Re-Lektüre von Peter Bürger: “Theorie der Avantgarde”

Anhand meiner Notizen an den Seitenrändern und Unterstreichungen mit Ausrufezeichen, kann ich noch ungefähr rekonstruieren, wie ich damals das Buch interpretiert haben muss. Bürger schreibt: “… dass die Kunst längst in eine postavantgardistische Phase eingetreten ist” (S.78). Anfang des 20. Jahrhunderts “echte” Avantgarde mit Dada et al., danach allenfalls Neoavantgarden auf der einen, sowie Unterhaltungsliteratur mit Warencharakter, mit der “falschen Aufhebung der autonomen Kunst” (S.73).

Dunno. Aus heutiger Sicht (meiner und dem Stand der Dinge) fraglich, ob je die Kunst so avantgardistisch war oder man nicht den Narrativ “Dada! Avantgarde! Wichtig!” so lange erzählt hat, bis es alle für bare Münze nahmen. Wichtig für wen? Kunsthistoriker und Personen des Betriebs. In etwa wie Presseerklärungen von Investments-Fonds.
Ich zweifle, ob man wirklich heute noch das “autonome Kunstwerk” so hochhalten sollte. Das vorliegende Buch ist ja nun auch schon etwas älter (1974). Insofern ist ein Zugriff auf das Buch eine Untersuchung der damaligen Gesellschaftsformation, ihrer Wünsche und Möglichkeiten.

Was nutzt das heute, wo das Feuilleton in der Zeitung noch mit Mühe versucht einen Kannon aufzustellen, in den Comics zu Graphic Novels geadelt werden und auch Fernsehserien oder Blockbuster-Computerspiele wie GTA V als “ganz wichtig” gelten. Nichts dagegen einzuwenden, nur zerfällt auch diese Welt gerade, das Feuilleton in der Zeitung nimmt niemand mehr ernst. Hier wird nur versucht die Deutungshoheit zu retten, es wird versucht so etwas wie einen bürgerlichen Begriff von Moral zu prägen. Hier gut, dort schlecht. Das mag dem Orientierungssinn des Publikums dienen wollen, aber benötige ich eine Kolumne, um mir eine Ware auszusuchen? Kundenrezensionen bei Amazon sowie der automatisierte Cross-Selling-Algorihtmus dort übernehmen diese Rolle. Es bleibt nur noch die Illusion, man hätte das Buch selbst ausgesucht. Du hast vielleicht auf den “Jetzt kaufen”-Button gedrückt, davor war alles vorhersagbar, wenn schon Amazon Bücher vor dem eigentlichen Bestellvorgang verkaufen will. So geht Kulturindustrie heute, davor bräuchte ich eine Theorie abseits von den furchtbaren Auslassungen Intellektueller – im oben erwähnten Feuilleton.

Zurück zum Text: Peter Bürger fragt nach Kunst, aber wenig nach den Produktionsbedingungen der Künstler. Unter welchen Bedingungen arbeiten diese? Ist ja schön, dass das “autonome Kunstwerk” dem Rezipienten eine Reflexion ermöglicht, im Endeffekt betreibt Peter Bürger hier eine Werkästhetik, die die eingesetzten Techniken beschreibt.
Das Buch weist sehr viele weiterführende Gedanken auf und gilt ja zu Recht als ein Klassiker in der Kunsttheorie, aber vielleicht möchte ich eher Cola trinken, und mir wird hier Tee vorgesetzt.