Computer Chess [2013] – unter Menschen mit Brille

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Manchmal finde ich Filme gut und bin hinterher euphorisch-aufgedreht beim Verlassen des Kinos. Bei SLC Punk war das der Fall. Manche gute Filme wirken auf mich dagegen beim erstem Mal ansehen befremdlich. Irgendwie muss mein Gehirn erst langsam verarbeiten, was man da gesehen hat und dass es den Bereich des Normalen übersteigt. Computer Chess ist so ein Fall, was sicher auch am der lakonischen Atmosphäre liegt. Gedreht zum Großteil in Schwarz-Weiß-Optik unterstützen die drögen Bilder die dröge Realität. Und ehrlich gesagt ist das Ansehen auch mit Überwindung verbunden, der Film macht es einem nicht einfach, die harte Schale will erst geknackt werden, was mir beim Schreiben des Reviews auffällt.

Also so: Irgendwo knapp vor 1984 in einem ranzigen Hotel irgendwo in den USA. Männer mit Brille tragen ihre klobigen Rechenmaschinen in einen Konferenzraum, um ihre Schachprogramme dort gegeneinander antreten zu lassen. Der Film lebt von den Charakteren: jeder hat ihr eine Meise. Vom hyperventilierenden Michael Papageorge bis zum Brille-hochschiebenden Martin Beuscher. Verhandelt wird so einiges: Künstliche Intelligenz in klobigen, frühzeitlichen Computern, Pentagon-Verschwörungen – und die Themen der 1960er Gegenkultur auf allen Ebenen: freie Liebe, Drogen aller Coleur, kreative Neugier. Sowas wie eine aufeinander bauende Handlung gibt es nicht, der Verlauf des Turniers ist die lose Perlenschnur, auf der die einzelnen Ereignisse aufgereiht werden. Wie in Clerks gibt es jede Menge skurrile Verhaltensweisen von Menschen in depravierter Umgebung, die durch eine Laune des Schicksals zusammengewürfelt werden (wobei einige Protagonisten im Film den Zufall negieren, eben eine der Referenzen an die früher 80er Esoterik-Begeisterung, zu der im echten Leben auch People´s Temple und Osho zählten). Zu den Pluspunkten gehört die authentische 80er Atmosphäre mit fiesen Brillen (derzeit modetechnisch en vogue) und längst ausgestorbenen Automodellen. Historifizierung der Computergeschichte, warum eigentlich nicht? Wahrscheinlich erzählt der Film weniger über die Vergangenheit, als über den Zugriff der Gegenwart auf die Vergangenheit. Es scheint ja ein Bedürfnis zu geben, nochmal an dem Punkt einzusteigen, wo Computerfreunde in einem schummrigen Dunstkreis der Nachwehen der Hippiekultur ihr Dasein fristeten. Das erscheint alles sehr weit weg.

Metaphorisch ist Computer Chess am ehesten wie Tee, dessen erster Aufguss weggeschüttet wird und der erst langsam sein Aroma entfaltet. Die anschließende eigene Recherche nach der Geschichte der Schach-Programmierung macht erst weitere Nuancen des Genuss der Rezeption auf.

http://www.computerchessmovie.com/
http://www.imdb.com/title/tt2007360/

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