Kulturelles Ressentiment mit Adorno

Ich hatte gewußt, dass es so etwas geben muss und endlich ein Beispiel dafür gefunden. Kulturindustriethese als ganz gewöhnlicher Kulturkonservatismus. Es liest sich so an, wenn Sozialisten versuchen Kulturkritik zu betreiben :

Techno ist keine Kunst. Techno begeistert nicht. Techno setzt keine Akzente.

Marcus Hawel in “Techno ist das Extasy der Jugend. Thesen zur Loveparade” von 1997. Weder schafft es der Autor Techno als Musik zu beschreiben, noch die Loveparade als spezifisch deutsches Phänomen. So gesehen wäre es ja schön, wenn Techno keine Kunst mehr darstellen würde, sie aufgehoben und überwunden hätte. Stattdessenräsoniert Hawel in bestem Deutschtum darüber, dass ja alles jenseits der Arbeit Freizeitbeschäftigung geworden sei, und die Kunst dabei auf der Strecke bliebe. Techno wird in diesem Sprech als “Perversion” bezeichnet, da sich mimetisch zu den steinernen Verhältnissen bewegt würde. Schon dieser Jargon entlarvt den Autor, hier bricht der Hass auf die Abweichung von der Norm durch.
Als ob nicht der tägliche Gang in den Supermarkt, in den Park, schlechte Gitarrenmusik oder das Verfassen von Texten genauso die Vergesellschaftung widerspiegeln würde.Wo Adorno, bei seiner Abneigung gegen Jazz, das Ziel vor Augen behält, nämlich die falschen Verhältnisse in der Totalität aufzuzeigen, möchte Hawel einfach nur Techno als besonders schlimm entlarven.

Schließlich noch die Hoffnung, man müsse alles und jeden politisieren und weil Techno das verhindern würde, wäre er besonders verdarbt. Und genau diese traditionsmarxistische Hoffnung auf die Massen, die doch nur das Richtige denken müssten, will Hawel als “Negation des Bestehenden” nach Adorno verkaufen. Alleine die Vorstellung, dass Jugendkulturen “kritisch” sein müssten, ist absurd. Hier wird die gute linksdeutsche Geisteshaltung sichtbar: damals wollte man die Welt verändern und hatte ein kritisches Bewußtsein und vermutlich auch die richtige, weil kritische Musik, während heute nur noch alles affirmativ und ganz schlimm sei.
Wenn man dann merkt, dass man mit Jugendphänomenen nichts mehr anfangen kann, fühlt man sich plötzlich um die eigene Jugend betrogen: das alles soll gestern gewesen sein und heute nicht mehr gelten? Dabei ist es doch der eigene Wandel: man selbst befolgt die Regeln, die besagen, dass es sich ab einem gewissen Alter nicht mehr schickt, bestimmte Verhaltensmuster an den Tag zu legen. In der Jugendphase soll ja all das Verhalten abreagiert werden. Sie dient zum Ausleben einer vermeintlichen Freiheit; um die Illusion aufrecht zu erhalten, man hätte eine Wahl im Leben, könne sein Leben in der verwalteten Welt selbst bestimmen. Ein Hauch Wahrheit besteht an dieser Aussage: Kinder und Jugendliche sind seit jeher wirklich keine “vollwertigen” Mitglieder der Gesellschaft, sie selbst haben ja noch nicht gelernt, die Regeln an sich auszuüben und gelten deswegen seit jeher als potentielle Bedrohung. Dazu entwirft die Kulturindustrie immer neue Konsumangebote, die jugendliches Aufbegehren in geordnete Bahnen lenkt und die Adoleszenz mythisch verklärt.
Doch irgendwann ist damit Schluss und die Verbitterung aufgrund des Betrugs setzt ein. Dabei sind es Zwänge, die sich das Subjekt selbst antut. Es sind die internalisierten Normvorstellungen, die der Einzelne an sich exekutiert. Diese Selbstverstümmelung, wo man davor doch vermeintlich, vielleicht sogar wirklich ein bißchen, Freiheit hatte, und jetzt das Leben nur noch Zwang darstellt, schlägt bei einigen um in den Hass auf die Menschen, die sich heute in der Phase der Adoleszenz befinden. Auf einmal merkt man, dass man von all der Jugendmusik ausgeschlossen ist, denn diese bewahrt sich ihre Existenzberechtigung klassischerweise durch Ausschluß. Wer zu jung oder zu alt ist, darf nicht mitmachen, schließlich gilt es den Mythos der Jugend zu wahren. So auch Marcus Hawel. Statt am Stammtisch mit Leidensgenossen darüber zu räsonieren, wie schön die Zeit damals doch war, sucht sich die Wut über die Vertreibung aus dem Paradies ein Ersatzobjekt. Adorno wird entdeckt und mit ihm aufgezeigt wir affirmativ und unkritisch heute alles sei.

Für Marcus Hawel kommt der Wandel leider zu spät, aber Rettung naht: die klassischen Jugendkulturen lösen sich auf, stattdessen werden jugendkulturelle Muster heute bis weit über 40 geduldet. Es scheint Bedarf in der alternden Gesellschaft zu geben, den Mythos der Jugendlichkeit zu vergrößern.

Selbst lesen:

http://www.sopos.org/aufsaetze/3f20234362f3f/1.phtml

One thought on “Kulturelles Ressentiment mit Adorno

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