Buchreview: Babbling Corpse: Vaporwave And the Commodification of Ghosts

Ein Buch, dass sich mit Musik, Kapitalismus und Geistern beschäftigt? Eigentlich müsste so ein Unterfangen ja das Hausbuch eines Blogs namens Unkultur werden. Müsste. Eigentlich.

Babbling Corpse: Vaporwave And the Commodification of Ghosts von Grafton Tanner ist bereits Mitte 2016 erschienen. Mir ist es jetzt erst in die Hände gefallen. Kann es was? Das habe ich intensiv überprüft.

Allerdings bleibt der Restzweifel übrig, ob die Geistermetapher nicht irgendwie ein bißchen überzogen ist. Man könnte auch “Überinterpretation” dazu sagen. Über Vaporwave zu reden, macht Sinn, wenn ich mir die Clickzahlen auf Youtube so ansehe. Subkultur ist das nicht mehr, einige Videos kommen auf Millionen von Views.

Ideengeschichte der Geisterologie

Ideengeschichtlich haben in den letzten Jahren schon Mark Fisher und Simon Reynolds den Begriff des Geists aus der Flasche gelassen. Vor allem mit dem Genre Hauntology, über das Reynolds gerne schreibt. Dabei bezieht er sich – genau wie Grafton Tanner – auf Jaques Derrida und dessen Buch “Marx Gespenster”. Als ich das Derrida Buch vor einigen Jahren las, war ich ziemlich ernüchtert. Es sind Vorlesungen von ihm, die voll unter dem Eindruck des Einsturz der Sowjetunion stehen. Und diesen Zusammenbruch des real existierenden Sozialismus sah er nicht als positiv, es spricht ein Marxologe, der jetzt sein Lebenswerk bedroht sah: “OMG! Für Marx könnte sich bald niemand mehr interessieren!”. Marx ist tot, der Kapitalismus hat vorerst gesiegt und aus dieser Position entscheidet sich Derrida für die Nekromantie bzw. Geisterbeschwörung: Marx als Heimsuchung auf den Kapitalismus loszulassen. So weit, so irrelevant. Alas! Aber was will man auch machen als Verlierer der Geschichte.

Was alles zu Vaporwave gehört, ist eher schwer einzugrenzen. Zumal Tanner auch über das virale Video “Too many Cooks” und den Horrorfilm “A Cabin in the Woods” schreibt. Und ich könnte damit auch beliebig Beispiele finden, die das Unheimliche berühren und Popkultur wiederkäuen. Vom Ghostbusters Remake bis Twin Peaks. Die Interpretation des “Too many Cooks” Video als Angriff der Gegenwart auf die Vergangenheit ist zwar witzig. Aber irgendwie wollte die Firma dahinter doch ein virales Video produzieren. Die wenigsten Videos werden einfach so viral, es steckt eine Absicht dahinter und vor allem jede Menge Social Marketing, um den Schneeball ins Rollen zu bringen.

Hauntology versus Postmoderne

Alternativ zur Interpretation von Derrida wird Linda Hutcheon und Fredric Jameson und deren Kritik des Postmodernismus gestellt. Pastiche, “mimicry of other styles”. Mich erinnert die Kritik der beiden an David Foster Wallace, der eine sehr ähnliche Kritik an der ästhetischen Postmoderne teilt. Als Beispiel der Postmoderne dafür dient Star Wars:

“His [Frederic Jameson] example is Star Wars, a film that manipulates the images of certain bygone media – the serial adventure, in particular – to create a form of nostalgic art.”

Ob die heutige Kultur durch die Geister von gestern geplagt wird? Simon Reynolds wirft in seinem Buch Retromania von 2012 dieselbe Fragestellung auf. Nur geht das Phänomen bei ihm tiefer und ist viel breiter als es nur auf “Vaporwave” und “unheimlich” einzugrenzen. Nach meinen bescheidenen 5 Cent ist es eher noch extremer geworden mit der Retromania und insbesondere der Melancholie nach den 80er Jahren. Etwa durch Serien wie “Stranger Things”. Oder “Ready Player One”. Das Buch ist essentiell und ich habe damals dazu hier zur Lesung von Reynolds in Berlin geschrieben und  in der Zeitschrift Datacide ein Review verfasst.

Was produziert Gänsehaut?

Skeptisch bin ich bei den grundlegenden Aussagen im Buch, dass mit dem Sampling von Musik diese gruselig sein soll. Der Autor schmeißt kurz einen Verweis auf Sigmund Freud ein, ab dann wird diese Behauptung als gegeben gesetzt. Ich könnte viel weiter gehen: Musik war als nicht-stoffliche Kunst über Jahrtausende lang nicht fassbar. Die Musikanten hörten auf ihre Instrumente zu spielen und die Musik verstummte. Erst mit der Aufzeichnung von Musik, konnte diese gebannt werden. Und danach immer wiederholt werden. Das ist aber erstmal kein neues Phänomen, siehe analoge Aufzeichnung und Wiedergabe mit Gramophon, Radio und Magnetbändern. Gruselig ist nur, was explizit gruselig sein soll. Alles andere ist so banal wie Schallplatten von Beatles, Taylor Swift oder Metallica.

