“Was macht dich heute stolz deutsch zu sein?”

Das jedenfalls fragt Google in einer Kampagne zum Thema 25 Jahre nach Mauerfall. Man will irgendwas mit Deutschland und Jugend machen.
Ich weiß nicht, ob Google Deutschland das Personal der Alternative für Deutschland übernommen hat. Ebensowenig, ob nicht einfach ein bedauerlicher Betriebsunfall stattfand und die ahnungslos Praktikantin Sätze herausschmetterte, die davor nur auf T-Shirts beim Deutschen Fest in Jena zu hören waren. Mir fällt dazu jedenfalls nur “fassungslos” über soviel politisches Unverständnis ein.

Quelle: https://deutschland25.withgoogle.com/de_DE/protagonist/tabea

Stichwort Mannheim, Xavier Naidoo

Vermutlich qualifiziert mich mein Status als Ex-Mannheimer zum Experten in dieser Angelegenheit, genau wie Xavier Naidoo seine Fähigkeit ein Mikrofon richtig herum zu halten zum Beauftragten in Weltanschauungsfragen befähigt. Wenn mich an dem aktuellen Skandälchen etwas stört, dann die völlig fehlende Frage, warum ausgerechnet von Musikern politische Meinungen, dazu noch die richtigen, erwartet werden. Warum nicht von Bäckern, Bankangestellten oder Taxifahrern? Continue reading

Presseschau, Netz

Ja, da wird erst total Beifall geklatscht zum Urteil bzgl. Löschung von Links aus Google. And now what – wir könnten es auch Zensur nennen. Während dem ansonsten notorisch SEO-freundlichem SPON gerade erst auffällt, dass ein Artikel aus dem Google Index verschwunden ist http://www.spiegel.de/netzwelt/netzpolitik/recht-auf-vergessen-google-entfernt-spiegel-artikel-aus-treffern-a-979255.html, ist man in England einen Schritt weiter und hat die geblockten Links des Guardian wieder freigeschaltet http://www.wired.co.uk/news/archive/2014-07/04/google-reinstates-guardian-links
Scheint nicht so einfach zu sein, wie man sich das vorgestellt hatte mit den Persönlichkeitsrechten. Gleichzeitig hetzen die Leitartikler in der FAZ gegen den vermeintlichen schwarzen Block im Netz http://www.faz.net/aktuell/politik/urteil-zu-anonymitaet-im-internet-runter-mit-der-sturmhaube-13020723.html Wo kämen wir denn da hin, mit der angeblich “grenzlosen Freiheit”.

WG Zimmer in Berlin, 300 Eur für 23qm warm, ab sofort. Alltagserfahrungen im WG Casting Berlin

Nein, das ist keine Wohnungsanzeige. Eher das Kratzen eines Stichs. Nämlich wie sich die Suche nach einer neuen Mitbewohnerin oder einem neuen Mitbewohner anfühlt, in Berlin im Jahr 2014 anno domini.

Was bisher geschah: Die Nachfrage nach Wohnraum hat in den letzten Jahren zunehmend angezogen. Berlin wird voller und der Hype um die Stadt hat den Nachteil, dass extrem viele Menschen eine Unterkunft benötigen. Und das ist inwzwischen sehr deutlich spürbar. Als Wohnender bekommt man das selbst gar nicht so schnell mit. Okay, Blogs, Zeitungen, das “was die Leute so reden”. Aber man selbst begibt sich nur alle Jahre auf den Wohnungsmarkt. Continue reading

Sascha Lobo “Rede zur Lage der Nation” republica #rp14 recap

Mit offenem Mund die Rede von Sascha Lobo zur #rp14 begutachtet, nachträglich und via youtube.

