Der Antisemit und sein Verleger: Muslimgauze und Staalplaat

Eigentlich hätte ich mir am 31.1. im Rahmen des Club Transmediale gerne Nettle angesehen. Die Freude darauf verging sehr schnell, da an diesem Abend Muslimgauze aufgeführt wird.

Trio A – Raed Yassin, Mazen Kerbaj, Sharif Sehnaoui (LB) / Nettle – DJ/Rupture, Abdel Hak, Jen Jones (INT) & video by Daniel Perlin (US) / “Turkish Berlina” – Tarek Atoui & Staalplaatsoundsystem do Muslimgauze (LB/NL)

Zum Hintergrund: Wenn jemand für sich beanspruchen kann Industrial und arabische Perkussionen mit Antisemitismus verbunden zu haben – dann mit Sicherheit Muslimgauze. Selbst britischer Staatsbürger, weigerte er sich Zeit seines Lebens den Nahen Osten zu bereisen, denn er wollte kein besetztes Land betreten (wohlgemerkt – nicht nur Israel). Er war weder Muslim noch hatte er je Kontakte zu Arabern. Sein fanatischer Hass auf den Zionismus spiegelte sich in Liedtiteln (“Speaking with Hamas”), Artwork von Platten (Fotos von Graffiti mit antizionistischen und antijüdischen Parolen) und in seinen Aussagen in Interviews wieder. Seine Bewunderung galt etwa dem Iran nach 1979, Arafat hielt er nach den Friedensverhandlungen für einen Verräter an der arabischen Sache. Nun waren dies nicht irgendwelche Randaspekte von Jones Schaffen, sondern dessen zentraler Kern. Seine Identität bezog er über seine obskure pro-islamistische, pan-arabische Ideologie.
Dazu passte auch wunderbar sein kitischiges Ethno-Geklöppel, das er zusätzlich anti-modern mystifizierte: er benutzte keine Computer und Sequenzer sondern nur Tonbandgeräte. Das übliche Prinzip: bestimmte Aspekte der Moderne werden von Islamfaschisten willkürlich gut geheissen, andere als “dekadent” verdammt.

Das musikalische Wirken von Bryn Jones begann 1983 und endete aber nicht mit seinem Tod 1999. Bis heute gibt es massiv viele Re-Releases und Bootlegs von seinen Platten, knapp die Hälfte seiner 181 Releases erschien nach seinem Tod.
Einer der Hauptakteure bei der posthumen Vollendung von Jones Lebenswerk ist das deutsch-holländische Label Staalplaat, dem ein Großteil der Veröffentlichung von Muslimgauze bis heute zu verdanken ist. Dabei wird dessen unappetitliches Treiben nicht verdrängt; ideologisch liegt man auf der gleichen Linie. So unterstützte man zum Libanonkrieg im August 2006 eine Initiative von Musikern, die den “Spirit auf Beirut” im Netz übertragen wollte, um so eine Plattform gegen “Israel’s ongoing aggression on Lebanon” zu schaffen. Kein Wort vom Bombenhagel in Haifa, kein Wort vom Vernichtungswillen Nasrallahs. Auch wenn nicht so offensiv wie von Jones Stellung bezogen wird, ist man sich in der Sache doch einig: Israel hält man für das eigentliche Problem.

Jetzt eben der neueste Streich zur Transmediale: Muslimgauzes Werk – da er ja selbst nicht mehr auftreten kann – wird von den Verlegern selbst aufgeführt. Was das ganze mit “turkish” zu tun hat und ob die Türkei in die pan-arabischen Sache eingebunden werden soll bleibt mysteriös. Nun ist Leichenfledderei in der populären Musik nichts neues – tausende billige Bands covern die Doors oder auch noch lebende Bands. Dass aber Jones hier in den Rang eines bedeutenden Künstlers gehoben werden soll, ist reichlich fragwürdig. Aber das Label Staalplaat, dass limitierte Tonträger für 50 Euro das Stück von Muslimgauze herausgibt, scheint gut an dessen Mythos zu verdienen.

Alles in allem ist es skandalös, dass das Label Staalplaat ungestört die antisemitische Propaganda von Muslimgauze verbreitet. Es ist ebenso skandalös, dass es dafür auch noch im Rahmen der Transmediale ein Forum geboten bekommt.

Weiterlesen:
Christoph Fringeli – Anti-Semitism form Beyond the Grave. Muslimgauze´s Jihad. In: Datacide#9. Datacide

Wikipedia.de Muslimgauze

Nachtrag 31.1.2007: In der heutigen Ausgabe der Jungle World schreibt Markus Ströhlein in “Die
Tanzguerilla”
über die Transmediale im allgemeinen und den Abend mit Staalplaat und Muslimgauze im besonderen. Er entlockt dem Veranstalter ein Statement über den Abend, wonach die Transmediale nichts mit den Ansichten von Muslimgauze zu tun hätte und es nur um die Musik ginge. Aha.

2 thoughts on “Der Antisemit und sein Verleger: Muslimgauze und Staalplaat

  1. Man kann auch bestimmt an unkoscherem Essen eine gewisse Art von Antisemitismus vermuten…

  2. Krampfhaft zu versuchen Muslimgauze’s Werk auf eine politische bzw. weltanschauliche Dimension zu reduzieren ist natürlich eine Möglichkeit … aber dann kann man sich auch so einen Text sparen, denn so wird man weder dem musikalischen Werk gerecht ( die relevanten Textstellen, die sich mit der Musik selbst zu beschäftigen meinen, zeugen nicht gerade von großem musikalischen Interesse oder Verständnis), noch schafft der Kommentar irgendeinen inhaltlichen Mehrwert ( die formulierte Kritik drängt sich ja förmlich auf, ganz von selbst und ungefragt). Ich frage mich auch, ob viele Menschen sich von seiner Musik dazu inspiriert sahen anti-Zionisten zu werden.

Leave a Reply

Your email address will not be published.