Kapitalismus und Warenproduktion

Um Kapitalismus geht es bei Grafton Tanner allenfalls am Rande. Etwa die Frage, was Produktionsverhältnisse sind. Und was diese mit Arbeitskraft zu tun haben. Das Material ist einfach da und dann gibt es Vaporwave auf Youtube. Okay. Nur wer verdient daran? Vor allem eben die Firma Youtube im Plattformkapitalismus. Stattdessen biegt er Derrida als Kunstkritiker um:

“With more suffering mounting every day in the wake of the newest moment of capitalism, Derrida argues we are nowhere near the “end of history.” Hauntology, therefore, is the artistic mode [meine Hervorhebung] of realizing this failure of the future that was promised in the past.”

Damit wird Derrida zu einem Kunstkritiker und eben nicht als Kapitalismuskritiker, dem es um die Veränderung aller Verhältnisse geht. So gesehen ist dann Vaporwave eine ästhetische Skepsis am Konsumentenkapitalismus:

Vaporwave is the music of “non-times” and “non-places” because it is skeptical of what consumer culture has done to time and space. The bulk of vaporwave is critical of late capitalism at every stage of its production, from its source material to the way the music is distributed and sold (if at all).

Oder später nochmal:

Vaporwave is an excellent example of just how commodified the ghosts of our past are.

Diese Aussagen sind ziemlich gewagt. Man könnte ja mal Vaporwave-Producer interviewen mit offen gestellten Fragen. Ob man dabei vernünftige Aussagen zu “consumer culture” erhält, wäre offen. Der Autor fragt nicht nach der Intention der Künstler, sondern betreibt eine Interpretation des Werks, d.h. Werkästhetik. Nur bleiben gleichzeitig alle Begrifflichkeiten ziemlich diffus. Was genau ist Kommodifizierung (das wird kein einziges Mal definiert oder erläutert), wen meint er mit Musikindustrie und wie werden hier Waren wiederverwertet? Copyright wäre ein Schlagwort das mir einfällt, wenn es um das Verwursten von vorhandener Musik und von Videos geht. Ton und Bilder sind nicht einfach so da, sondern wurden von irgendjemandem gemacht und digital aufgezeichnet.

Hyperverfügbarkeit und Übersättigung

Heute kann über Youtube vermutlich ein Großteil der Musik, die jemals geschrieben wurde, angehört werden. Die Archive sind offen und alles steht immer zu jeder Zeit zur Verfügung. Wie gehen wir mit der Überfülle um? Was macht diese Verfügbarkeit mit mir? Er fasst Reynolds zusammen:

“In this oversaturated culture, we feed on media to a point beyond fullness, and that can open up within the most avid media junkie an “abyss,” as Reynolds calls it, “the dimensions of which are in proportion to the emptiness of your life.” Perhaps we can think of it as digital melancholia, the feeling of never being full, of never encountering an end to the information stream, of never actually catching up with all that culture we feel we must keep up with in the first place.”

Die ständige Verfügbarkeit kommt mit einem Preis: Appetitlosigkeit und FOMO (Fear of Missing Out). Ich selbst bin heute weniger an Antworten auf die großen Fragen rund um das Internet interessiert. Sondern eher an ganz praktischen Aspekten des täglichen Lebens: wie gehe ich mit dieser Überfülle um? Ist es überhaupt ein Problem? Oder ist das schon ein pessimistisches Framing der Realität. Eine andere Interpretation gegen “Problem! Schlimm!” vertritt Kenneth Goldsmith in “Wasting Time in the Internet”.

Last Exit Kulturpessimismus

Aber Tanner steht fest auf dem Boden des Untergangs. Wo stehen wir heute? Die Post-9/11 Kultur wird als Eskapismus dargestellt: durch Fantasy, Comics und digitale Technologie, wofür Simon Reynolds zitiert wird. Das klingt schon ziemlich dunkel. Als Steigerung Chris Hedges, der gleich den Untergang des römischen Reiches zitiert wo alles mit Spektakel in den Kulturverfall abrauscht.

“Woah, hold your horses!” möchte ich da Grafton Tanner zurufen. An der Stelle hat sich der Autor vergaloppiert hat mit dem Kulturpessimismus. Wir sind weniger bei Gegenwartsdiagnose, sondern Allgemeinplätzen, die schon so in der Antike postuliert wurden. Kulturpessimismus hört sich immer smart an und man wird immer Argumente dafür finden, dass gerade alles den Bach runter geht. Das Glas ist immer halb leer (zumindest für die eine Fraktion der Menschheit).

Ich selbst finde mich im Team der Agnostiker wieder. Ja, kann so sein. Vielleicht aber auch nicht.

Das Ende vom Lied

Kulturkritik ist nur so gut wie ihre Metaphern. Das “Kulturindustrie” Kapitel von Horkheimer / Adorno ist ebensowenig empirisch, dafür hochgradig polemisch, aber klatscht bis heute 1 übelst rein. Kann man so machen. Bei Sätzen aus “Babbling Corpse” wie dem folgenden dagegen denke ich an Floskelwolke und Alan Sokal:

“As I mentioned in the introduction, listening to vaporwave, an alternative to both the mainstream music and media industries, is one way to resist these massive complexes that promote hype and image and run on profit – very often at the expense of the music itself.”

Ob Vaporwave das Ende vom Lied im kapitalistischen Realismus ist? Ich habe jedenfalls noch keine Geistererscheinungen und Epiphanien auf Youtube erlebt. Wie dem auch sei: das Buch kann man durchaus lesen, ein Urteil möge man sich selbst bilden.

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