Ich selbst war vor 5 Jahren als Redner auf der re:publica, hatte dann aber irgendwann kein Interesse mehr an den dort verhandelten Themen. Und wenn ich mir die “Rede zur Lage der Nation” ansehe, weiß ich mit einem Schlag wieder warum. Ich bin fassungslos über diese Selbstgerechtigkeit, mit der sich dort ein voller Saal auf der Seite der Guten wähnt und die üblichen Plattheiten abfeiert. Eine weitere Runde des Schauspiels “Deutschland empört sich über die NSA”. Continue reading

Racial Profiling, andersrum

Beim Durchqueren des Görlitzer Parks sprechen die Grüppchen von Verkäufern (politisch korrekt-Sprech: “Personen, die ich als “männlich” und “schwarz” identifizieren würde. Im Duktus der Redaktion Bahamas: Neger) nicht die Mutti mit Kinderwagen vor mir an, sondern ich bekomme das “Hello my friend, how are you? Alles gut?” ab. Nichts gegen Kaltakquise potentieller Kundinnen und Kunden, aber wenn in Zeitungen über Diskriminierung geschrieben wird – hier passiert derselbe Mechanismus. Es werden bestimmte soziodemographische Merkmale erfasst und daraus Hypothesen gebildet. Blitzschnell ist der Rückschluß für die eigene Handlung gezogen: potentieller Käufer, ansprechen. Nur bedeutet das ebenso: Vorurteil. Man weiß ja nichts über mich, evtl. bin ich abstinent o.ä. Im Unterschied zu einer Personenkontrolle entstehen mir hier keine Nachteile und in das Lied der weißen Minderheit, die nun angeblich bedroht ist und ja genau so leidet, werde ich sicher nicht einstimmen weil es schlicht und ergreifend falsch ist. Eine Person handelt nach ihren Vorurteilen, das ist schon schlimm genug.

Kurzschluß mit einem anderen Gedanken: Menschen diskriminieren, Algorithmen nicht. Gegen die Aufzeichnung von Daten wird immer viel eingewandt, nur wird völlig vergessen: es sind Menschen, die z.B. das Amt eines Polizisten bekleiden, die falsche und diskriminierende Rückschlüsse ziehen. Und es ist schwer, hier eine Systematik zu erkennen. Vielleicht ist es ja nur ein Polizist unter vielen, der diskriminiert. Vielleicht ist die eine Kontrolle nur eine Ausnahme. Oder es gab andere Anhaltspunkte für eine Personenkontrolle, die nicht in der Hautfarbe des Beschuldigten lagen. Ein Algorithmus dagegen diskriminiert nicht. Weil es politisch nicht durchsetzbar wäre und der Protest dagegen immens wäre.

Re-Lektüre von Peter Bürger: “Theorie der Avantgarde”

Anhand meiner Notizen an den Seitenrändern und Unterstreichungen mit Ausrufezeichen, kann ich noch ungefähr rekonstruieren, wie ich damals das Buch interpretiert haben muss. Bürger schreibt: “… dass die Kunst längst in eine postavantgardistische Phase eingetreten ist” (S.78). Anfang des 20. Jahrhunderts “echte” Avantgarde mit Dada et al., danach allenfalls Neoavantgarden auf der einen, sowie Unterhaltungsliteratur mit Warencharakter, mit der “falschen Aufhebung der autonomen Kunst” (S.73).

Dunno. Aus heutiger Sicht (meiner und dem Stand der Dinge) fraglich, ob je die Kunst so avantgardistisch war oder man nicht den Narrativ “Dada! Avantgarde! Wichtig!” so lange erzählt hat, bis es alle für bare Münze nahmen. Wichtig für wen? Kunsthistoriker und Personen des Betriebs. In etwa wie Presseerklärungen von Investments-Fonds.
Ich zweifle, ob man wirklich heute noch das “autonome Kunstwerk” so hochhalten sollte. Das vorliegende Buch ist ja nun auch schon etwas älter (1974). Insofern ist ein Zugriff auf das Buch eine Untersuchung der damaligen Gesellschaftsformation, ihrer Wünsche und Möglichkeiten.

