden ein warmes Plätzchen und eine völlig unproduktive Scheintätigkeit anzubieten, die dem Ausführenden das Gefühl verkauft, so etwas ähnliches wie ein Künstler zu sein. Mehr ist an Sozialhygiene als diese winzige kleine Rechtfertigung, als das urdeutsche Gefühl, sein Bier mit Recht zu trinken, mit Recht zu schwadronieren…” Das reicht heute nicht mehr zur Ich-Stabilisierung und zum Selbstbetrug. Die Nische Bohemia hat ausgedient, heute betreiben die Subjekte den Terror der Sozialhygiene selbst – angetrieben vom Hass auf den Abweichenden, vom Neid auf den Nachbarn, er könne sein Auskommen eventuell ohne Arbeit bestreiten, wo man selbst sich doch abplagt. Dieses Ekelklientel kommt bei Diederichsen nicht vor. Wie auch – hatten diese Spacken damals auch nichts zu melden.

Das Buch hat 181 Seiten, das Vorwort von 2002 34 Seiten. Das Vorwort – in dem Diedrichsen den Enstehungsprozess des Buchs nochmal aufrollt und es im übrigen sehr kritisch würdigt – fand ich fast aufschlußreicher als das eigentlich Buch, das zwischendurch einige Hängepartien aufweist. Dafür entschädigen andere Passagen aber, denn sprachlich ist das Buch ganz hervorragendes Material.

Diederichsen, Diedrich (2002): Sexbeat. Neuausgabe. Köln: Kiepenheuer & Witsch

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