Das Schuhwerk der Alt-Autonomen

Bis heute sieht man sie: alte Herren, teilweise muss die Frisur noch nicht einmal ganz verwuschelt sein, aber direkt darunter geht es los: abgewetzte Lederjacke (wieviel Klischee geht noch?), die obligatorischen Bundeswehrhosen und darunter Springerstiefel. Erst letztens hatte ich die Möglichkeit ein inzwischen relativ rar gewordenes Exemplar dieser Spezies in freier Wildbahn (Kneipe) bewundern zu dürfen.
Diese Schuhe! Nicht etwa Doc Martens, wie sie bei den sehr stilbewußten Szenen der Skinheads und Punks üblich sind, sondern dicke, klobige, deutsche Fallschirmspringerschuhe. Von Design ist hier kaum zu sprechen, diese Dinge sind der Ausdruck purer Funktionalität. Während die US-amerikanische Variante wenigstens glattes Leder verfügt und ansatzweise Doc Martens ähnelt, ist die deutsche Variante der Inbegriff von Häßlichkeit. Die aufgesetzten Ösen aus Metall etwa wirken, als hätte sie noch der alte Fritz persönlich eingeführt und wahrscheinlich war das Modell auch in Stalingrad dabei. Vor allem aber wirft das Leder Falten, welche teilweise die Tiefe von Vulkankrater besitzen. Die Schuhe sehen dadurch nach einiger Zeit automatisch so aus, als sei eine komplette Elefantenhorde darüber getrampelt. Am Körper selbst wirken sie wie an die Füße geklebte Ziegelsteine.

Wer damit herumläuft, begeht ein ästhetisches Verbrechen gegen die Minimalstandards des guten Geschmacks. Nur in die Jahre gekommene Herren, die mit dem Begriff “Sneakers” eine nußhaltige Süßspeise verbinden, haben ihre Freude an diesem Schuwerk. Aus den 1980er Jahren ist soviel Bewußtsein übrig geblieben, dass man – wenigstens kleidungstechnisch – jederzeit für den Endkampf um Berlin bzw. Kreuzberg gerüstet ist. Auch wenn nur eine Vortragsveranstaltung in einer Kneipe besucht wird. Was tragen eigentlich die übriggebliebenen Frauen dieser Szene?

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