Veranstaltungsreview: Städtebauliche Todsünden der Ludwigshafener Sozialdemokratie

Nichts weniger als die schonungslose Wahrheit über Ludwigshafen sollte an diesem Abend verhandelt werden. 20 Jahre lang hatte Helmut van der Buchholz vom Buero für angewandten Realismus diesen Vortrag geplant – am 20.01.2017 war es endlich soweit: die schonungslose Wahrheit über die städtebaulichen Fehlleistungen in Ludwigshafen nach 1945.

Ludwigshafen am Rhein ist ohne jeden Zweifel ein Beispiel dafür, dass so einiges schief gelaufen ist in den vergangenen Jahrzehnten.

Aber ist es wirklich fair, das alles den Sozis in die Schuhe zu schieben?

Das Abendmotto traf einen Nerv: die Räumlichkeiten im Hemshof waren bis auf den letzten Stehplatz gefüllt und Nachzügler mussten sich wie Ölsardinen in die letzten Zwischenräume quetschen. Das tat der Stimmung keinen Abbruch. Ebensowenig wie der nicht vorhandene Strom, weswegen die Veranstaltung mit Stirnlampen und Handytaschenlampen beleuchtet wurde. Dafür gab es zur Einstimmung die “best of Facebook” Kommentare zu der Veranstaltung, die für einige Lacher sorgten.

Der Städtebau in Ludwigshafen hatte als Ausgangsbasis eine zerbombte Stadt – “dafür konnte die Sozialdemokratie nichts, dafür war eine andere Partei verantwortlich.” Nach 1945 bis 2001 folgte dann aber die Epoche der SPD. Die bei dem Versuch eine “moderne Großstadt” zu erschaffen en passant die 7 Todsünden abarbeitete.

Grundlage dafür war das städtebauliche Konzept Projekt Visitenkarte von 1958, in dem die Stadt ihre Vision darlegte.

Wie Ideen aus dem Gruselkabinett mutet dies aus heutiger Sicht an. Etwa die autogerechte Stadt. Dazu wurde das System der Hochstraßen wurde eingeführt. Nachteil (wie man heute weiß): im Unterhalt sehr teuer, die Flächen darunter sind oft nicht nutzbar und die Stadt ist durch Straßen zerteilt. Dazu wurden Ausfallstraßen erweitert und weitere Tangenten geplant, um die Arbeiter schnell in die Fabriken zu bringen. Mit dem Auto. Diese Fokussierung auf den Autoverkehr sorgte für eine Zersiedelung der Stadt, anstelle eines einheitlichen Stadtgebiets gibt es unzusammenhängende Stadtteile.

Dieser disperse Eindruck der Stadt würde durch die Abrißpolitik verstärkt: nahezu alle Gebäude wie des alten Pfalzbaus und der Tortenschachtel, die so etwas wie eine städtische Identität repräsentieren könnten, würden abgerissen. “Fast schon so etwas wie eine Regel”, denn jetzt würde auch über den Abriß der Eberthalle diskutiert.

Die Verlegung des Hauptbahnhofs kam zur Sprache, ebenso dessen U-Bahn-Anbindung an das Rathaus, hier waren ursprünglich mehrere Linien geplant gewesen. Stattdessen stehen die dort Ankommenden mitten im Nichts. Nicht angesprochen wurde der Bahnhof Mitte, der Reisende mitten im Zentrum abliefert und im Unterschied zum Hauptbahnhof weniger gruselig wirkt. Aber gut – das Thema des Abends verfehlt dieser Bahnhof.

Am Ende ging es noch um die Einkaufszentren in Ludwigshafen: Walzmühle, Rathaus-Center und Rhein-Galerie. An der Rhein-Galerie und dem ECE Projektmanagement gab es Kritik: warum eine Shopping-Mall an den Rhein bauen, aus der man nicht nach draußen sehen kann? Das Gebäude könne auch an jedem anderen Ort stehen.

Am Ende gab es noch einen kurzen Ausblick auf das, was möglich wäre: Ein Minigolf-Platz unter der Hochstraße. Alle so “yeah” und mit frenetischem Applaus endete dir Veranstaltung und van Buchholz entließ das Publikum in die klirrende Kälte bzw. das gähnende Nichts dieser Ludwigshafener Winternacht.

Kann man gerne wiederholen.

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