Lords of Chaos Filmkritik- Eine “Coming of age” Story als Black Metal Dramedy

Eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte. Und Lords of Chaos erzählt eine gute Geschichte. Ähnlich wie in Truman Capotes “In Cold Blood” wird hier ein realer Mord aufgearbeitet. Der Film bereits im Rahmen von Veranstaltungen des Fantasy Filmfest und läuft aktuell, Februar 2019, in den deutschen Kinos an. Großflächig geht anders, in meiner Stadt gab es ganze zwei Vorführungen. Immerhin.

Spoiler: Im Film geht es um die Geschichte der Band Mayhem, die die Pioniere des “True Norwegian Black Metal” waren. Der Sänger bringt sich um, der Gitarrist und Kopf hinter der Band wird 1993 vom Bassisten ermordet.

“Lords of Chaos” zeigt einen Überbietungsewettbewerb in Radikalisierung. Es sind die Basisprinzipien der Marktwirtschaft, die hier zum Tragen kommen. Ende der 1990er war Metal ausdifferenziert mit diversen Sub-Sub-Genres. Und hatte eigentlich seinen Zenit überschritten, denn der ganze bahnbrechende Scheiß passierte Mitte der 1980er Jahre. Was macht man da, wenn man in einem kleinen Land am Rande der Peripherie lebt? Weiter Ausdifferenzieren. Auf Venom nochmal einen drauf setzen und noch bösartiger sein. Oder es vorgeben.

Black Metal funktioniert nicht viel anders als Rap. Bushido würde man kaum die Musik abkaufen, wenn er nur über das high rolling life des Gangster singen würde. Die arabische Clanfamilie als Street Credibility hilft da ungemein. Ähnlich Mayhem: irgendwelche Yokels vom Dorf, die Heavy Metal machen, hatten und haben es schwer im Aufmerksamkeitszirkus. Authentizität ist das Ding und nur junge Leichen schaffen es zu Unsterblichkeit im Musikbusiness. So bleibt die Jugend und der Wunderkind-Glaube auf ewig eingefroren. Der Mythos verblasst, wenn man erstmal einige nicht so dolle Alben rausgebracht hat.

Der Film ist unterhaltsam: Dramedy mit Schlag zur Comedy Seite. Tiefgängig, anstrengend oder fordernd wird es nie. Deutlich schwerer war ein anderer Film, der Black Metal in Island als Thema hatte und der vor ein paar Jahren auf dem Fantasy Filmfest lief: Metalhead von Ragnar Bragason aus dem Jahr 2013. 

Chronologisch werden die Ereignisse erzählt anhand des Schemas “Jugendliche gründen eine Band and it all ends in Chaos”.

Und das stößt mir dann doch an einigen Stellen sauer auf. Ein homophober Mord an einem Schwulen im Park? Ja, passierte eben so, wenn Jugendliche in Norwegen so richtig rocken. Was Black Metaller halt so tun – Schwuchteln abstechen. Schulterzuck und weiter.

Ebenso wird ausgespart, dass der Rechtsterrorist Kristian “Varg” Vikernes am Ende dann keine Kirche sondern ein linkes Zentrum in die Luft jagen wollte. Das hat mit Satanismus dann eher wenig zu tun und wird  ausgeblendet.

Vor ein paar Jahren hätte ich mich über diese Art der Darstellung protestiert. Heute sehe ich das anders. Leute gehen nicht in den Film, um die Wurzeln des NSBM abzukulten. Sondern eine Geschichte der frühen 90er Jahre zu sehen, wo Menschen in weinroten Golf IIs und Volvos herumfahren.

Und filmisch funktioniert das sehr gut. Rory Culkin als Euronymous erzeugt eine charismatische Präsenz. Und die Szenen brennender Kirchen mit herabfallendem Gebälk und Raben im Vordergrund – das sind großartige Bilder.

Was ich dem Film zugute halte: er betreibt keinen Heldenkult. Gerade Varg bekommt etliche Szenen, die Spinal Tap Niveau erreichen. Es bleibt den Reportern im Film überlassen ihn darauf hinzuweisen, dass seine zusammengerührten Ideologien nicht so recht zusammen passen. Er ist ein Einfaltspinsel vom Land, der sich beweisen möchte. Und wie üblich kommt von rechtsradikalen Messerstechern genau die Art von Rechtfertigung: Man habe ja nur vorauseilend die bösen Absichten des Gegenübers durchkreuzen wollen”. Böse Absichten haben immer nur die Anderen.

Und wer erwartet hier 2 Stunden lang mit Black Metal durchgepustet zu werden, liegt leider auch falsch. Black Metal läuft nur am Rande, wichtige Szenen sind mit Synthesizer Sounds untermalt. Und in einer Szene in der unheiligen Gruft unter dem Plattenladen läuft ein Stück vom ersten Cathedral Album.

“Lords of Chaos” ist ein ganz großartiger Film. Da steckt einiges drin: Eine “coming of age” Story. Ein nahezu biblischer Mord zweier Rivalen. Musikbusiness und das männliche Ego. Und so einiges mehr.

Irgendwie hat man damals Musik viel ernster genommen. Nicht nur im Black Metal. Heute ist Musik eher der Wurmfortsatz von iTunes, austauschbarer Content halt.

 

 

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