Pressure ft. The Bug, Techno Animal, JK Flesh, Miss Red

Kevin Martin ist ein Party Diktator der alten Schule. Er steht nicht nur ganz gerne eine ganze Clubnacht lange alleine hinter dem Mischpult (bis auf eine kurze Unterbrechung), sondern bringt auch gleich noch sein eigenes Sound System mit. Denn wenn letzteres nicht genügend Wumms hat so wie neulich in London, mault er auch schon mal öffentlich auf Facebook.

Das letzte Mal habe ich Techno Animal 2001 gesehen. In einem Club, der damals noch Maria am Ostbahnhof hieß. Kennt man ja heute gar nicht mehr! Und auch das Haus ist auch längst abgerissen. “Die Maria” fand dann später in den Räumen statt, die heute das Yaam beherbergen. Damals hatten Techno Animal gerade die Kreise vom Force Inc Spin-Off-Label Position Chrome verlassen. Das Label war in den 90ern eigentlich das Label schlechthin für Illbient und verschrobene Beats jenseits der geraden Kante. Aber Techno Animal brachten ein neues Album auf Matador raus. Und es sah so aus, als würde das Projekt richtig groß werden. Aber daraus wurde nichts. Techno Animal versanken im Nichts und The Bug spielte alleine seinen Weg nach oben durch Läden wie der Dönerlounge in der Schlesischen Straße.

Am 9.3.2017 folgte dann die erste eigene Clubnacht seiner “Pressure” Reihe im Gretchen. Jetzt nach 16 Jahren nochmal Techno Animal aus der Versenkung zu holen, war gewagt. Aber es funktionierte ganz gut.Der Laden war erstaunlich gut gefüllt.

Aber der Reihe nach. The Bug mixte Platten von 23 bis 1 Uhr. Sehr schöne Selektion mit dubbigen Cuts und das Publikum kam langsam auf Betriebstemperatur. Anschließend folgte der Gig von der israelischen MC Miss Red. Das Album ist unter https://missred1.bandcamp.com/releases hörbar. Eher wie musikalische Skizzen. Kurze Songstrukturen. Cut. Nächstes Leitmotiv.

Die Spannung stieg, ob danach Techno Animal mithalten konnten. Denn die  Tracks stammen aus den späten 90er Jahren.Ein kurzes Schnipsel von Deru´s 1979 zur Überleitung.  Und dann Rumms, Krschz, Gnnnrrkz. Verzerrte HipHop Beats mit Industrial Noises. Die Tracks kamen erstaunlich gut an, was sicherlich auch der dicken Anlage geschuldet war. Das Publikum johlte. Experiment geglückt: Die ganze Nummer funktionierte noch immer sehr gut.

Zur Bestimmung der zeithistorischen Relevanz müsste jemand anderes ran. Ich kann das ganze nur aus Rentner-Perspektive beschreiben. 1997 war das Label Chrome bzw Position Chrome für mich Gott. Ich hatte in den folgenden Jahren eine Adidas-Jacke auf die ich per Schablone das Jaguar-Logo hinten fett als Backprint in weiß draufgesprüht hatte.

Und alles, was an den abseitigen Rändern des musikalischen Geschehens passierte, wirkte sehr interessant. Und heute? Keine Ahnung. Ich höre nur Musik von alten Leuten. Und kenne nur andere alte Leute, die sich über Musik von anderen alten Leuten unterhalten. Die meiste Musik von heute interessiert mich gelinde gesagt wenig. Das einzige Album der letzten Zeit, das meinen Radarschirm erreichte und irgendwie in die Richtung von The Bug geht, ist “Callus” von Gonjasufi auf Warp von 2016. Maximum Verzerrung und Beats und so. Aber auch der hat schon mit Kevin Martin kollaboriert. Und ist auch nicht mehr der Jüngste.

Nach anderthalb Stunden war Techno Animal dann vorbei. Und dann kam Justin Broadrick als J.K. Flesh. Auf einmal merkte ich die 20 Jahre Unterschied im Klangbild sehr deutlich. Jede Snaredrum wirkte auf einmal unglaublich ausdifferenziert. Allerdings zerfiel das Set zwischen seinen Techno Stücken und den Halfbeat Tracks.

Langsam leerte es sich nach 5 Uhr und Kevin Martin übernahm die Plattenteller. Ein Track von Burial war für mich ein fadenscheiniger Vorwand, um endlich nach Hause zu gehen (und dem Typ auf

Großartiger Abend, großartige Musik.

Auf der Website des Gretchen gibt es noch ein Interview mit Kevin Martin zu dieser Nacht.

Leave a Reply

Your email address will not be published.