Firestarter kam nie bis nach Mannheim

Keith Flint von “The Prodigy” ist tot. Ich habe ihn zum ersten Mal live gesehen 1992 oder 1993 im pfälzischen Germersheim. Auf einem Rave auf einer Bundeswehrkaserne. Damals lief gerade “One Love” mit dieser Maya-Pyramiden Animation auf MTV. Und wir waren alle große Fans von Prodigys “Fire”. Die Alben danach sagten mir dann alle nicht mehr so zu. Zu “Jilted Generation” habe ich später Texte geschrieben. Ich war ein Raver Kind und der ganze frühe Kram war genau meins.

Aber meine persönliche Geschichte und Erinnerung heute ist die an “Firestarter”. Ein Freund hatte zu einem Kneipenabend in Mannheim eingeladen. Es war das Jahr 1996. Ich sehe mich noch genau in diese Kellerdisco die Treppe runter gehen. An diesem Abend war Karaoke angesagt. Damals und insbesondere in Mannheim herrschte noch Zucht und Ordnung im Musikbusiness. Die Trennung zwischen “Top 40 der Hitparade” und “Underground” war noch voll intakt. Und genau deswegen ging man eigentlich solchen Kneipen und Abenden aus dem Weg: wegen der gräßlichen Musik.

Die Musikauswahl an diesem Abend war grauenvoll und hatte eine Schlagseite nicht nur zu dem öden Weichspül-Sound der Hitparade, sondern noch schlimmer: Schlager. Ich höre noch genau eine Gruppe Mädels mit Pieps-Stimmen, die komplett am Takt vorbei “Er gehööööööört zu mir” trällerten. Es war fürchterlich.

Der einzig vernünftige Gedanke an der Stelle: Bier. Und zwar viel davon, um diese schreckliche Musik nicht mehr ertragen zu müssen.

Nach einigen Getränken durchforsteten wird die Liste der verfügbaren Lieder für die Karaoke. Und stießen auf Firestarter von “The Prodigy”. Manchmal verirrte sich dann doch ein ganz passabler Song in die Hitparade. Und diesen Text sollten wir selbst im trunkenen Zustand noch hinbekommen. “Firestarter, I´m the Firestarter!”. Das war ja fast ein Schlachtruf, um diesem Abend den Krieg zu erklären. Und es diesen ganzen Schlager-Leuten es sowas von zu zeigen. Voll Punk!

Gar nicht punkig, aber Experte im Sich-Daneben-Benehmen war einer meiner damaligen Begleiter. Immer dafür gut in unangenehme Situationen zu kommen mit seinem absolut fehlenden Gespür für soziale Erwünschtheit. Er wurde im Laufe des Abends immer wilder und wilder als wir saßen und warteten. Und dann fing er an mit beiden Fäusten auf den Tisch zu schlagen, an dem wir mit einer Gruppe Engländer saßen. Als Resultat flog eines der Weizengläser der Engländer krachend auf den Boden.

Und die fanden das gar nicht witzig. Und wurden noch stinkiger, als mein Bekannter auf bockig schaltete und nicht einsehen wollte, das er unseren Tischnachbarn ein neues Bier zahlen sollte. Die Blicke der Engländer wurden immer finsterer und Ärmel wurden langsam hochgerollt. Meinen Bekannten störte das gar nicht, er schaltete einfach auf “ich ignoriere die Gruppe jetzt”. Was nicht funktionierte.

Irgendwann bestellte ein anderer Freund die nächste Runde Bier, um endlich Ruhe zu haben. Und ich muss wohl nicht erwähnen, dass wir niemals zu Firestarter kamen. Die Karaoke-verantwortliche Person merkte, dass wir sturzbetrunken waren und warf uns unauffällig aus der Warteliste. Das fiel mir aber auch erst am nächsten Morgen auf, als der Nebel des Rauschs sich langsam lichtete. Wie auch immer ich nach Hause gekommen war.

Jedenfalls ohne “I´m the Firestarter, twisted Firestarter” auf einer Bühne gegröhlt zu haben. Und ohne von einer Horder betrunkener Engländer vermöbelt worden zu sein.

Rest in Peace, Keith Flint. Die Musik von “The Prodigy” hat mein Leben nachhaltig geprägt und bereichert.

Leave a Reply

Your email address will not be published.