Die nationale Rudi-Show

In Berlin soll ein Teil der Kochstraße in Kreuzberg in Rudi-Dutschke-Straße umbenannt werden. PDS und Grüne im Bezirksparlament stimmten 2005 für die Umbenennung; die CDU hat jetzt einen Bürgerentscheid dagegen einberufen. Wer seinen Wohnsitz in Friedrichshain-Kreuzberg hat und stimmberechtigt ist, in dessen Briefkasten lag in letzter Zeit eine Abstimmungsbenachrichtung.
Und schon läuft die Propaganda-Maschine dagegen: die TAZ hat eine eigene Sonderseite für die Dutschke-Straße eingerichtet TAZ – Dutschke
Straße Spezialseiten
und der Wursthaarmob der “Bergpartei”, ansonsten verkauft dieser sein Treiben als “Humor”, veranstaltet Parties für Dutschke. Bei so viel linker Gemütlichkeit sollte man hellhörig werden und etwas genauer nachfragen.

Gerade die Beschäftigung mit den politischen Ideen Dutschkes fördert einiges an dubiosem Gedankengut zu Tage. Die Weltsicht Dutschkes lässt sich an seinem Verhältnis zur deutschen Wiedervereinigung und zum “US-Imperialismus” aufzeigen. Dabei wetterte er gegen “Amerikanisierung und Russifizierung”, die die “geschichtliche und nationale Identität” der Deutschen bereits aufgelöst hätten. So polemisierte er in der Zeitschrift avanti 1977/78 unter dem Titel “Wer hat Angst vor der Wiedervereinigung?”.
Konkrete Pläne zur Überwindung dieses Zustandes hatte er auch: Berlin sollte zur Rätedemokratie umgestaltet werden und als Brückenkopf dienen für den Kampf für ein wiedervereinigtes, sozialistisches Deutschland ohne “Fremdherrschaft”. Das “Selbstbestimmungsrecht der „deutschen Nation“ sozialistisch zu konkretisieren” (1974 in Konkret im Aufsatz “Pro Patria Sozi?”) sah er als Aufgabe. Er war sich sicher, dass es sich bei beiden deutschen Staaten nur um vorübergehende Erscheinungen handeln würde und es letztlich nur eine deutsche Nation gäbe. Denn schließlich würden Staaten ja nicht unbedingt die darin lebenden Völker repräsentieren. Wolfgang Kraushaar
– Rudi Dutschke und die Wiedervereinigung
In diesem Denken in Volkskollektiven lag sein Einsatz gegen die USA begründet – schließlich würden die Vereinigten Staaten die Völker brutal unterdrücken.

Man kann Dutschke ohne Probleme bescheinigen Basisarbeit für die Theorie des Linksnationalismus in Deutschland geleistet zu haben. Zum Glück wurde aus seinen Bemühungen nichts, da die Neue Linke zu zersplittert war und er als einflußreiche Persönlichkeit nach dem Attentat ausgedient hatte. Nun ist ein Dutschke unteilbar – ein Früh- und Spätwerk gibt es nicht, die Begeisterung für die nationale Frage der Deutschen ist kein Zeichen von Alterssenilität bzw. Schädigungen durch das Attentat. Schon 1961 engagierte er sich gegen den Bau der Berliner Mauer – mit einem Seil und entschlossenen Mitstreitern wollte er die Mauer zum Einsturz bringen. Ein deutsche Don Quijote?
Wenn Ex-APO-Leute und heutige Rechtsradikale wie Bernd Rabehl sich positiv auf Dutschke beziehen, so “instrumentalisieren” sie ihn nicht, wie Martin Jander in der TAZ meint TAZ – Fortschreitender
Realitätsverlust
, sondern beziehen sich auf zentrale Aspekte von seinem politischen Denken.
Dutschke – ein strammer deutscher Nationalist. Aus der Feder des stellvertretenden TAZ-Chefredakteurs Peter Unfried ließt sich dieser Fakt so an: “Dutschke hat als außerparlamentarischer Politiker und Motor einer Bürgerbewegung maßgeblichen Anteil daran, dass ab Mitte der Sechzigerjahre die Verkrustungen im Nachkriegswestdeutschland aufgebrochen wurden, die Verdrängung des Nationalsozialismus und das weltpolitische Desaster des US-amerikanischen Vietnamfeldzugs thematisiert wurde.” TAZ – Nein
für Dutschke

Bis heute leuchten die Augen der Fans aufgrund der Heldentaten des Tausendsassas Dutschke. Nicht nur die deutsche Geschichte aufgearbeitet und entsorgt, sondern gleich auch noch den Amis eins ausgewischt, da freut sich der linke Deutsche ganz doll.

Ein zweiter Punkt, der weniger mit der Person Dutschkes als mit symbolischen Praktiken der Linken zu tun hat, ist mir aufgefallen. Ivo Bozic schreibt in seiner KolumneIvo
Bozic – Straßen sind Schall und Rauch
, dass der Name Dutschke zum stellvertretenden Symbol geworden wäre. Würde man von der Person Dutschke, damit meint Bozic vor allem das späte Wirken als Realpolitiker in der Bremer Alternativen Liste, abstrahieren, dann stünde der Name einfach “symbolhaft für den Aufbruch der 68er Bewegung”. Nein, das Argument stimmt an keiner Stelle, dann könnte man gleich eine “Straße des Aufbruchs von 1968” einfordern – wozu bräuchte man einen Stellvertreter, um den es eigentlich gar nicht geht?
Ich sehe im Wirken der antiautoritären Linken einen gewissen Widerspruch darin, sich einerseits selbst als “antiautoritär” zu klassifizieren, nur um dann Autoritäten als Repräsentanten der Bewegung aufzubauen. Mit dieser Ehrung vermeintlicher “großer Persönlichkeiten” steht man in einer Tradition schlechter Erinnerungskultur. Wäre diese Linke wirklich gegen Autoritäten eingestellt, würde sie sicher keine Heldenverkultung postmortem betreiben. “No more heroes” – das wäre eine Minimalforderung, würde man es mit der Überwindung der falschen Verhältnisse Ernst meinen.
Der eigenen Lebenslaufs dient der 68er Linken zum Verweis auf ihren Machtanspruch. Man sitzt in halbwegs einflußreichen Positionen und möchte die eigene Version der Geschichte ins Stadtbild verankern. Damals die “Enteignet Springer”-Kampagne, heute die Straße am Spinger-Hochhaus umbenennen. Es findet dabei die Historisierung einer Bewegung statt, deren Mission es war im Museum zu landen oder für die Beschriftung von Straßenschildern zu dienen.

Leave a Reply

Your email address will not be published.