Was nutzt das heute, wo das Feuilleton in der Zeitung noch mit Mühe versucht einen Kannon aufzustellen, in den Comics zu Graphic Novels geadelt werden und auch Fernsehserien oder Blockbuster-Computerspiele wie GTA V als “ganz wichtig” gelten. Nichts dagegen einzuwenden, nur zerfällt auch diese Welt gerade, das Feuilleton in der Zeitung nimmt niemand mehr ernst. Hier wird nur versucht die Deutungshoheit zu retten, es wird versucht so etwas wie einen bürgerlichen Begriff von Moral zu prägen. Hier gut, dort schlecht. Das mag dem Orientierungssinn des Publikums dienen wollen, aber benötige ich eine Kolumne, um mir eine Ware auszusuchen? Kundenrezensionen bei Amazon sowie der automatisierte Cross-Selling-Algorihtmus dort übernehmen diese Rolle. Es bleibt nur noch die Illusion, man hätte das Buch selbst ausgesucht. Du hast vielleicht auf den “Jetzt kaufen”-Button gedrückt, davor war alles vorhersagbar, wenn schon Amazon Bücher vor dem eigentlichen Bestellvorgang verkaufen will. So geht Kulturindustrie heute, davor bräuchte ich eine Theorie abseits von den furchtbaren Auslassungen Intellektueller – im oben erwähnten Feuilleton.

Zurück zum Text: Peter Bürger fragt nach Kunst, aber wenig nach den Produktionsbedingungen der Künstler. Unter welchen Bedingungen arbeiten diese? Ist ja schön, dass das “autonome Kunstwerk” dem Rezipienten eine Reflexion ermöglicht, im Endeffekt betreibt Peter Bürger hier eine Werkästhetik, die die eingesetzten Techniken beschreibt.
Das Buch weist sehr viele weiterführende Gedanken auf und gilt ja zu Recht als ein Klassiker in der Kunsttheorie, aber vielleicht möchte ich eher Cola trinken, und mir wird hier Tee vorgesetzt.

Chinesische Konsularabteilung

Die Halle wirkt wie ein Flughafenterminal in klein. Vor mir wird ein älterer Herr aufgerufen, der auch gleich mit “Ni hao” am Schalter vorstellig wird. Das war´s dann aber auch mit seinem Chinesisch, er fällt in breitesten Erzgebirgesingsang, wo “Bau” ungefähr zu “Bohuahu” gedehnt wird. Was haben denn diese “ohuhs” in der Sprache verloren? Maschinenbauingenieur isser, das passt ja. Er redet mit schnarriger Stimme los und irgendwie habe ich recht schnell eine Vermutung, wohin die Reise führt. Nämlich nicht nach China, sondern zum Kampf gegen die Windmühlen der Bürokratie. Er führt der armen Schalterbeamtin ellenlang seinen Sonderfall aus, wo ich schon nach 2 Minuten sagen kann, dass das nichts wird. Einladungsschreiben hatter nicht. Braucht er eigentlich gar nicht weiterzumachen. Macht er aber. Störrisch und unbeirrt trägt er seine Geschichte vor. Davor war er doch auch schon dort und hat für die Firma gearbeitet, jetzt als Rentner ist er wieder eingeladen worden ohne Einladungsschreiben, also muss das doch alles so gehen, wie er denkt. Er aber seine Geschichte aus mit allem weil und überhaupt. “So ein Holzkopf!” stöhne ich innerlich auf, da ich hier einer Person bei einem extrem sinnlosen Versuch zusehe. Das hier ist nicht die fiese Amtsmaschine aus Kafkas Schloss. China ist zumindest von den Einreisebestimmungen her halbwegs harmlos, wenn man sich an die Regeln hält und die Papiere liefert, die gewünscht werden. Insofern ist das Ganze Farce, nicht Tragödie. Der Wachmann ist aufgeschreckt und kommt mir auf dem Weg nach draußen entgegen.