Requiem für einen Untertitel

Er ist weg – der vermutlich schönste Slogan, mit dem eine Zeitschrift sich jemals selbst bewarb. “Zeitschrift gegen die Realität.” prangte bisher groß auf dem Titelblatt der Phase2, gleich unter dem Namen. Zumindest bis zur letzten Ausgabe, die ich mir noch gekauft hatte, die Nr.20. Bei der aktuellen Ausgabe fehlt dieser Satz nun, eine leere Stelle findet sich an seinem ehemaligen Platz. Ein Unikum der Phase2 war bisher, dass sie über einen weiteren Untertitel verfügte: “Magazin für die linksradikale Bewegung” (ohne Punkt), der klein über dem Titel stand bzw. bis heute noch dort steht. Er hat überlebt und den Wettstreit um die Präsentation auf dem Titelblatt gewonnen.
Das ist umso tragischer, als dass man den Eindruck gewinnen konnte, dass 2 Seelen in der Brust der Phase2 wohnen würden. Auf der einen Seite der sympathische Anspruch, der falschen Gesellschaft im falschen Leben die schonungslose Kritik vorzuhalten; eben genau jenes Konstrukt der Realität anzugreifen, welches von Menschen errichtet wurde doch deren Unterjochung festschreibt und sich unabänderlich und ewig wähnt. Dieses Projekt, dass die Prämissen der Kritischen Theorie reflektierte, nämlich negativ zu bleiben, wurde nun aufgegeben. Stattdessen hat sich der zweite Anspruch durchgesetzt: ein Vereinsblatt deutscher Gemütlichkeit sein zu wollen. Um unbedarfte Gemüter zu schockieren, mag das Berufen auf eine “linksradikale Bewegung” seine Nützlichkeit besitzen. Das entgeisterte Gesicht des Freundes einer Ex-Mitbewohnerin, wegen einer Phase2, die ich auf dem Küchentisch hatte liegen lassen, erfreut mich bis heute. Es stellte sich daraufhin heraus, dass er in einer Burschenschaft war.
Ansonsten lässt der Titel nur die unappetitliche Assoziation mit Leuten zu, die Publikationen wie die “radi” oder die “indderrrim” lesen und für ansprechende Lektüre und nicht für bloße Papierverschwendung halten. Mir san mir – die selbsternannten Linksradikalen. Blockieren und stören, gegen Imperialismus, Atomstrom und Juden zu sein – das sind die Erkennungsmerkmale jenes Überrestes der linksradikalen Meute in Deutschland. Dafür möchte man ein “Magazin” sein? Wo soll diese “linksradikale Bewegung” sein und wer möchte sich freiwillig zu solch einer abgeschmackten Phrase bekennen? Oder die von der Phase2 anvisierte “linksradikale Bewegung” existiert bisher noch nicht und muss sich erst noch konstituieren. Nur dann bleibt zu hoffen, dass diese sich unter dem Banner der allgemeinen Emanzipation sammelt, und nicht mit dem “linksradikal” eine neue Identität für ein paar tausend unzufriedene Jugendliche stricken möchte. Und zu deren Errichtung wäre ein “Zeitschrift gegen die Realität.” allemal der bessere Slogan.

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