Holiday in Afghanistan

Ehrlich gesagt, fand ich den Skandal zu den Fotos der Bundeswehr völlig überzogen. Daraus eine Parallele zum Nationalsozialismus ableiten zu wollen, wie von einigen getan, finde ich ebenso ziemlich fragwürdig.

Eher im Gegenteil – der deutsche Minderwertigkeitskomplex drückt sich darin aus, dass alle anderen Länder ihre Skandale mit den eigenen Truppen hatten, nur die Deutschen nicht.

Der Skandal folgt dem eingespielten Mechanismus von Medien und Öffentlichkeit (um der Einfachheit halber in diesem Analyserahmen zu bleiben). Getrieben vom Sensationsbedürfnis müssen “neue, schockierende, sensationelle” Fotos her, um sich dann natürlich direkt davon empört zu distanzieren, denn “wie konnten die nur”. Dabei ergötzt man sich selbst an der Darbietung der medialen Inszenierung. Man muss hier weder Medien- noch Psychologieexperte sein, um diese billige Doppelmoral zu erkennen.

Ein Foto mit einem Totenschädel als Kulisse mag zwar geschmacklos sein, eine Schändung oder irgendetwas extrem verwerfliches kann ich hier nicht entdecken. Auch in Phnom Phen können die Totenschädel von Opfern der “Killing Fields” abfotografiert werden, ohne dass dies als Störung der Totenruhe interpretiert würde; dort sind 8000 aufgebahrte Totenschädel Teil der Gedenkstättenkonzeption. Hinterher kann man von dort aus direkt weiter und für einen Dollar pro Schuss mit einer AK-47 aus den Restbeständen der Roten Khmer schiessen: http://www.ded.de/cipp/ded/custom/pub/content,lang,1/oid,3116/ticket,g_u_e_s_t/~/Auf_den_Killing_Fields.html

Eine Empörung, es habe “offenbar regelrechten Tourismus” von deutschen Soldaten zum afghanischen Gräberfeld gegeben (http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,,OID6032964_REF1,00.html ), kann ich im Vergleich dazu nicht teilen. Es wird sich wirklich um Tourismus gehandelt haben, nur zeichnet sich das Phänomen “Dark Tourism” nicht dadurch aus, dass seine Motive besonders edle sind, wie allgemein die Sphären Tourismus und Moral wenig miteinander zu tun haben. So kommt die Forschung zu Tourismus an “Stätten von Greueltaten” zum Ergebnis, dass es illusorisch ist anzunehmen, hier würde durch die Aura des Ortes eine Läuterung der Besucher stattfinden (vgl. Ashworth/ Hartmann (2005.): Horror and Human Tragedy Revisited. Cognizant Communication Corporation, S.261). Es handelt sich primär um eine touristische Stätte und die Gründe des Besuchs sind u.a. Unterhaltungswert und Sensationsbedürfnis – wie eben auch im Fall in Afghanistan.

Wirklich bedenklich fand ich an der Sache folgendes: Niemand ist bisher auf den Gedanken gekommen, dass die Gebeine der Toten irgendwoher stammen müssen. Es hiess unbestätigt “aus einem Massengrab, aus Zeiten des Afghanistankrieges”
http://www.tagesschau.de/aktuell/meldungen/0,1185,OID6038830,00.htm
Massengräber sind in der Regel Begräbnisstätten für gewaltsam zu Tode gekommene Menschen, woran sich die Frage anschließt: wie kam das Massengrab zustande, wer hat die dort Bestatteten umgebracht?

Das Folgende bleibt (solange die Herkunft der Gebeine ungeklärt ist) Spekulation,ist womöglich aber nicht zu weit hergeholt: es wäre mehr als zynisch, wenn heute die Taliban Rache für die Totenschändung schwören, aber womöglich selbst die Toten auf dem Gewissen haben. Es kann sich um gefallene sowjetische Soldaten handeln (so zumindest eine Vermutung auf tageschau.de). In diesem Fall wäre es nicht nur die begangene Tat, man würde aus dem Mord noch politisches Kapital geschlagen, indem hier anderen die Störung der Totenruhe der Opfer zur Last gelegt wird.

Wie auch immer, die Ermordung von Menschen ist sicherlich weitaus schlimmer, als ihre Gebeine auf Fotos abzulichten und damit kann ich die momentane Aufregung nicht teilen.

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